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Es ist nicht das Ende sondern vielleicht der Anfang einer neuen Geschichte!

Interview mit dem Initiator der „Segel-Rebellen“, Marc Naumann

 

Herr Naumann, können Sie mir erzählen, wie es von der ersten Idee zum ersten Segeltrip kam?

Ich bin 2010 das erste Mal krank geworden und hatte mir gerade zuvor eine kleine Jolle gekauft und mir damit selber Segeln beigebracht. Ich war dann auf einer Beobachtungsstation und saß auf meinem Krankenbett und habe mir überlegt, was ich mache, wenn die ganze Geschichte hier vorbei ist. Ich wollte am Meer Segeln und habe mich dann noch vom Krankenbett aus für meine Segelscheine angemeldet.

Und als ich dann zwei Jahre später wieder krank wurde, wollte ich nicht in dieses Krankenhaus. Ich wollte stattdessen lieber segeln, das war so mein Fluchtgedanke. Die Therapie habe ich dann aber doch gemacht und bin dann direkt im Anschluss daran Segeln gegangen. Ich hatte auch während der Therapie immer den Fokus auf dem Segeln, hatte Reiseberichte gelesen, wollte mitten in der Therapie mal den Atlantik überqueren. Da hat der Arzt aber gesagt: Du spinnst total, auf gar keinen Fall. Dann hab ich das eben so sechs bis acht Wochen nach meiner letzten Chemo gemacht. Ich konnte noch nicht wirklich zehn Treppenstufen ohne Pause gehen, aber ich konnte stundenlang auf dem Schiff sitzen und steuern.


Wohin führte Sie der erste Törn?

Die erste Route ging von Cuxhafen nach Dover, an der Nordsee entlang, im Herbst und nur zu zweit. Das war echt heftig, ich dachte ich wüsste vorher schon was Segeln bedeutet, danach wusste ich es wirklich. Es war ein sehr anstrengender Törn, es war kalt, es war nass, es sind viele Sachen passiert die man vielleicht hätte vermeiden können. Aber es war nach wie vor einer der schönsten Törns, die ich je hatte, eben weil es so extrem war, es so oft anstrengend war aufzustehen und in die nassen Klamotten zu schlüpfen.


Wann kam Ihnen die Idee für die Segelrebellen?

Ich war über Silvester auf den Kanaren Segeln, kam dann wieder zurück und dachte mir dass ich eigentlich gern weiterhin auf dem Schiff sein würde. Erst habe ich angefangen als Skipper zu arbeiten, aber irgendwann hat das keinen Spaß mehr gemacht. Und allein rumsegeln, das gibt mir ja auch nicht viel. Ich hatte dann die Idee, meine Segelerfahrung, die ich damals nach der Therapie gemacht habe, anderen Krebsbetroffenen auch zu ermöglichen. Ich hatte dann auch mit Charter-Anbietern gesprochen, die ganz normales Urlaubssegeln verkaufen. Die haben aber immer gesagt, wenn jemand krank ist, nähmen sie ihn nicht mit, weil es um Urlauberlebnisse gehen solle und alles wunderschön durch die rosarote Brille gesehen werden solle.


Und wie kam es dann tatsächlich zum eigenen Schiff?

Auf dem Schiff bin ich nach meinem ersten Staatsexamen mitgesegelt, als helfende Hand an Bord. Das war auch mein erstes Mal Segeln am Atlantik und das erste Mal auf einem so großen Schiff und zudem so langer Strecke. Ich fand das ganz spannend, aber hatte auch damals schon Bedenken, dass es zu groß oder zu kompliziert zu segeln sein könnte. Und dann hatte ich auch den Kontakt zum Eigner nicht bekommen und hatte es dann irgendwann auch einfach abgeschrieben.

Letztes Jahr im Frühjahr kam dann spontan über Zufälle der Kontakt zustande, und dann haben wir uns im Juni getroffen. Ich habe mir das Schiff angeschaut und war total begeistert. Der Eigner meinte auch, dass es ein super Projekt sei und  er das gern unterstützen und möglich machen würde. Und so hat das dann funktioniert.

