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Was ist Schmerz?

Jede Art von Sinneswahrnehmung kann ab einer gewissen Intensität als schmerzhaft empfunden werden: Druck, Hitze, Kälte, grelles Licht, laute Geräusche, stechender Geruch oder scharfer Geschmack … Abermillionen von Nervenenden, sogenannte Schmerzrezeptoren, die in fast allen Teilen des Körpers zu finden sind, nehmen mechanische, physikalische oder chemische Reize wie kleine Antennen auf und leiten sie über das Rückenmark zum Gehirn weiter. Dort wird entschieden, ob der Reiz für den Organismus gefährlich ist und eine entsprechende Reaktion ausgelöst. Beispielsweise ziehen wir blitzschnell die Hand von der heißen Herdplatte weg.

Der Körper verfügt über ein eigenes System der Schmerzhemmung. Kommen Schmerzreize im Gehirn an, werden sogenannte Endorphine ausgeschüttet. Der Begriff ist eine Abkürzung für „endogene Morphine” – also für körpereigene Morphine. Diese umgangssprachlich als „Glückshormone” bezeichneten Stoffe reduzieren die Schmerzwahrnehmung über die gleichen Mechanismen wie morphinhaltige Schmerzmittel. Sie werden vor allem in Stresssituationen verstärkt ausgeschüttet, so dass Unfallopfer, Soldaten oder auch Sportler eine Verletzung mitunter gar nicht sofort bemerken.

Schmerzen, die über eine längere Zeit bestehen, bringen das körpereigene System der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung durcheinander. Der dauerhafte Reiz führt zu einem „Lerneffekt” des Körpers, und es werden mehr Schmerzrezeptoren und Nervenfasern ausgebildet. Dadurch wird der Körper für Schmerzreize sensibilisiert und reagiert nun viel häufiger und eher – mitunter wird sogar Schmerz signalisiert, wenn gar kein Reiz vorliegt. Dieses „Schmerzgedächtnis” ist ein wichtiger Grund für die Entstehung chronischer Schmerzen – und ein wichtiges Argument für die rechtzeitige Behandlung von Schmerzen.

Schmerz ist individuell

Schmerzkreislauf
Quelle: © dkg-web

Schmerz ist keine einfache Sinneswahrnehmung, bei der der gleiche Reiz immer genau die gleiche Reaktion hervorruft. Schmerz ist eine komplexe Empfindung, die von verschiedenen Dingen beeinflusst werden kann. Jeder empfindet Schmerz anders und unterschiedlich stark. Außerdem spielt die körperliche und seelische Verfassung eine sehr wichtige Rolle dabei, wie Schmerz wahrgenommen wird. Stress, Schlafmangel oder Angst können das Schmerzempfinden verstärken, Ablenkung reduziert die Schmerzwahrnehmung.

Körper und Seele beeinflussen sich gegenseitig. Das bedeutet auch, dass körperliche Schmerzen negative Auswirkungen auf das psychische Befinden haben. Und umgekehrt können starke seelische Belastungen körperliche Folgen haben. Redewendungen wie „Das bereitet mir Bauchschmerzen” oder „Er starb an gebrochenem Herzen” haben also durchaus einen realen Hintergrund.

Diese Zusammenhänge können zu einem Teufelskreis führen: Körperliche Schmerzen machen Angst, der Patient zieht sich zurück, vereinsamt, wird depressiv – und das Schmerzempfinden verschlimmert sich. Diese Schmerzspirale rechtzeitig zu unterbrechen, ist Aufgabe der Schmerzmedizin.

Schmerzen bei Krebs

Schmerzen können in jedem Stadium von Krebs auftreten. Sie sind also kein eindeutiges Zeichen für eine unheilbare Krankheit oder ein finales Stadium. Auch längst nicht alle Krebspatienten bekommen im Verlauf ihrer Erkrankung Schmerzen. Je nach Tumorart ist die Wahrscheinlichkeit verschieden: So leiden Patienten mit Tumoren der Bauchspeicheldrüse oder der Knochen häufiger darunter als Patienten, die an Leukämie oder Lymphomen erkrankt sind. Es kommt auch darauf an, wo ein Krebs Metastasen bildet. Knochenmetastasen, die besonders bei Brust- und Prostatakrebs auftreten, sind oftmals mit Schmerzen verbunden.

In fortgeschrittenen Stadien entwickeln 50–70% aller Patienten mittlere bis starke Schmerzen. Man unterscheidet sie nach ihrer Herkunft, nach der Art des Auftretens und anderen Kriterien. Das klingt kompliziert, aber die genaue Diagnose und Differenzierung des Schmerzes ist sehr wichtig für die Wahl der richtigen Behandlung.

