Angaben zum Autor und/oder zum Fachberater finden Sie am Ende des Beitrags.

Stressreduktion durch Achtsamkeit

Quelle: © jd-photodesign - fotolia.com

Die Krebsdiagnose bedeutet für Patientinnen und Patienten einen körperlichen, seelischen und sozialen Kraftakt. Nichts ist mehr wie zuvor. „Für die Betroffenen ist die Diagnose ein Schock“, erläutert Beate Hornemann, Diplompsychologin und Leiterin des psychoonkologischen Dienstes am UniversitätsKrebsCentrum (UCC) des Universitätsklinikums Dresden. „Viele erhalten ihre Diagnose bei Früherkennungsuntersuchungen – etwa bei Brust-, Prostata- oder Darmkrebs – und fühlten sich bis dahin weitgehend gesund. Sie hatten keinerlei Krankheitsanzeichen. Entsprechend schwierig ist es, die Nachricht zu verkraften. Sie ist eine starke Erschütterung.“

Diese Erschütterung ist der erste Schritt in einem Prozess: „Jeder Patient und jede Patientin verarbeitet die Krankheit und deren Behandlung auf eigene Weise. Die Wege sind so vielfältig, wie die Persönlichkeiten der Betroffenen“, erklärt die Expertin. „Die Krebserkrankung löst bei vielen Menschen eine Bilanzierung des vorherigen Lebens aus. Dann gilt es inne zu halten, sich zu klären, zu ordnen, gegebenenfalls aktiv zu werden, sich zu informieren – kurz: Dinge zu entdecken, die man bewahren will und auch solche, die man verändern möchte. Im Kern gehe es darum, trotz der Erkrankung eine neue emotionale Stabilität zu erlangen“.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit meint die Konzentration auf den Moment. Die bewusste Wahrnehmung des Augenblicks, ohne diesen zu bewerten. Beide Aspekte sind dabei gleich wichtig.

Im Alltag ist das Verweilen im Augenblick schwieriger als man denkt: Die Gedanken hängen häufig der Vergangenheit nach oder beschäftigen sich mit der Planung der Zukunft.

Dabei hat fast jeder Achtsamkeit schon erlebt: wenn etwa beim Blick auf die Weite des Meeres plötzlich eine innere Ruhe eintritt. Im Hier und Jetzt kann sich auch ein Kind befinden, das mit Hingabe in den Bau einer Sandburg vertieft ist. Nichts erscheint dabei so wichtig, wie die Sandburg. Achtsamkeit meint genau dieses Verweilen im Augenblick.

Mit Achtsamkeit ist eine besondere Qualität des menschlichen Bewusstseins gemeint. Sie kann eine Möglichkeit sein, mit der Belastung umzugehen und so ein neues inneres Gleichgewicht zu erlangen“, erläutert Hornemann. „In Achtsamkeit kann es möglich werden, sich sogar in akuten, schweren Krisen eine innere Auszeit zu verschaffen. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, den Zustand der Achtsamkeit gerade dann bewusst hervorzurufen, wenn er besonders dringend benötigt wird“, so die Expertin weiter.

Woher kommt das Achtsamkeits-Training?

Der Begriff der Achtsamkeit hat seinen Ursprung im Buddhismus. Die Kontemplation, im religiösen Sinne der inneren Sammlung und Versenkung, verfolgt in diesem Kontext das Ziel, zu Weisheit, innerer Gelassenheit und ethischem Verhalten zu führen.

In den 1970er Jahren entwickelte der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn an der University of Massachusetts auf Grundlage dieser Lehre die „achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung“ (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR), die auf Körperwahrnehmung, Yoga, Atmung und Meditation beruht [1]. Das medizinische Achtsamkeitstraining MBSR nach Kabat-Zinn verfolgt keinen religiösen, sondern einen gesundheitlichen Ansatz.

Kabat-Zinn stellte fest, dass die tägliche Besinnung auf den Augenblick es auch Patientinnen und Patienten unter extremer psychischer Belastung oder mit chronischen Schmerzen ermöglicht, in einen Zustand der inneren Ruhe zurück zu finden, der sich positiv auf das Gesamtbefinden auswirkt.

Das MBSR-Programm ist inzwischen fester Bestandteil der verhaltenstherapeutischen und psychoonkologischen Praxis in vielen amerikanischen und europäischen Kliniken.

Spaziergang Wald Menschen
Quelle: © satori-fotolia.com

Wieso ist Achtsamkeit für Krebsbetroffene von Bedeutung?

Hornemann beschreibt, dass Achtsamkeit in Lebenskrisen, wie sie durch eine Krebsdiagnose hervorgerufen werden, dabei helfen kann, die neue Situation zu akzeptieren: „Wenn ich zu Patientinnen und Patienten sage: ‚Versuchen Sie, achtsam mit sich umzugehen‘, empfehle ich damit auch eine innere Haltung zu entwickeln, mit der sie die Wirklichkeit zulassen können. Das kann bei ihnen natürlich ein Gefühl der Bedrohung hervorrufen – aber auch diesem gilt es zu begegnen“.

