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Hyperthermie-Behandlung

blaues DNA-Model, Quelle: © zhu difeng - fotolia.com
Quelle: © zhu difeng - fotolia.com

Das Wort Hyperthermie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Überwärmung. Unter diesem Begriff werden verschiedenen Behandlungsverfahren zusammengefasst, denen gemeinsam ist, dass Körperbereiche für etwa eine Stunde kontrolliert auf eine Temperatur von bis zu 43°C gebracht werden. Dies geschieht in der Regel durch elektromagnetische Wellen, die über antennenartige Applikatoren von außen in den Tumor geleitet werden. Eine Hyperthermie-Behandlung kommt insbesondere bei großen inoperablen Tumoren oder einem fortgeschrittenen Krankheitsgeschehen infrage, wenn andere konventionelle Verfahren schlecht oder gar nicht angesprochen haben. Hyperthermie sollte keinesfalls die Alternative zu einer Krebstherapie darstellen, sondern deren Wirkung lediglich optimieren!

Grundsätzlich reagieren Krebszellen empfindlicher auf Wärme als gesunde Körperzellen. Bei lang andauernder und wiederholter Hyperthermie bidlen die Zellen so genannte Hitzeschockproteine, die auch Stresseiweiße genannt werden. Sie fungieren als Signal für die körpereigenen Killerzellen, die angeschlagenen und mutierten Zellen abzubauen. Eine Erwärmung auf 42 oder 43°C lässt sie bereits absterben. So hat die Überwärmung zwei Effekte: Zum einen zerstört sie die Krebszellen, zum anderen sorgt sie für eine gute Durchblutung des Tumors und sensibilisiert das Gewebe für die bessere Aufnahme von Medikamenten sowie den Strahlen einer Strahlenbehandlung (Radiotherapie).  Die Hyperthermie wird grundsätzlich nicht allein eingesetzt, sondern immer in Kombination mit einer Chemo- und/oder Radiotherapie (Strahlenbehandlung), deren Wirkung sie verstärken kann. Bei der Chemotherapie bewirkt sie, dass die Reparatur-Mechanismen des Tumorgewebes beschädigt werden, sodass ein besserer Einstrom der Chemotherapie-Lösung in sonst eher schlecht erreichbares Gewebe ermöglicht wird.


Entscheidend für die Wirkung sind v.a. die Höhe der Temperatur im Zielgebiet (42,5 bis 43 °C), die Dauer der Anwendung und die unmittelbare zeitliche Nähe von Hyperthermie und Chemo- bzw. Strahlentherapie. Eine Behandlung dauert etwa eine Stunde, hinzu kommt eine „Anwärmphase“ von etwa 20-30 Minuten. Nach Abschalten der Geräte nimmt die Temperatur im Gewebe rasch wieder Normalwerte an.

Etablierte Hyperthermieverfahren:

Lokale Oberflächenhyperthermie (lokoregionäre Hyperthermie)
Bei diesem gängigen Verfahren wird ein mit Wasser gefüllter Silikonapplikator auf die Hautstelle gelegt, unter der sich der Tumor befindet. Spiralförmige Antennen im Inneren des Applikators senden Mikrowellen durch den Wasserpuffer hindurch in den Tumor. Die lokoregionäre Hyperthermie kommt z.B. bei Lymphknotenmetastasen im Halsbereich, wiederkehrenden Brusttumoren oder schwarzem Hautkrebs, dem malignen Melanom, zum Einsatz.

Regionale Tiefenhyperthermie
Mit diesem ebenfalls etablierten Verfahren werden auch Tumoren erreicht, die sich in tieferen Gewebeschichten befinden, z.B. im Becken- oder Bauchraum. Der Patient liegt während der Behandlung in einem Ringapplikator, der mit Wasserkissen gepolstert ist. Um ihn herum angeordnete Antennen strahlen elektromagnetische Wellen im Hochfrequenzbereich ab, die computergesteuert gebündelt und auf den Krebsherd gelenkt werden. Diese Methode eignet sich u.a. zur Behandlung von fortgeschrittenen Enddarmtumoren, ausgedehntem Prostatakrebs, Gebärmutterhalskrebs, Blasenkrebs und Keimzelltumoren bei jungen Patienten.