Ich bin allerdings ohne Geld zur Kaufverhandlung gegangen. Das Geld wollte ich dann durch Spenden organisieren, und darauf hat sich der Eigner eingelassen. Es gab dann drei Wochen später den einen Sponsor, der mir zumindest die Anfangsfinanzierung ermöglicht hat. Der hat das dann nicht komplett bezahlt, aber so viel, dass der Rest selber zu machen war.


Wie kam der Name zustande? Wogegen wird denn rebelliert?

Ich habe ganz bewusst nichts gewählt, was Segeln gegen Krebs heißt oder dergleichen. Es sollte was Neutrales sein, das aber trotzdem ansprechend ist. Segelrebellen in dem Sinne, dass man segelt und sich das In-die- Ecke-gestellt-werden nicht gefallen lässt: ‚Du bist krank, schone dich.' Oder auch sich selbst nicht in diese Ecke zu stellen: ‚Ich bin Krank, ich darf nichts mehr machen, ich kann mich nicht bewegen.' Denn das funktioniert alles nicht. Der Name kam zustande weil wir im Sommer in Kroatien in einer Bucht geankert haben und ich zu meiner Crew gesagt habe: Wir fahren mal ganz rebellisch mit dem Beiboot zwischen all den anderen schnöseligen Luxusjachten durch und machen Radau, ganz rebellisch.

Wir wollten etwas anders machen und von den Normen abweichen! Die Norm heißt im Fall von Krebs nämlich schonen und erholen, Bettruhe. Das habe ich bei meiner ersten Erkrankung gemacht und das ist eine Abwärtsspirale. Jeden Tag bleibt man länger im Bett und wartet darauf, dass es besser wird, und als ich das zweite Mal krank wurde, habe ich mich da entsprechend  vorbereitet. Dann lief es auch besser. Ich bin während meiner Chemo jeden Tag im Patientengarten spazieren oder Joggen gegangen und wenn das Wetter schlechter war bin ich das Treppenhaus 10 Stockwerke hoch und hinunter gelaufen, je nachdem wie weit ich gekommen bin. Und das hat geholfen.


Das Rebellieren beim Segeln ist also mit dem rebellieren gegen die Krankheit zu vergleichen?

Ja, ein Teilnehmer hat das tatsächlich mal so ausgedrückt: ‚Am Anfang weiß man nicht, was passiert, auf was man sich einlässt. Man ist seekrank, muss sich übergeben und es macht keinen Spaß. Aber Tag für Tag wird es besser.‘

Man hat wenig Kontrolle über das, was einem da passiert. Auch Krebs bedeutet starken Kontrollverlust. Und sich dann bewusst diesem Kontrollverlust auszusetzen auf dem Meer –  das ist eine ganz wichtige Erfahrung. Egal was passiert: Ich muss eben weiterkommen.“ Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen jetzt mag ich nicht mehr oder jetzt bin ich trotzig.


Wie reagierte Ihr Umfeld auf Ihr Vorhaben?

Das Umfeld, Eltern, Freunde, Verwandte, waren alle sehr verunsichert weil ich krank wurde. Und was macht man, wenn man verunsichert ist: Verantwortung wegschieben und Schonen empfehlen. Bloß nicht rausgehen und bewegen - man könnte sich wehtun. Ich wollte mal eine Kampagne machen die sagt: Du bist ein Gewinner. Durch die Krankheit erhält man nämlich viele Freiheiten, wie man sein Leben neu gestalten und andere Wege gehen kann, weil man natürlich für Veränderungen sehr viel Verständnis bekommt.

Ich hab damals gesagt: Ich mache mein Jurastudium, schließe das ab, höre dann einfach auf und gehe segeln. Und da hat mir natürlich jeder erst einmal geraten, zunächst das Referendariat und das zweite Examen zu beenden und danach segeln zu gehen. Das ist ganz verständlich, wenn man der Karriere nachläuft. Nur für mich war es wichtig, dass ich keine Zeit mit Zukunftsplänen vergeude, sondern dass ich heute und jetzt meine Sachen mache und lebe.

