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Allogene Stammzelltransplantation: Warum ist das Infektionsrisiko so hoch und wie kann es gesenkt werden?

Allogene Stammzelltransplantation: Infektionsrisiko - OP Entnahme Knochenmark
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Stammzelltransplantationen (SZT) finden vor allem bei der Behandlung von Patient*innen mit Blutkrebs statt. In Deutschland werden jährlich über 3000 allogene Stammzelltransplantationen durchgeführt – Tendenz steigend [1]. „Allogene Stammzelltransplantation bedeutet, dass die Patientin bzw. der Patient Knochenmark oder Blutstammzellen einer Spenderin bzw. eines Spenders empfängt.“, erklärt Prof. Carsten Müller-Tidow vom Universitätsklinikum Heidelberg. Eine möglichst hohe Rate an Übereinstimmung sogenannter HLA-Merkmale (HLA = Humane Leukozytenantigene) ist dabei entscheidend, um die Wahrscheinlichkeit von Abwehrreaktionen des gespendeten Knochenmarks gegen den Organismus der Empfänger*innen zu verringern [2,3]. Im Gegensatz dazu kommen bei der autologen SZT eigene Knochenmark- oder Blutstammzellen zum Einsatz, die vorab entnommen wurden. Dieses Verfahren wird eher bei der Therapie des multiplen Myeloms angewendet [3].

Komplikation Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion: Gesunde Gewebszellen werden attackiert

Erkrankungen, bei denen häufig eine allogene SZT durchgeführt wird, sind akute Leukämien (z.B. eine akute myeloische Leukämie [AML]), aber auch andere Krankheiten wie das myelodysplastisches Syndrom kommen vor [3]. Mit einer SZT steigt die Chance auf eine Lebensverlängerung oder auch auf eine Heilung, dennoch bringt das Verfahren große Herausforderungen mit sich. „Eine der Hauptkomplikationen bei der allogenen SZT ist das Auftreten einer Graft-versus-Host-Disease (GvHD) oder auch Transplantat-gegen-Wirt-Erkrankung.“, so Prof. Müller-Tidow. Dabei greifen die gespendeten Immunzellen gesunde Zellen der Empfänger*innen an. Dieser Vorgang kann verschiedene Gewebe wie die Haut, den Darm oder die Leber betreffen, sogar chronisch werden und zu Folgekomplikationen führen [1,4]. Häufig kommt es zum vermehrten Auftreten von Infektionen. Diese können allerdings auch ohne das Vorhandensein einer GvHD entstehen und Probleme verursachen.

Mit dem Deutschen Krebspreis ausgezeichnete Forschungsprojekte rund um das Thema Stammzellen und Stammzelltransplantation

Prof. Dr. Andreas Trumpp (Heidelberg) ➝ Deutscher Krebspreisträger 2020 im Bereich der experimentellen Forschung

  • Ziel seiner Arbeitsgruppe ist die Entwicklung von innovativen Strategien, mit denen Krebs- und Metastasenstammzellen aufgespürt und bekämpft werden können.
  • Dafür nutzt seine Gruppe u.a. Zellmodelle, Mausmodelle sowie Probenmaterial von Patient*innen.
  • Die Erforschung der molekularen und zellulären Grundlagen der Selbsterneuerung von Hämatopoetischen Stammzellen (HSCs) sowie der Embryonalen Stammzellen (ESCs) stehen dabei im Fokus.
  • Homepage der Abteilung von Prof. Trumpp mit weiteren Informationen

 

Prof. Nikolas von Bubnoff (Lübeck) & Prof. Robert Zeiser (Freiburg) ➝ Deutsche Krebspreisträger 2021 im Bereich der translationalen Forschung

  • Die beiden Forscher entwickelten zusammen mit ihren Teams einen neuen Therapieansatz zur Behandlung der Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD).
  • Durch den Einsatz eines hemmenden Medikaments (Inhibitor) werden die bei einer GvHD auftretenden Entzündungsreaktionen unterdrückt.
  • Medikamente, die dieses Prinzip nutzen, sind in anderen Ländern bereits zugelassen.
  • Interview anlässlich der diesjährigen Preisverleihung mit den beiden Gewinnern

Warum ist die Anfälligkeit für Infektionen nach einer allogenen SZT so hoch?

Das Ziel einer SZT ist der schrittweise Aufbau eines neuen blutbildenden Systems und damit eines neuen Immunsystems. Dabei werden Empfänger*innen und deren Immunsystem stark vorbehandelt. Der Ablauf einer allogenen SZT beginnt zur Vorbereitung für die folgenden Behandlungsschritte mit dem Anlegen eines zentralvenösen Katheters (Abb. 1) [4]. In der Konditionierungstherapie wird eine Hochdosis-Chemotherapie verabreicht. Gegebenenfalls findet zusätzlich eine Strahlenbehandlung statt. „Diese kurze, aber heftige Vorbehandlung ist notwendig, um möglichst viele Krebszellen im Körper der Empfängerin bzw. des Empfängers zu zerstören und gleichzeitig Platz im Knochenmark für die neuen Stammzellen zu schaffen“, erläutert der Experte. Damit gehen aber auch die eigenen Stammzellen verloren und die Infektanfälligkeit steigt. Über die allogene SZT erhalten Empfänger*innen die für sie neuen Stammzellen, indem diese Stammzellen der Spender*innen ins Knochenmark wandern und neue Blutzellen bilden. Das Transplantat wächst an und kann unter Umständen die bereits beschriebene GvHD auslösen [4].

