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Familiäre Vorbelastung

Bei der Entstehung von Krebserkrankungen spielen Umwelteinflüsse eine große Rolle: Rauchen, bestimmte Chemikalien oder eine ungesunde Ernährung können durch "Eigenverschulden" zu Krebs führen. Warum aber bekommt mancher schwere Raucher niemals Lungenkrebs, während in seltenen Fällen auch konsequente Nichtraucher bereits in jungen Jahren an Lungenkrebs sterben?

Familiäre Veranlagung: Krebs tritt früh auf

Umwelteinflüsse treffen immer auf eine individuelle, vererbte Veranlagung, Krebserkrankungen auszubilden oder nicht. Das Zusammenspiel von Umwelt und erblicher Veranlagung ist in den meisten Fällen nicht vorhersagbar; dagegen gibt es Familien, in denen etwa jeder Zweite an einem bestimmten Organkrebs erkrankt. In diesen Familien steht die erbliche Komponente deutlich im Vordergrund. Typisch für Familien mit einer erblichen Veranlagung zu Krebserkrankung ist das Auftreten von Krebs in einem jüngeren Lebensalter, durchschnittlich etwa 20 Jahre früher als das Durchschnittsalter bei der nicht-erblichen Form.

Auf eine familiäre Krebsbelastung weist das Auftreten von Krebserkrankungen in der eigenen Familie hin. Allerdings ist Krebs eine so häufige Erkrankung, dass bei einem oder zwei Krebserkrankungen in der Familie in aller Regel nicht auf eine familiäre Häufung geschlossen werden kann. So muss in Betracht gezogen werden, dass Mutter und Vater nicht miteinander verwandt sind, und dem Auftreten vereinzelter Erkrankungen in beiden Familienzweigen wesentlich weniger Bedeutung beizumessen ist, als dem Auftreten mehrerer Krebserkrankungen allein auf der mütterlichen oder väterlichen Seite. Dies gilt umso mehr, wenn hier die gleichen Organe oder eine bestimmte Konstellation von Organen betroffen war.

5 Prozent der Erkrankungen werden vererbt:
Man geht heute davon aus, dass etwa fünf Prozent aller Schilddrüsen-, Darm-, Brust-, Magen-, Nieren-, Gebärmutter-, Prostata- oder anderer Krebsarten erblich sind. Oftmals treten vor einer Krebserkrankung erkennbare gutartige Vorstufen von Krebs oder andere typische Merkmale auf, die bereits auf eine Veranlagung hinweisen. Manche dieser "Syndrome" sind klinisch schon Anfang des Jahrhunderts beschrieben worden und bei einigen gibt es schon lange gute Vorsorgemöglichkeiten. Als Beispiel sei hier eine Form des erblichen Darmkrebses erwähnt: die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP). Betroffene Personen entwickeln schon in sehr jungem Alter viele Polypen (gutartige Vorstufen, die zu Krebs führen können) im Darm.

Darmpolypen frühzeitig erkennen und entfernen

Lässt man der Erkrankung ihren Lauf, dann wird mit absoluter Sicherheit Darmkrebs durchschnittlich schon im Alter von 35 Jahren auftreten. Nachkommen von FAP-Erkrankten wird eine Enddarmspiegelung im jugendlichen Alter empfohlen, um noch vor Auftreten der ersten Krankheitszeichen, z.B. Blut im Stuhl, die Polypen zu erkennen. Ist die Veranlagung bekannt, können frühzeitig Vorsorge- und vorbeugende Behandlungsmaßnahmen eingeleitet werden, die den Darmkrebs verhindern.

Jedes Organ muss im Zusammenhang betrachtet werden. Es ist kein Zufall, dass Frauen mit Veranlagung zu familiärem Brustkrebs auch für die Ausbildung von Eierstockkrebs veranlagt sind. Ebenso erkranken Patientinnen mit familiärer Veranlagung zu Darmkrebs auch häufiger an Gebärmutterkrebs. Aus diesem Grund gibt es heute für die einzelnen familiären Krebsformen engmaschige Vorsorgeempfehlungen. Durch die Früherkennungsmaßnahmen kann dem erhöhten Risiko entgegengewirkt und manchmal auch die Krebsentstehung verhindert werden.

Was ist prädiktive Diagnostik

Bei einigen familiären Vorbelastungen hat man die genetische Grundlage bereits entschlüsselt: Dies sind u.a. das MEN-Syndrom (Multiple endokrine Neoplasien), das Mamma-Ovar-Syndrom (Brust- und Eierstockkrebs), die FAP (familiäre adenomatöse Polyposis), das Retinoblastom und HNPCC (hereditäres nicht-polypöses kolorektales Karzinom), VHL (von-Hippel-Lindau), das Peutz-Jeghers-Syndrom und das hereditäre Magenkarzinom. Die verantwortlichen Erbanlagen sind charakterisiert worden. Damit hat sich eine neue Dimension der Medizin eröffnet: die sogenannte "prädiktive" Diagnostik. Was heißt das?

In Familien, in denen eines der Syndrome vorliegt, kann man versuchen, die genaue Veränderung der Erbanlage nachzuweisen. Diese Untersuchung wird in aller Regel durch eine Blutuntersuchung bei einer erkrankten Person der Familie durchgeführt. Dieses Angebot einer molekulargenetischen Untersuchung sollte entsprechend den Richtlinien der Deutschen Ärztekammer immer in ein persönliches Beratungsgespräch eingebettet sein. Gelingt der Nachweis der genauen genetischen Veränderung, so kann den Nachkommen, deren Blut ebenfalls untersucht wurde, mitgeteilt werden, ob sie die Veranlagung geerbt haben oder nicht. Die Strategien der Vorsorge hängen vom jeweiligen Syndrom ab. Dabei wird berücksichtigt, welche Vorsorgemöglichkeiten für das jeweilige Organ oder Organsystem vorhanden sind. Auch das typische Erkrankungsmuster in Bezug auf Alter und Vielfalt sowie die Ausprägung des jeweiligen Syndroms werden individuell berücksichtigt.

Verbundzentren beraten betroffene Familien

Oftmals sind bei der Betreuung von Familien mit einer familiären Belastung unterschiedliche Fachdisziplinen gefordert, so dass ein gutes Zusammenspiel der Ärzte für eine optimale Vorsorge angebracht ist. Die Deutsche Krebshilfe hat in den vergangenen Jahren mit den sogenannten "Verbundzentren" Kompetenzzentren geschaffen, bei denen Interessierte, Betroffene und Ratsuchende umfassend beraten und klinisch betreut werden können. Im Vordergrund stehen hier das Verbundprojekt zum Brust- und Eierstockkrebs und das Verbundprojekt zu familiärem Darmkrebs (HNPCC.de).

Wenn Sie der Meinung sind, dass bei Ihnen in der Familie eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Krebserkrankungen aufgetreten ist, sollten Sie Ihren Hausarzt darauf ansprechen und sich ggf. in einem Institut für Humangenetik oder einem klinischen Zentrum beraten lassen.

(red)




Quellen:
N. Becker, L. v. Karsa: Sekundäre Prävention, in: H.-J. Schmoll. K. Höffken, K. Possinger (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie, Springer Verlag 2006, S. 307-339


Aktualisiert am: 20.05.11 - 21:53



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