Ein guter Freund ist verstorben, als ich mein erstes Examen geschrieben habe. Danach hatte ich einfach Angst davor, längere Pläne zu machen und mich an etwas zu binden. Es ist schwierig, so etwas durchzusetzen und auch die Akzeptanz dafür zu bekommen. Aber ich habe eben diese Krankheit erlebt und eigentlich haben meine Familie und meine Freunde sehr positiv reagiert. Sie unterstützen mich und finden es nach wie vor super was ich mache.


Sie hatten schon bevor es mit dem Segeln richtig losging eine besondere Faszination dafür, Woher kommt die?

Ich bin in den Bergen aufgewachsen. Meine Eltern haben sich immer gedacht, ich könnte Skifahrerprofi werden. Segeln war erst einmal sehr weit weg von mir. Gereizt hat mich das Abenteuer und auch ein bisschen der Nervenkitzel. Außerdem bin ich ständig auf der Suche nach etwas Neuem. Segeln ist nie das Gleiche und man hat sich unterwegs oft abgekoppelt von all den Alltagsgeschichten. Nach zwei, drei Tagen ist man im Segelmodus. Wenn ich dann frage, was ist heute für ein Wochentag, weiß es niemand mehr. Weil es auch egal ist.


Wie viel Zeit nimmt Segeln in Ihrem Leben ein?


Meine Freundin würde sagen: jeden Tag. Ich mache jetzt allerdings nebenbei mein Referendariat fertig. Das hatte ich vorletztes Jahr angefangen und das Schiff kam dann dazwischen. Dieses Jahr bin ich jetzt drei Monate mit dem Schiff unterwegs, die nächsten fünf Wochen und im Sommer dann nochmal zwei Monate. Da segeln wir nach Spitzbergen, was auch immer ein persönlicher Traum war. Der Törn soll auch zeigen, was bei dieser Vorgeschichte möglich ist – zwei Mal diese Erkrankung, zwei Mal aus dem Studium rausgeflogen, Wohnung war weg, Freundin war weg, alles musste ich wieder neu aufbauen. Und kann ich mit meinem eigenen Schiff nach Spitzbergen segeln. Das hat natürlich auch den Zweck, das Ganze noch ein bisschen mehr in die Öffentlichkeit zu bringen.

Normalerweise ist bei Krebs immer dieses Schamgefühl und Mitleid dabei. Ich möchte zeigen, dass Krebs, so schlimm er ist, auch etwas Gutes haben kann. Und er ist für Leute in unserer Altersklasse zu 80 bis 85 Prozent heilbar. Wenn ich jetzt an die Öffentlichkeit gehe und sage wir machen Törns für junge Erwachsene mit Krebs, werden sich viele vielleicht abwenden, da ihnen das Ganze zu emotional ist. Für unsere Art von Segeltörn werden sich allerdings auch viele begeistern. Wir machen dieses extreme Segeln, weil wir alle Krebs hatten und zeigen wollen, dass das nicht das Ende ist sondern vielleicht der Anfang von einer neuen Geschichte ist.


Welche Törns sind für 2018 geplant?

Im Juni haben wir einen Törn nach Kopenhagen und von Kopenhagen nach Kiel. Da segeln wir wieder eine Regatta mit, das heißt der Törn endet mit der Regattateilnahme. Im Juli und August steht dann Spitzbergen auf dem Plan und dann gibt es den Törn von Trondheim nach Göteborg und von Göteborg wieder nach Cuxhafen. Das sind alles Törns, die nicht unbedingt auf den üblichen Segelurlaubsstrecken stattfinden.

 

 

Weitere Infos zu den Segelrebellen, die Möglichkeit zum Spenden und alles zu den geplanten Törns finden Sie hier:

 

Letzte inhaltliche Aktualisierung: 15.05.2018

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    Aktualisiert am: 20.05.2018 21:36