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Neuropathie - Nervenschäden bei Krebs

Frau mit Gehhilfe
Quelle: © Ocskay Bence - fotolia.com

Krebspatienten kennen das unangenehme Gefühl, wenn Hände oder Füße kribbeln. Solche Erkrankungen des peripheren Nervensystems, auch Neuropathie genannt, können als Folge einer Behandlung mit Krebsmedikamenten oder einer Strahlentherapie auftreten. Aber auch der Tumor selbst kann eine Nervenschädigung hervorrufen. Oft ist die Erkrankung nur vorübergehend, bei einigen Betroffenen kann sie auch länger anhalten.

Besonders Nerven an Händen sowie Füßen, die für das Tastempfinden, die Schmerzweiterleitung und das Temperaturempfinden zuständig sind, sind von der nervenschädigenden Wirkung der Krebstherapien betroffen. Verantwortlich für Symptome wie Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle, Muskelschwäche oder Schmerzen in den Fußsohlen oder Fingerspitzen sind meist Chemotherapie-Medikamente. Diese zerstören Nervenenden, Nervenzellen oder auch die isolierende Hülle um die Nervenzellfortsätze herum und behindern den Stoff- und Informationsaustausch zwischen Nervenzellen und Gewebe.

Lässt sich Neuropathie vorbeugen?

Zumeist ist der sicherste Weg, Beschwerden vorzubeugen, die Dosis des nervenschädigenden Medikaments zu verringern. An dieser Stelle muss jedoch sorgfältig zwischen Nutzen und Schaden abgewogen werden, denn eine Verringerung des Medikaments geht häufig mit Einbußen bei den Heilungschancen einher. Eine solche Entscheidung kann nur der behandelnde Arzt treffen! 

Standardiserte prophylaktische Maßnahmen existieren bislang nicht. Sehr wichtig ist es, bereits vor der Einleitung der Chemotherapie bestehende neurologische Beschwerden ernst zu nehmen und dem behandelnden Arzt davon zu berichten. Es gibt einige individuelle Faktoren, die das Risiko erhöhen, an Neuropathie zu erkranken. Neben der onkologischen Erkrankung können das auch Begleiterkrankungen wie Diabetis mellitus oder Niereninsuffizienz sein. Sehr wahrscheinlich ist ebenfalls, das Patienten mit einem hohen Alkoholkonsum ein größeres Erkrankungsrisiko haben. Auch genetische Faktoren beeinflussen den Schweregrad der Chemotherapie-induzierten Neuropathie. Ab einem Alter  von 75 Jahren ist das periphere Nervensystem außerdem angreifbarer. 

Momentan ist die Wissenschaft noch nicht so weit, dass Medikamente zum Schutz der Nerven entwickelt werden konnten. Es ist weitere Forschung nötig, um von den Erfahrungen aus dem Bereich der Nervenschädigungen bei Diabetes Mellitus profitieren und diese auf die Chemotherapie-bedingten Nervenschäden anwenden zu können. Eine aktuelle japanische Studie legte jedoch bemerkenswerte Ergebnisse vor: Durch das Tragen von tiefgefrorenden Handschuhen und Socken und die damit verringerte Blutzufuhr an Händen und Füßen konnte bei einem Großteil der Testpersonen eine deutliche Verbesserung der Nervenschmerzen im Vergleich zur bei Raumtemperatur verabreichten Chemotherapie festgestellt werden. Der Anteil der Patienten, die eine Störung in den Händen wahrnahmen lag lediglich bei 27,8%, während er ohne Kältesocken und -handschuhe bei 80,6% lag. Die Medikamente sollen mithilfe dieser Vorkehrung gar nicht erst an die Nerven gelangen. 

Symptome

Sind überwiegend sogenannte sensorische Nervenbahnen, also Nerven, die Erregungen von Sinnesorganen zum Gehirn oder Rückenmark leiten und mittels derer man Reize wahrnimmt, betroffen, können folgende Beschwerden auftreten:

  • Gefühlsstörungen, die sich von den Fußsohlen und Fingerspitzen bis zu Knöcheln und Handgelenken ausdehnen können
  • Überempfindlichkeit gegenüber kleinsten Berührungen oder Reizen sowie Ameisenlaufen in Fußsohlen oder Fingerspitzen
  • Hände und Füße fühlen sich pelzig, taub oder eingeschlafen an.