Akuter oder chronischer Schmerz

Akute Schmerzen treten plötzlich und vorübergehend auf, beispielsweise bei Verletzungen oder im Anschluss an eine Operation. Als chronisch bezeichnet man Schmerzen, die immer wieder auftreten oder über einen langen Zeitraum bestehen.

Bei Tumorpatienten kann es trotz einer dauerhaften Schmerztherapie aufgrund chronischer Schmerzen zu plötzlichen akuten Schmerzattacken kommen. Man spricht dann von einer Schmerzkrise oder Durchbruchschmerz. 

Tumor- oder therapiebedingter Schmerz

Nach dem Grund ihrer Entstehung unterscheidet man tumorbedingte, tumorassoziierte, tumortherapiebedingte und tumorunabhängige Schmerzen:

Tumorbedingte Schmerzen, d. h. Schmerzen, die direkt vom Tumor oder von seinen Metastasen verursacht werden, machen den Hauptanteil therapiebedürftiger Schmerzen bei Krebs aus. Knochenschmerzen entstehen entweder durch Knochentumoren oder durch Knochenmetastasen und werden durch eine Reizung der schmerzempfindlichen Knochenhaut verursacht. Zu viszeralen bzw. Organschmerzen kommt es, wenn die wachsenden Krebszellen einen Hohlraum verschließen, z. B. Gallengang oder Harnleiter. Auch durch die zunehmende Größe von Tumor oder Metastasen ausgelöster Druck oder Spannungen können schmerzhaft sein, z. B. wenn die Leberkapsel betroffen ist. Weichteilschmerzen entstehen ebenfalls durch Druck oder das Hineinwachsen des Tumors in benachbartes Muskel- oder Bindegewebe. Befallen die Krebszellen Nerven oder Rückenmark, können Nervenschmerzen auftreten. Wird eine Körperregion aufgrund der wachsenden Krebszellen nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt, entstehen durch den Sauerstoffmangel sogenannte ischämische Schmerzen.

Tumorassoziierte oder indirekte Tumorschmerzen sind Schmerzen, die zwar auf die Krebserkrankung zurückgehen, aber nicht direkt vom Tumor oder den Metastasen verursacht werden. So kann es aufgrund einer allgemeinen Schwächung des Immunsystems zu Infektionen (z. B. Gürtelrose) und schmerzhaften Entzündungen kommen. Lymphödeme entstehen, wenn die Lymphabflusswege gestört werden, und wenn der Krebskranke sich nicht mehr viel bewegen kann, kommt es häufiger zu Thrombosen oder Lungenembolien. Bei bettlägerigen Patienten droht bei mangelnder Pflege zudem ein Wundliegen (Dekubitus).

Zu therapiebedingten Schmerzen zählen – neben den Wundschmerzen im Anschluss an eine Operation und lokalen Schmerzen bei Injektionen oder Infusionen – vor allem Schmerzen, die durch eine medikamentöse Therapie ausgelöst werden. Je nach Wirkstoff kann es zu Nervenschmerzen, Mundschleimhautentzündungen, Knochennekrosen oder heftigen Hautreaktionen (Hand-Fuß-Syndrom) kommen. Bestrahlungen können ebenfalls Schmerzen verursachen, z. B. sonnenbrandähnliche Hautreaktionen, Gewebeverhärtungen (Fibrosen) und je nach bestrahlter Region auch Hals- oder Tumorunabhängige Schmerzen gilt es bei der Diagnose von denjenigen abzugrenzen, die mit der Krebserkrankung in Zusammenhang stehen. Auch Krebspatienten mit Migräne oder chronischen Rückenschmerzen müssen eine entsprechende Schmerztherapie erhalten. 

Hände vor Bauch
Quelle: © Robert Kneschke - fotolia.com

Wie fühlt sich der Schmerz an?

Neben der zeitlichen und entstehungsbedingten Einordnung unterscheidet man Schmerzen auch nach dem jeweils zugrunde liegenden Schmerzmechanismus.

Schmerzrezeptorschmerzen oder auch nozireptive Schmerzen werden direkt von den Schmerzrezeptoren am Ort ihrer Entstehung – z. B. Knochenhaut, Haut, Muskeln oder Gelenke – ans Gehirn weitergeleitet. Daher sind sie in der Regel gut zu lokalisieren und werden häufig als hell, heiß, stechend, brennend oder bohrend beschrieben.

Auch auf der Oberfläche der inneren Organe befinden sich Schmerzrezeptoren. Viszerale Schmerzen, also Organschmerzen, sind weniger gut lokalisierbar und eher dumpf. Es kommt sogar vor, dass die Schmerzen an einer ganz anderen Körperstelle gespürt werden, z. B. Schmerzen im Schulterbereich bei Erkrankungen der Gallenblase. Neuropathische Schmerzen bzw. Nervenschmerzen entstehen, wenn die Nervenbahnen geschädigt werden – auch, wenn im betroffenen Körperteil gar keine Schmerzrezeptoren vorhanden sind oder das Körperteil selbst nicht mehr existiert („Phantomschmerz“ nach Amputationen).

