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Molekularbiologische Therapie
Die molekularbiologische oder zielgerichtete Krebstherapie („Targeted Therapy“) ist ein noch junger Ansatz bei der Behandlung von Krebs. Während die Chemotherapie eher unspezifisch wirkt und auch gesunde Zellen schädigt, können durch die neuen spezifischen Wirkstoffe nun zielgenau die Krebszellen angegriffen werden – eine wirksame, aber für den Gesamtorganismus weniger belastende Methode.
Um verstehen zu können, wie die molekularbiologische Therapie wirkt, braucht es etwas Grundlagenwissen zum Zell- und Gefäßwachstum.
Grundlagen: Zellwachstum
Zellwachstum und Zellteilung werden über Botenstoffe (Liganden) gesteuert, die über die Blutbahn an die Zellen gelangen. Auf der Zelloberfläche befinden sich spezifische Bindestellen (Rezeptoren) für die Botenmoleküle, die mit einem Teil über die Zelloberfläche hinaus-, mit dem anderen ins Zellinnere hineinragen. Liganden und Rezeptoren passen zusammen wie Schlüssel und Schloss. Lagert sich ein Wachstumsfaktor-Ligand an seinen spezifischen Rezeptor an der Zelloberfläche an, wird in der Zelle eine Signalkette ausgelöst, die letztendlich die Zellteilung veranlasst.
Es gibt viele verschiedene Rezeptor- und Ligandentypen mit unterschiedlichsten Funktionen. Für das Zellwachstum sind vor allem vier miteinander verwandte Wachstumsfaktor-Rezeptoren bedeutungsvoll, die als epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptoren (Epidermal Growth Factor Receptor, Abk. EGFR, ErbB oder HER) bezeichnet werden: ErbB-1 (HER1, EGFR1), ErbB-2 (HER2), ErbB-3 (HER3) und ErbB-4 (HER4).
Diese Rezeptoren kommen auf den Zellen vieler menschlicher Organe vor. Bei Krebszellen kann die Anzahl von ErbB-1 und ErbB-2 jedoch bis zu 100-mal größer sein als auf gesunden Zellen. Man spricht dann von einem „überexprimierten“ Rezeptor. Die Folge: Das Wachstumssignal wird zu häufig übertragen, und es kommt zu einer beschleunigten Zellteilung – der Tumor wächst zu stark.
Grundlagen: Gefäßwachstum
Die Gefäßneubildung (Angiogenese) wird ebenfalls über körpereigene Botenstoffe, Bindestellen auf der Zelloberfläche und Signalwege im Zellinneren geregelt. Damit die Zellen – gesunde und auch Tumorzellen – mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden, senden sie Wachstumssignale an die umliegenden Blutgefäße aus und regen sie an, neue Verzweigungen zu bilden.
Ein wichtiger Botenstoff für den Prozess der Gefäßneubildung ist das Protein VEGF (Vascular endothelial growth factor). VEGF bindet an auf der Zelloberfläche vorhandene Rezeptoren, die das Signal ins Zellinnere weiterleiten.
In Tumoren wird oftmals eine erhöhte Ausprägung von VEGF gefunden. Daraus ergibt sich ein weiterer Angriffspunkt für molekularbiologische Therapien.
Wirkungsweise der molukularbiologischen Therapie
Bösartige Zellen bilden durch die Veränderung der Erbsubstanz (Mutation) bestimmte Eigenschaften aus, die bei gesunden Zellen nicht oder kaum vorkommen. Dies sind die Angriffspunkte („Targets“) der neuen Wirkstoffe.
Dabei handelt es sich um
- monoklonale Antikörper (Wirkstoffname endet auf „-mab“), die extrazellulär wirken, sowie um
- „Kleine Moleküle“ („Small Molecules“, Wirkstoffname endet auf „-mib“ oder „-nib“) bzw. Tyrosinkinasehemmer, die intrazellulär ihre Wirkung entfalten.
Sie richten sich gegen
- Botenstoffe („Liganden“),
- Bindestellen (Rezeptoren) für diese Botenstoffe auf der Zelloberfläche oder
- Signalwege in den Zellen und beeinflussen damit das Tumor- bzw. das Blutgefäßwachstum.
Einige dieser neuartigen Wirkstoffe sind seit einigen Jahren für bestimmte Indikationen zugelassen, viele weitere befinden sich noch in der Entwicklung und werden in klinischen Studien auf ihre Wirksamkeit getestet.
(red)
Quellen:
Dempke Wolfram: Molekulare Therapie in der Hämatologie/Onkologie, Uni-Med Verlag 2008
Aktualisiert am: 23.05.11 - 19:07