Die Abgrenzung vom Begriff des „positiven Denkens“ ist ihr dabei wichtig: „Achtsamkeit ist also keine moderne Form des ‚positiven Denkens‘, welches Betroffene manchmal massiv unter Druck setzt, weil es sich gegen die inneren Impulse richtet.“

Die Expertin führt weiter aus: „Achtsamkeit nach Kabat-Zinn bedeutet stattdessen, zu verfolgen, was im gegenwärtigen Moment mit einem selbst geschieht – möglichst ohne dies zu bewerten. So kann Achtsamkeit helfen, besser in Kontakt mit der Fülle der eigenen Erlebnisse zu kommen. Das kann bereichernd, aber auch schwierig sein. Auf jeden Fall kann es einen auf die Spur zu sich selbst bringen.“

Kann man Achtsamkeit lernen?

Die am weitesten verbreitete Methode, Achtsamkeit zu erlernen, ist das MBSR-Achtsamkeitstraining nach Jon Kabat-Zinn [1]. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer üben sich dabei in einer Kombination aus Meditation, Yoga und Body Scan. Aber auch durch andere Techniken, wie die Geh-Meditation, kann man Achtsamkeit fördern und in den Alltag integrieren.

Meditation

Achtsamkeit kann man durch verschiedene Übungen erlernen. Als Haltung liegt Achtsamkeit jeder Meditationen zu Grunde. Hierbei ist es manchmal nicht leicht, die Begriffe zu trennen: Keine Meditation kommt ohne Achtsamkeit aus, jedoch kann man auch achtsam sein, ohne zu meditieren.

„Die Meditation ist ein Vorgang der bewussten Beobachtung von Geist und Körper, in der man alle Erfahrungen so, wie sie auftauchen, zulässt“, schreibt Kabat-Zinn [2]. Geübt wird dabei die Konzentration auf den Atem, der bewusst und ausschließlich wahrgenommen werden soll. Stellen sich andere Gedanken ein, lenken sie die Konzentration wieder zurück auf den Atem und versuchen, dies nicht zu bewerten. Nicht bewerten bedeutet hierbei: Es geht um die Übung selbst und nicht darum, wie oft das konzentrierte Atmen gelungen ist oder nicht [1].

Body Scan

Das klassische MBSR nach Kabat-Zinn erfordert viel Zeit. Wer am Training teilnimmt, meditiert einmal pro Woche zwei Stunden in der Gruppe und täglich 45 Minuten eigenständig. Wie Hornemann erläutert,  eignen sich als Achtsamkeitstraining jedoch auch andere Übungen, die sich etwas leichter in den Alltag integrieren lassen. So können z.B. die gleichmäßigen, fließenden Bewegungsabläufe des Yoga einen Zustand der Achtsamkeit hervorrufen.

Beim „Body Scan“ wandert die Aufmerksamkeit durch den Körper, statt sich ausschließlich auf den Atem zu konzentrieren. „Bei diesem Bewusstseinstraining wird die Aufmerksamkeit auf bestimmte Bereiche im Körper gelenkt. Dabei lernt man einerseits unangenehme Empfindungen zuzulassen und zu akzeptieren, wirkt aber andererseits Schreckreaktionen des Körpers entgegen, indem man schneller zu sich selbst zurückfindet“, beschreibt Hornemann diese Methode.

Gehmedition

Gehmeditation ist ein Achtsamkeitstraining in Bewegung, das sich gut in den Alltag integrieren lässt“, so die Expertin weiter. Denn natürlich gehen und atmen wir eigentlich ständig. Meistens ist man dabei jedoch unterwegs von A nach B. Beim achtsamen Gehen ist dagegen der Weg das Ziel. Die Aufmerksamkeit richtet sich vollständig auf das Gehen und Atmen, während die Gedanken und Sorgen in den Hintergrund treten.

„Gehmeditation ist im Grunde ein aufmerksamer Spaziergang. Was sehe ich, was rieche ich, wie fühle ich mich dabei? Die Aufmerksamkeit ist nicht nach außen gerichtet, sondern wird zu sich selbst gelenkt. Dabei treten Gedanken und Sorgen in den Hintergrund und man nimmt sich selbst besser wahr“, beschreibt Hornemann diese Übung.

„Dies gelingt besonders gut in der Natur“, erläutert die Psychologin. „Beim Sitzen am Meer gibt das gleichmäßige Schlagen der Wellen ans Ufer einen Rhythmus vor. Wenn man diesen Rhythmus wahrnimmt und dabei die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und die Atmung richtet, findet man ganz leicht in die Achtsamkeitsübung. Es gibt eine Korrelation zwischen diesen Rhythmen der Natur und dem Rhythmus des eigenen Atmens, den jeder mitbringt. Dieses Zuschauen und genaue Beobachten, während etwas von allein geschieht, ist eine gute Basis für Achtsamkeitsübungen.“

Füße Badewanne Schaumbad
Quelle: © torwaiphoto-fotolia.com

Wie unterscheiden sich Achtsamkeitsübungen von Entspannungstechniken?

