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Kreativ den Krebs bekämpfen

Ob bloggen, Theater spielen oder Segeln – es gibt vieles, was Krebspatienten hilft, ihre Krankheit zu bewältigen. Was sie eint ist das Ziel, der Krebserkrankung aktiv etwas entgegenzusetzen. Wir haben einige starke Bewältigungsstrategien aufgespürt!

Bloggen gegen Krebs

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Die Krebserkrankung der Öffentlichkeit preiszugeben ist sicherlich nichts für jedermann. Es kostet viel Mut, zur eigenen Erkrankung zu stehen und Ängste, Leiden und Hoffnungen transparent für die Außenwelt zu machen. Doch der Erfolg einzelner Blogs spricht für sich – über 10.000 Leute haben den Krebsblogger Benjamin Wollmershäuser abonniert. Was ihn so besonders macht, ist, dass er seine Gefühle ungefiltert mitteilt, über die Details der Therapie spricht und auch mal ein Tabu bricht. Mit Nadine und ihrem Nebennierenkarzinom fiebern sogar über 17.000 Facebook-Nutzer mit. Beide schaffen es, dass sich andere Betroffene weniger allein mit ihren Problemen fühlen. Was sie schreiben ist authentisch und ehrlich und klärt auf eine Art und Weise auf, auf die es kein Arzt vermag. Und auch Marie alias Chanel Martin macht Mut und wendet sich insbesondere an junge Frauen. Mit aufwändigen und ästhetischen Fotoshootings zeigt sie, dass es sehr wohl klappen kann, sich trotz Krankheit noch schön zu fühlen und den eigenen Körper zu mögen.

Dem Krebs an sich wird von den Bloggern oft ein Name verpasst. Mal haben wir es mit Henry, Karl-Heinz oder einfach ‚dem Krebsi‘ zu tun. Verniedlicht oder nicht: Der Krankheit wird der Kampf angesagt und das geht nun mal häufig viel besser, wenn es sich um nichts Abstraktes handelt, sondern der Gegner einen Namen hat.

Freiluft-Fitness für die Alltagsstruktur

Petra Thaller hörte während der Therapie nie auf mit Wandern, Biken, Freeriden und Skifahren. Auch wenn die Ausdauer nicht an ihre üblichen Leistungen heranreichte – lieber langsam als gar nicht war ihre Devise. Es bescherte ihr die glücklichsten Momente während der langwierigen und ermüdenden Therapie und sie rannte den Nebenwirkungen wie Fatigue und Depressionen wortwörtlich davon.  „Wenn du deinen Körper nach wie vor spürst, wenn du fühlst, dass du stark bist und lebst, dann hilft das mehr als alles andere während der Therapie“, schreibt Sie auf ihrer Internetseite.

Aus dieser persönlichen Vorliebe entwickelte sich etwas Größeres: Outdoor against Cancer wurde zum Selbstläufer. Das Ziel der Initiative ist es, bereits vorhandenes Wissen zum Outdoor-Sport zu kommunizieren und den Fokus auf das Thema Krebs zu lenken. Das funktioniert mithilfe von Unterstützungsprogrammen und individuell zugeschnittenem Training.
Mit ihrem Blog und ihren Aktionen möchte Petra Thaller vor allem anderen Betroffenen Mut machen. „Von Selbsthilfe kann hier nicht die Rede sein – ich betrachte den Krebs beinahe, auch wenn das verwegen klingen mag, als ‚Geschenk‘. Da ich durch diese Diagnose endlich die Möglichkeit in einem anderen Bereich als im Journalismus tätig zu sein erhalten habe. […] Nachdem ich allerdings weder prominent bin, noch die Gattin eines Prominenten, hat es wohl diese Diagnose gebraucht, um zu erkennen, dass auch eine ‚kleine Nummer‘ wie ich Dinge in Bewegung setzen und anderen eine Hilfe sein kann“, schreibt die Sportlerin auf ihrer Website.

Sportlich aktiv im Freien zu sein scheint für viele eine gute Strategie im Umgang mit Krebs zu sein.  Mit Initiativen wie den Segelrebellen stellen sich junge Menschen unter dem Motto ‚Fuck Cancer, go Sailing‘ auf Segeltörns für mehrere Tage Wind und Wetter um neue Kraft und zurück ins Leben zu finden. Es geht ihnen vor allem darum, sich normal zu fühlen und endlich mal nicht nur Krebspatient zu sein.

Sich segelnd dem Kontrollverslust aussetzen

Segelboot
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Auch hier ist ein ehemaliger Krebspatient Initiator des Projekts. Marc Naumann erkrankte gleich zwei Mal an einem Gehirntumor, und noch von der Intensivstation aus meldete er sich zur Ausbildung als Skipper an. „Ich hatte auch während der Therapie immer den Fokus auf dem Segeln, hatte Reiseberichte gelesen und wollte mitten in der Therapie mal den Atlantik überqueren. Da hat der Arzt aber gesagt: Du spinnst total, auf gar keinen Fall“, erzählt Naumann. „Dann hab ich das eben sechs bis acht Wochen nach meiner letzten Chemo gemacht. Ich konnte noch nicht wirklich zehn Treppenstufen ohne Pause gehen, aber ich konnte stundenlang auf dem Schiff sitzen und steuern.“