 

Bei zunehmender Schädigung der Nerven nehmen Betroffene an Händen und Füßen oft keine Schmerzen, Wärme oder Kälte mehr wahr. Diese Taubheit führt zu Schwierigkeiten bei feinmotorischen, alltäglichen Aktivitäten, wie Schreiben oder Haus- und Gartenarbeit. Sind die Füße betroffen kann es zu Gleichgewichtsstörungen und Stürzen kommen. Auch oberflächliche Verletzungen an diesen Stellen bleiben oft unbemerkt und unbehandelt, sodass das Risiko für Wundinfektionen bei Neuropathie-Patienten steigt. 

Sind eher Nerven, die Muskeln aktivieren, sogenannte motorische Nervenbahnen, betroffen, kann es zu unwillkürlichem Muskelzucken oder zu Muskelkrämpfen kommen. Einige Krebspatienten klagen auch über Kraftlosigkeit in Armen und Beinen, sodass sie Probleme beim Greifen und Gehen haben.
Hör- und Sehstörungen können bei Schädigungen von Hirnnerven auftreten. Insbesondere Cisplatin, ein weit verbreitetes Chemotherapie-Mittel, wirkt, wirkt sich auf das Innenohr aus, sodass es zu klingenden Ohrgeräuschen (Tinnitus), Hörverlust oder Gleichgewichtsstörungen kommen kann.

Betroffene sollten bei den beschriebenen Symptomen den behandelnden Onkologen ansprechen, der die Patienten gegebenenfalls an einen Spezialisten (Neurologen, HNO-Arzt oder Augenarzt) überweist.

Wie lange und wie oft eine Neuropathie auftritt, ist unterschiedlich. Laut einer finnischen Studie berichteten 76% der Patienten über Neuropathie-assoziierte Beschwerden, die Intensität wurde jedoch als gering angegeben. Auch nach zwei Jahren haben über 80% der Patienten noch neuropathische Symptome, allerdings sind diese dann vom Schweregrad eindeutig rückläufig. In schweren Fällen kann es sein, dass die Neuropathie noch mehrere Jahre nach der Therapie zu Problemen führt.

Diagnose

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Um eine schwere Chemotherapie-induzierte Neuropathie zu vermeiden ist es wichtig, erste Symptome frühzeitig zu erkennen und zum Anlass zu nehmen, die bisherige Behandlung - sofern möglich - zu verändern.

Es gibt verschiedene Diagnosemethoden bei Neuropathie. Zunächst werden die Beschwerden während eines Gesprächs mit dem behandelnden Arzt genau beschrieben und möglicherweise standardisierte Fragebogen ausgefüllt, danach können folgende körperliche Untersuchungen folgen:  

  • Messen des Achillessehnenreflexes, wobei der Arzt verschiedene Muskeleigenreflexe mit einem Reflexhammer prüft.
  • Messen des Vibrationsempfindens, wobei der Arzt mithilfe einer Stimmgabel testet, wie empfindlich tiefer gelegenes Gewebe auf Vibration reagiert.
  • Anhand von Elektroneurografien (ENG) wird die Nervenleitgeschwindigkeit in Armen und Beinen gemessen.
  • Die Elektromyografie (EMG) misst elektrische Aktivität im Muskel, so stellen Neurologen fest, ob der Muskel selbst erkrankt ist oder der Nerv, der diesen Muskel mit Informationen versorgt.
  • Der Hörtest mittels Tonschwellen-Audiometrie, so kann die Hörschwelle für jedes Ohr genau bestimmt werden.

Therapie

Die Behandlung von geschädigten peripheren Nerven infolge einer Krebstherapie ist momentan nur bedingt möglich. Falls der Tumor selbst den Druck auf die Nerven auslöst, versuchen die Ärzte zuerst diesen zu verkleinern.

Ob eine medikamentöse Behandlung möglich ist, hängt davon ab, welche Beschwerden bei den Betroffenen im Vordergrund stehen. Bei Symptomen wie Missempfindungen, Taubheitsgefühl, Muskelschwäche oder Koordinationsstörungen stehen bislang nur wenige Medikamente zur Verfügung, deren Wirksamkeit belegt ist. 

Krebspatienten mit Taubheitsgefühlen an Füßen und Händen können mithilfe von Physiotherapie, Ergotherapie und Elektrotherapie oder Bädern behandelt werden.  Besonders wichtig ist  ausreichende Bewegung, wobei das Gewebe wird unterschiedlichen Reizen ausgesetzt wird, sodass sich die Nervenfunktion in den Gliedern erholen kann. Das so genannte Funktionstraining, welches Balanceübungen, sensomotorisches Training, Koordinationstraining, Vibrationstraining und auch Feinmotorikertraining umfasst, hat sich Studien zwecks Symptomlinderung positiv hervorgetan.