Weitere Hyperthermieverfahren

Die Teilkörperhyperthermie wird in Deutschland nur von wenigen spezialisierten Kliniken angeboten. Sie ist eine Weiterentwicklung der regionalen Hyperthermie und ermöglicht die Überwärmung z.B. des gesamten Bauchraums bei nicht mehr lokal begrenzten Tumoren. Da die Teilkörperhyperthermie meist zur Temperaturkontrolle mit einer Magnetresonanztomografie (MRT) gekoppelt wird, ist sie für Patienten mit Tinnitus, Gehörimplantat, großen Tattoos (metallhaltige Farbstoffe!) bzw. Piercings im Untersuchungsgebiet oder Platzangst nicht geeignet!

Für eine intrakavitäre (in Körperhöhlen) oder interstitielle (im Weichteilgewebe) Hyperthermie bringt der Arzt die Antennen entweder durch natürliche Körperöffnungen (z.B. Scheide, Darm, Blase) in die Nähe des Tumors oder setzt sie unter örtlicher Betäubung direkt in den Tumor ein. Meist werden diese Behandlungen zeitgleich mit dem so genannten Nachladeverfahren („Afterloading“), einer strahlentherapeutischen Methode, kombiniert. 

Bei einer Ganzkörperhyperthermie wird der gesamte Körper – mit Ausnahme des Kopfes – von außen erwärmt und die Körpertemperatur auf ein Niveau von ca. 41,5 °C angehoben. Der Patient liegt in einem Wärmebett und wird intensivmedizinisch während der gesamten Behandlung überwacht. Diese erfolgt in tiefer Betäubung oder Vollnarkose und stellt für den Organismus eine größere Belastung dar. Aus Sicherheitsgründen werden keine Höchsttemperaturen erreicht.

Eine hypertherme Perfusion erfolgt unter Operationsbedingungen. Dabei wird mit enormem technischem Aufwand der ganze Bauchraum oder ein gut durchblutetes Organ (Leber, Lunge) mit einer warmen Flüssigkeit, der ab einer bestimmten Temperatur ein Chemotherapeutikum zugesetzt wird, gespült. Die lokale Komplikationsrate steigt mit zunehmender Temperatur der Flüssigkeit. 

Neue Methoden wie die Magnetfeldhyperthermie, bei der winzig kleine eisenoxidhaltige magnetische „Nanopartikel“ in den Tumor eingebracht und dann über Induktion (Anlegen eines Magnetfelds) erwärmt werden, eröffnen neue Perspektiven, z.B. in der Behandlung bestimmter Hirntumoren.

Wirksamkeit und Nebenwirkungen

Quelle: © Gina Sanders - fotolia.com
Quelle: © Gina Sanders - fotolia.com

Die etablierten Hyperthermieverfahren werden im Allgemeinen gut vertragen. Typischerweise tritt ein lokales Wärme- oder Hitzegefühl auf. Mitunter kann dieses Wärmegefühl als Missempfindung bis hin zu einem Schmerzgefühl gesteigert werden. Nur in Ausnahmefällen kann es zu länger anhaltenden Beschwerden (bis hin zu Wochen) oder gar einer leichten Verbrennung kommen. Ursache für diese Beschwerden ist, dass neben dem beschädigten Gewebe auch gesundes Gewebe angegriffen wird. Nebenwirkungen dieser Art können durch sorgfältige Kontrolle des Zielgewebes, rasche Kühlung bei Bedarf  und  die Schmerzen lindernde Medikamente in den Griff bekommen werden. Bei unerwartet starken Nebenwirkungen sollte die Therapie abgebrochen werden.

Nicht geeignet ist die Hyperthermie für Patienten mit einer schweren Herzerkrankung, mit Herzschrittmacher oder einem künstlichen Gelenk aus Metall in der Körperregion, die überwärmt werden soll.  Hyperthermie ist zweifellos sehr anstrengend für Herz und Kreislauf.