Neuropatische Schmerzen werden von den Patienten eher großflächig empfunden, der Arzt kann sie aufgrund der Ausstrahlung des Schmerzes in bestimmte Nervenversorgungsgebiete jedoch zuordnen. So können beispielsweise Tumoren oder Metastasen im Lendenwirbelbereich auf den Ischiasnerv drücken, so dass es zu Schmerzen, Taubheitsgefühl und auch Lähmungen in den Beinen kommen kann.

Eigenschaften von Schmerzen

 

 

Wo?

Wie?

weitere Eigenschaften

Knochenschmerz

gut lokalisierbar

drückend, pochend, bohrend

Dauerschmerz, häufig verstärkt durch Belastung, Bewegung

Weichteilschmerz

abhängig vom Entstehungsort

brennend, bohrend, auch plötzlich einschließend

Dauerschmerz; mitunter Beteiligung des Nervensystems

Organschmerz

schlecht lokalisierbar

dumpf, bohrend

mitunter kolikartig; z. T. mit Übelkeit, Verdauungs- oder Kreislaufproblemen verbunden

Sauerstoffmangelschmerz

gut lokalisierbar

hell, pochend

Haut verfärbt sich bläulich; häufig verstärkt bei Bewegung

Nervenschmerz

großflächig, in bestimmte Gebiete ausstrahlend

brennend, elektrisierend, heiß, stechend, einschießend

Attacken oder Dauerschmerz, häufig mit Missempfindungen oder Gefühlsstörungen verbunden, auch Muskelschwäche oder Lähmung

Schmerz dokumentieren

Voraussetzung für eine wirksame Behandlung von Schmerz ist seine genaue Diagnose. Je genauer der Schmerz charakterisiert werden kann, umso besser kann der Arzt die individuell passende Therapie planen. Hilfreich sind dafür spezielle Schmerzfragebögen, in denen mit einer Vielzahl von Fragen versucht wird, die Eigenschaften des Schmerzes – Art, Ort, Intensität – festzuhalten.

Ein Schmerztagebuch ist besonders für Patienten, die mit einer Schmerztherapie beginnen oder bei denen unter bestehender Schmerztherapie wieder Beschwerden auftreten, eine nützliche Hilfe und Grundlage für den Arzt, die Therapie zu optimieren oder an die neue Situation anzupassen.

Nützliche Fragen zur Schmerzdokumentation: 

  • Wo tut es weh? (z. B. Gelenk, schlecht lokalisierbar im Bauch)
  • Seit wann tut es weh?
  • Wann tut es weh? (z. B. Tageszeit, dauerhaft)
  • Wird der Schmerz durch irgendetwas ausgelöst? (Stress, bestimmte Tätigkeiten
  • Wie fühlt sich der Schmerz an? (bohrend, stechend, dumpf, heiß …)
  • Wie kommt der Schmerz? (langsam, wellenartig, anfallsartig)
  • Wie stark ist der Schmerz? (z. B. auf einer Skala von 1-10; 1=kaum, 10=unerträglich)
  • Treten mit dem Schmerz zusätzliche Beschwerden auf? (Übelkeit, Schwindel, Sehstörungen, Gefühlsstörungen)
  • Wodurch kann der Schmerz beeinflusst werden?

 

(pp)

Quellen: 

  • Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin 

    • DGS-PraxisLeitlinie Tumorbedingte Durchbruchschmerzen, Version: 2.0 für Fachkreise, 2013. Abgerufen unter www.dgs-praxisleitlinien am 20.08.2014
    • DGS-PraxisLeitlinie Tumorbedingte Durchbruchschmerzen, Version: 2.0, PatientenLeitlinie, 2013. Abgerufen unter www.dgs-praxisleitlinien am 20.08.2014
    • DGS-PraxisLeitlinie Tumorschmerz, Version: 2.0 für Fachkreise, 2012. Abgerufen unter www.dgspraxisleitlinien am 20.08.2014
  • Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Empfehlungen zur Therapie von Tumorschmerzen. 3. Auflage, Januar 2007. Abgerufen unter www.akdae.de am 20.08.2014

  • Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg – Krebsinformationsdienst www.krebsinformation.de

 

Fachberater:
Prof. Dr. med. Florian Lordick,
Leipzig, Sprecher der AG Palliativmedizin in der Deutschen Krebsgesellschaft

Dr. med. Johannes Horlemann,
Kevelaer, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 10.09.2014

Weitere Informationen zum Thema:

Aktualisiert am: 24.07.2017 21:10