Achtsamkeitsübungen werden manchmal mit Entspannungstechniken verwechselt. Hornemann erklärt den Unterschied: „Entspannungstechniken gehören ebenfalls zu den Verfahren, die in der Psychoonkologie eingesetzt werden, und haben ihre eigene Berechtigung. Sie sind jedoch angeleiteter. So geben sie Formeln oder Befehle vor, wie z.B. bei der progressiven Muskelentspannung, bei der man sich schrittweise an- und entspannt. Auch Phantasiereisen stellen eine Form der angeleiteten Entspannung dar. In ihnen führt der Therapeut die Patientinnen und Patienten in eine vorgestellte Situation, z.B. einen Berg zu besteigen. Diese Techniken können sehr hilfreich sein, haben jedoch einen anderen Fokus als das Achtsamkeitstraining, da sie stärker gelenkte Übungen mit dem Ziel der Entspannung darstellen.“

Achtsamkeit ist jedoch nicht das Gleiche wie Entspannung. „Hierbei geht es um das Beobachten der eigenen, inneren Prozesse. Das kann zwar indirekt zur Entspannung führen. Es ist aber auch möglich, dass dadurch Themen an die Oberfläche kommen, die man später noch verfolgen möchte“, führt Hornemann aus.

Für wen ist Achtsamkeit geeignet?

„Achtsamkeitsübungen sind für manche mehr geeignet, für andere weniger. Es kommt auf die Persönlichkeit des Einzelnen an, ob er oder sie sich auf diese Übungen einlassen kann – denn letztlich haben diese Übungen etwas mit Neugier und Experimentierfreude zu tun. Aber auch mit der Stärke, sich dem zu stellen, was aus dem Inneren an die Oberfläche gelangen kann, wenn man sich in eine nicht angeleitete Übung begibt, sondern darauf wartet, welche Gedanken und Gefühle von allein auftreten. Gerade wenn Erkrankte in einem körperlich oder psychisch besonders schwierigen Allgemeinzustand sind, kann es sein, dass Achtbarkeitsübungen ihnen schwerfallen. In diesem Fall würde ich eher eine Entspannungstechnik empfehlen.“

Dipl.-Psychologin Beate Hornemann, Dresden, über Patienten, für die während einer Chemotherapie ein Achtsamkeitstraining hilfreich sein kann:

„Wenn Patientinnen und Patienten mit einer Krebserkrankung eine Chemotherapie erhalten, ist dies besonders kräftezehrend. Verbunden damit ist die Angst, wie sich die Erkrankung in der Zukunft entwickeln wird. Dabei entsteht oftmals eine Schleife des Grübelns und die Sorge, dass alle Mühe nichts hilft.

Oftmals strukturieren Betroffene in dieser Situation ihren Tag straff mit Informationssuche, der Einnahme von Medikamenten und vielen anderen Maßnahmen, die sich gegen die Erkrankung richten. Sie versetzen sich dadurch ständig in ein unangenehmes Erregungsniveau, dem sie gleichzeitig abwehrend entgegenstehen. Denn eigentlich ist es ihr Wunsch, entspannt zu sein und genießen zu können.

Der Fokus der Patientinnen und Patienten richtet sich dennoch häufig vor allem auf die Nebenwirkungen der Chemotherapie. So erwarten sie Übelkeit, die auch eintritt, was dann ärgerlich bewertet wird.

In dieser Behandlungsphase fällt die Aufmerksamkeit nur selten auf die intakten Funktionen des Körpers, die weiterhin vorhanden sind.

Für Menschen, die sich in dieser Situation befinden, kann beispielsweise eine Kombination von Atem- und Gehmeditation hilfreich sein, in der sie versuchen, wahrzunehmen und zuzulassen, dass manche Dinge gehen: noch gehen, wieder gehen, gut gehen.

Das Laufen und sich Wahrnehmen in der Natur unterstützt letztendlich auch bei der Strukturierung des Tages, weil feste Zeiten für das Achtsamkeitstraining reserviert werden müssen. Das Achtsamkeitstraining hilft während der Zeit der Chemotherapie auch, das Geschehen besser einzuordnen. Die Akzeptanz der Therapie kann sich dadurch deutlich verbessern.“

Quelle: © Beate Hornemann, privat

 

Fachliche Beratung: Dipl.-Psych. Beate Hornemann, Psychologische Psychotherapeutin, Leitung Psychoonkologischer Dienst, UniversitätsKrebsCentrum (UCC) Dresden

 

 

(ev)

Literatur:

[1] Kabat-Zinn, J. Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung, München 2005

[2] Kabat-Zinn, J. Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung, München 2005,  S. 38

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 31.07.2020

Mehr zum Thema Supportivtherapie:

Zuletzt aufgerufen am: 05.08.2020 00:19