Frau auf Gymnastikball
Quelle: © Tyler Olson - fotolia.com

Medikamente, die zur Behandlung von Chemotherapie-bedingten neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden sind u. a.:

  • Duloxetin, sowie weitere Medikamente gegen Depressionen, sogenannte Antidepressiva
  • Medikamente, die gegen Krampfanfälle entwickelt wurden, sogenannte Antikonvulsiva
  • schwache und starke Opioide
  • Substanzen in Pflastern oder Salben, die nur begrenzt Schmerzen lindern

Bei der Physiotherapie, Elektrotherapie, Ergotherapie und Bädern wird das Körpergewebe unterschiedlichen Reizen ausgesetzt:

  • Physiotherapie mit Hilfe von Fußrollen, Bürsten oder Igelbällen, um die manuelle Geschicklichkeit und Beweglichkeit zu fördern und zu erhalten.
  • Physiotherapeutische Maßnahmen können Betroffenen helfen, sich wieder sicherer fortzubewegen, das Gleichgewicht wiederzuerlangen und das Sturzrisiko zu senken.
  • Die Elektrotherapie stimuliert die Nerven elektrisch, in Form von Teilbädern mit Gleichstrom oder durch eine elektrische Stimulation der Haut.

Was können Betroffene selbst tun?

  • Kälte vermeiden: Patienten, die mit Probleme mit Kältereizen haben, sollten sich nicht zu lange in kalten Räumen oder bei kaltem Wetter draußen aufhalten, ohne sich entsprechend zu schützen. Dicke Socken, Handschuhe und dichte Kleidung können die Beschwerden lindern.
  • Für einen guten Stand sorgen: Um sich sicher fortzubewegen, sollten Vorkehrungen wie festes Schuhwerk oder eine Gehhilfe getroffen werden. Auch durch Hilfe von Angehörigen und Freunden können Stürze vermieden werden.
  • Verletzungen und Infektionen vorbeugen: Verletzungen, wie Schnittwunden oder Verbrennungen an Händen und Füßen werden später oder gar nicht wahrgenommen, wenn das Empfinden an diesen Stellen stark eingeschränkt ist. Professionelle Hilfe bei der Hand- und Fußpflege, gut passende Schuhe und Strümpfe sowie Schutzhandschuhe können vorbeugen.
  • Ohrgeräusche minimieren: Wer bei lauten Geräuschen an Tinnitus leidet, sollte laute Umgebungen meiden. Ist der Tinnitus dagegen besonders bei Stille bedrückend, kann man sich mit angenehmer Musik davon ablenken.

 

Abgesehen von körperlicher Ertüchtigung und den entsprechenden Vorkehrungsmaßnahmen um schädlichen Reizeinflüssen zu entgehen können Patienten leider nur wenig tun. Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen wurden als nicht hilfreich belegt. 

 

(ak/red)

Quellen:

[1] Leiner, Peter: Mit Hypothermie erfolgreich gegen taxaninduzierte Neuropathie. In: Springer Medizin. November 2017.
https://www.springermedizin.de/nebenwirkungen-der-krebstherapie/mammakarzinom/mit-hypothermie-erfolgreich-gegen-taxaninduzierte-neuropathie/15170158?searchBackButton=true&abEvent=detailLink, abgerufen am 24.11.2017
[2] Heller, S; Schuler, U: Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie und neuropathischer Schmerz. In: Der Schmerz 4/2017. Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.
https://static-content.springer.com/pdf/art%
[3] Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum:Neuropathie bei Krebspatienten - wie Nervenschäden entstehen. In: Deutsches Krebsinformationszentrum.
https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/neuropathie/neuropathie-vorbeugung.php, abgerufen am 24.11.2017
[4] Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum:  Nervenschäden und Hörstörungen bei Krebspatienten. Erkennen undlindern. Stand: 15.01.2018
https://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/iblatt/iblatt-neuropathie.pdf
[5] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF), Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (DKG) und Deutschen Krebshilfe (DKH): S3-Leitlinie  Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen.
]http://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Supportivtherapie/LL_Supportiv_Langversion_1.1.pdf
[6] Leiner, Peter: Was tun gegen die Neuropathie unter Krebstherapie? In: Springer Medizin. Februar2015.
http://www.springermedizin.de/was-tun-gegen-die-neuropathie-unter-krebstherapie/5570548.html

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 12.02.2018

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Aktualisiert am: 14.12.2018 11:31