Ob eine Hyperthermie wirkt und wie bald der Patient einen Effekt merkt, kann nicht pauschal beantwortet werden. Eine Linderung von Beschwerden, z.B. Schmerzen kann bereits nach wenigen Tagen oder auch erst nach Wochen eintreten. Mehreren Studien zufolge lässt sich in manchen Fällen durch Hyperthermie das Tumorwachstum kurzfristig aufhalten, manchmal schrumpft sogar der ursprüngliche Tumor. Allerdings haben diese Studien auch belegt, dass die Effekte nicht von Dauer sind. In der Mehrzahl der Fälle kam es nach einiger Zeit an anderer Stelle zu Tumorabsiedelungen (Metastasen). Vergleichsweise gut belegt ist die Kombination von Überwärmung und Chemotherapie. Allerdings auch lange nicht bei allen Krebsarten: Hyperthermie hat bisher nur bei sehr wenigen Krebsarten belegte Erfolge gezeigt, unter anderem aber bei Weichteilsarkomen. Auch bei den gynäkologischen Tumoren ist Hyperthermie vergleichsweise beliebt. So zeigte sich die Kombination aus Bestrahlung und Hyperthermie beim Zervixkarzinom einer Studie von Van de Zee aus dem Jahr 2000 als äußerst erfolgreich in puncto 3-Jahres-Überleben. Beim Eierstockkrebs konnte eine 2018 im Journal ‚Strahlentherapie und Onkologie‘ veröffentlichte Studie die Verlängerung des rezidivfreien und Gesamtüberlebens im Stadium III durch die hypertherme intraperitoneale Chemotherapie nachweisen. Auch bei Brustkrebs sind die Daten vielversprechend, müssen jedoch in weiteren randomisierten Studien belegt werden.

Hinweis

Eine Tumortherapie mit Hyperthermie nach den Richtlinien der interdisziplinären Arbeitsgruppe Hyperthermie (IAH) wird nur in ausgewiesenen Zentren durchgeführt. Eine Auflistung finden Sie auf der Webseite http://www.hyperthermie.org. Bevor mit der Hyperthermie-Therapie begonnen wird sollten unbedingt auch folgende Fragen geklärt werden:

  • Gibt es zu meiner Krebsart gute wissenschaftliche Veröffentlichungen?
  • Wie beurteilen Experten und Leitlinien den Nutzen der Hyperthermie in meiner Situation?
  • Steigen durch die Therapie die Heilungschancen oder kann ich einen Krankheitsaufschub erwarten?
  • Soll die Hyperthermie in Kombination mit einer anderen Therapie oder alleinig angewendet werden?

Die Kosten für eine Hyperthermie-Behandlung werden von den Krankenkassen nicht generell übernommen, sondern nur für Behandlungen bestimmter Tumorerkrankungen an Kliniken, die die  Qualitätsrichtlinien der European Society for Hyperthermic Oncology (ESHO) erfüllen und die mit den gesetzlichen Krankenkassen entsprechende Verträge vereinbart haben.

Weitere Informationen zur Hyperthermie erhalten Sie auf der Webseite der Medizinische Klinik und Poliklinik III im Klinikum der Universität München.


(red)


Quellen:

[1] Bruggmoser, G. et al.: Leitlinie für die klinische Applikation, die Dokumentation und die Analyse klinischer Studien bei der regionalen Tiefenhyperthermie. Qualitätsmanagement bei der regionalen Tiefenhyperthermie. Strahlentherapie und Onkologie 2012, 188, Supplement 2:198-211

[2] Wust P, et al. Leitlinien in der Radioonkologie: Hyperthermie in Verbindung mit Radiotherapie (Stand November 2000)

[3] Lindner LK, et al. Stellenwert der Hyperthermie im Rahmen der medikamentösen Tumortherapie. Onkologe 2010; 16:1063-1071

[4] Internetportal der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Hyperthermie (IAH).  http://www.hyperthermie.org/, Stand September 2012

[5] Herzog, Alexander: Hyperthermie bei gynäkologischen Tumoren. Hrsg. in: gynäkologie + geburtshilfe. Ausgabe 04/2014. Springer Medizin Verlag GmbH.

[6] Grabenbauer, Gerhard: Verlängerung des rezidivfreien und Gesamtüberlebens beim Ovarialkarzinom im Stadium III durch die hypertherme intraperitoneale Chemotherapie (HIPEC). Hrsg. in: Strahlentherapie und Onkologie. © Springer-Verlag GmbH Germany, part of Springer Nature 2018. Online Veröffentlicht am 08.05.2018.

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 17.05.2018

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Aktualisiert am: 17.07.2018 13:00