Durch die Eindämmung des Immunsystems als Vorbereitung auf die allogene SZT wird der eigene Schutz gegen Bakterien, Viren und Pilze vermindert. Eine medikamentöse Prophylaxe ist daher nötig, bis das Immunsystem der Empfänger*innen nach der allogenen SZT wieder hergestellt ist. In den ersten zwei Jahren nach einer SZT ist das Infektionsrisiko besonders hoch, aber auch danach können weiterhin Infektionen auftreten [7]. Sie sind für bis zu 17-20 % der Todesfälle nach einer allogenen SZT verantwortlich [8].

Allogene Stammzelltransplantation: Infektionsrisiko - Bakterien, Viren und Pilze
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Bakterien, Viren und Pilze – Vielfältiges Infektionsrisiko

In Abhängigkeit von der Phase, in der sich Empfänger*innen nach einer SZT befinden, können unterschiedliche Infektionsursachen vorliegen. Direkt nach einer allogenen SZT sind es besonders häufig bakterielle Infektionen, während im späteren Verlauf eher Viren (z.B. Herpesviren) oder Pilze (z.B. Schimmelpilze oder Hefepilze) verantwortlich sind [8]. Oft haben Mykosen, d.h. Pilzinfektionen, keine typischen Symptome und werden deshalb erst spät entdeckt.

Allogene Stammzelltransplantation: Infektionsrisiko - Schutzimpfung
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Was sind mögliche präventive sowie akute Maßnahmen?

„Bereits vor einer allogenen SZT sind vorbeugende Maßnahmen als Infektionsprophylaxe wichtig. Die Schulung der Betroffenen, aber auch von Angehörigen ist daher entscheidend“, so Prof. Müller-Tidow. Geachtet werden sollte z.B. auf mögliche Exposition mit Erregern, auf hygienische Maßnahmen beim zwischenmenschlichen Kontakt und in der häuslichen Umgebung.

„Nach einer allogenen SZT muss besonders auf Frühsymptome oder das Auftreten von Fieber geachtet werden“, hebt der Experte hervor. Die Kontaktaufnahme zum Arzt oder der Ärztin sollte direkt erfolgen. Keinesfalls sollte ohne Absprache eine Selbstmedikation durchgeführt werden. Eine frühzeitige z.B. antibiotische, antimykotische oder antivirale Therapie und ein schneller Nachweis von Erregern z.B. in Blut oder Urin helfen dabei, die Infektionen zu bekämpfen [7,8].

Ein zuvor aufgebaute Impfschutz besteht nach einer allogenen SZT nicht mehr. Daher ist eine erneute Grundimmunisierung nötig. Diese findet in enger Absprache mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin auf Basis eines Impfplans statt [9]. Nach ca. sechs Monaten nach der allogenen SZT kann eine Impfung mit Totimpfstoffen gegen Pneumokokken oder die saisonalen Grippeviren erfolgen. Gegen andere Erreger wie Hepatitis A oder B kann erst zu einem späteren Zeitpunkt geimpft werden [7].

Fazit

Das Infektionsrisiko ist für Patient*innen, die eine allogene Stammzelltransplantation erhalten, hoch und kann zu schweren Komplikationen führen. Durch eine engmaschige Beobachtung der Empfänger*innen, vorbeugende Maßnahmen und eine intensive Aufklärung der Betroffenen und Angehörigen über mögliche Infektionsgefahren kann das Risiko jedoch reduziert werden.

Wie können Infektionen nach einer allogenen SZT verhindert bzw. früh entdeckt werden? [10]

  • Vor Entlassung:
    • Gründliche Säuberung des Hauses/der Wohnung (inkl. Waschen der Vorhänge; Bett frisch beziehen; Entfernung von Topfpflanzen; vorübergehende alternative Unterkunft für Haustiere etc.)
  • Nach Entlassung:
    • Regelmäßige Einnahme der verordneten Medikamente.
    • Regelmäßige ärztliche Nachuntersuchungen (andere Arztbesuche wie Zahnarzt, Augenarzt oder Gynäkologe mit Transplantationszentrum abklären)
    • Keine Einnahme von Medikamenten/Substanzen ohne Absprache mit behandelnden Transplantationsarzt oder -ärztin
    • Tragen eines Mundschutzes & Desinfektion der Hände
    • Gute Körperhygiene; Hautpflege; täglicher Wäschewechsel; weiche Zahnbürste; Bettwäsche regelmäßig wechseln; Sonnenschutz auftragen und direkte Sonnenexposition vermeiden; ggf. keine Nägel schneiden (nur Feilen) und nur elektrische Rasur
    • Infektionsprophylaxe: Achten auf Kontakt-, Schmier- oder Tröpfcheninfektionen oder Eintritt von Erregern über Wunden etc.

 

Aber: Infektion sind durch ausreichende Hygiene usw. dennoch nicht immer verhinderbar. Besteht Verdacht auf eine Infektion oder treten spezifische/unspezifische Symptome auf ➝ Aufsuchen des Arztes / der Ärztin!

Weitere Tipps/Empfehlungen (ebenfalls zu Themen wie Ernährung, Sexualität usw.) finden Sie z.B. in der Broschüre der Charité für Patient*innen, siehe Quelle 10.

Quelle: © ©Universitätsklinikum Heidelberg
Medizinische Klinik V
Hämatologie Onkologie Rheumatologie

Fachliche Beratung

Prof. Dr. med. Carsten Müller-Tidow ist seit 2017 Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik V, Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Zu seinen klinischen Schwerpunkten zählen neben der Stammzelltransplantation, akute Leukämien, MDS, Lymphome und das Multiple Myelom.
Universitätsklinik Heidelberg

 

(akm)

Letzte inhaltliche Aktualisierung am 23.07.2021

Zuletzt aufgerufen am: 17.09.2021 15:30