Entschieden wehrt sich Naumann auch dagegen, dass seine Geschichte als traurige Krankheitsgeschichte abgestempelt wird. Vielmehr soll sie Betroffene motivieren und den Schrecken vor der Krankheit ein wenig mindern. Häufig zieht er dabei eine Parallele: „Segeln ist wie eine Krebserkrankung, nur positiv. Am Anfang weiß man nicht, was passiert, auf was man sich einlässt. Man ist seekrank und muss sich übergeben, es macht keinen Spaß. Aber Tag für Tag wird es besser. Man hat wenig Kontrolle über das, was einem da passiert. Auch Krebs bedeutet starken Kontrollverlust. Und sich dann bewusst diesem Kontrollverlust auszusetzen auf dem Meer – das ist eine ganz wichtige Erfahrung. Egal was passiert: Ich muss eben weiterkommen.“

Der Name ist dabei Programm, denn die Segler rebellieren gegen die Krankheit, gegen Vorurteile über Krebspatienten und gegen besorgte Angehörige. Sie wollen raus aus der Routine aus Schonen, Bettruhe und Arztterminen und stattdessen zurück ins Leben. Kräftestrotzend sind die Segler zwar nicht unbedingt immer, aber darum geht es auch nicht. Mitkommen darf jeder, der einen Gang zum Supermarkt absolvieren kann.
Wie es dann zum eigenen Schiff kam und welche Törns für 2018 geplant sind können sie im kompletten Interview mit Segelrebellen-Inititator Marc Naumann nachlesen.

Schauspielen gegen Krebs

Bei den Tumoristen muss man nicht lange raten was sie gegen den Krebs unternehmen. Auf der Bühne stellen sich die 13 Mitglieder der Krankheit in all ihren Facetten. Um dem Rückzug aus der Öffentlichkeit vorzubeugen verwirklichen sie sich auf der Bühne, öffnen sich und entwickeln durch das Improvisieren Sicherheit und Vertrauen im Umgang mit den eigenen körperlichen und psychischen Kräften.

Das Ganze läuft so ab: Das Ensemble findet sich einmal die Woche zusammen, um selbst erlebte Szenen, Geschichten oder ganz einfach Gefühle kreativ umzusetzen. Das Produkt kommt gut an, inzwischen buchen Patiententage, Festivals, Krankenhäuser, Selbsthilfegruppen und Kongresse die Truppe. Pro Auftritt gibt es einen speziellen Themenschwerpunkt. „Ziel ist es, sich dem Thema mit Humor zu stellen und außerdem etwas gegen die Tabuisierung von Krebs in der Gesellschaft zu tun.“, erklärt Wolfgang Wendlandt, der Gründer der Tumoristen. Das Theater spielen bietet die Möglichkeit, während und nach der schweren Krankheit die Spontanität und somit auch eine gewisse Leichtigkeit wieder zu entdecken.

Was ist das, Bewältigen?

Schreiben
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Bewältigung kann – wissenschaftlich betrachtet – als ein durch Belastungen hervorgerufenes Verhaltenssystem bezeichnet werden. Dieses Verhaltenssystem ist durch regulierende und gegensteuernde Mechanismen gekennzeichnet, die sich in speziellen Reaktionen und Alltagstrategien niederschlagen. Die einzelne Person ist dabei bemüht, mit ihrem Verhalten und ihrer Wahrnehmung die äußeren und inneren Anforderungen in den Griff zu bekommen, die die eigenen Ressourcen beanspruchen oder sogar überschreiten. Kurz gesagt: Dinge werden in Angriff genommen, die einfach über die eigenen Kräfte hinausgehen. Aus der Überforderung entstehen durch die entsprechenden Lernprozesse häufig neue Kompetenzen, die zukünftig helfen, ähnliche Situationen besser zu meistern.

Unterschieden wird zwischen adaptiven und maladaptiven Bewältigungsstrategien, wobei erstere von langer Dauer und nachhaltig angelegt sind, letztere stellen eine kurzzeitige Ablenkungsmöglichkeit dar. Eine weitere Unterteilungsmöglichkeit ist die Gliederung in aktional-motorische und kognitiv-perzeptive Reaktionen. Bei schweren Erkrankungen treten meist alle Varianten an Bewältigungsreaktionen auf, wobei die emotionszentrierten Reaktionen den größten Raum einnehmen. Als die großen drei Säulen der erfolgreichen Bewältigung können der Erfahrungsaustausch, die soziale Einbindung und die Suche nach Informationen bezeichnet werden.

Überlebende machen Mut: Cancer Survivors Day

German Cancer Survivors Day
Quelle: © DKG

Am 7. Juni 2018 findet in Berlin wieder der German Cancer Survivors Day statt, eine Initiative der Deutschen Krebsstiftung. Hier schildern Überlebende im Sony Center am Potsdamer Platz ihre persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit und diskutieren mit Experten. Sie alle wollen Mut machen, die Krankheit selbstbewusst anzugehen und die neue Lebenssituation zu akzeptieren und in den Alltag zu integrieren. In spannenden Interviews berichten sie über ihren ganz persönlichen Umgang mit dem Krebs, denn jeder hat seine eigene individuelle Geschichte.

Ein packendes Beispiel ist die Bildhauerin und Bergsteigerin Heidi Sand: Zwei Jahre nach der Diagnose erklomm sie den Mount Everest „Man sieht die Krankheit als Chance. Nicht als Bedrohung, sondern als neue Chance, sich neue Ziele zu setzen, neue Wege zu gehen. Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Ziele sollen machbar sein, aber natürlich einen gewisse Herausforderung bedeuten. Und dann muss man in sich rein spüren. Es ist ja oft auch eine Mischung zwischen Wunsch, Ziel und Vision, was man so hat. Also nicht jeder […] muss sich das Ziel setzen, auch auf den Mount Everest zu steigen. Aber Ziele sollten machbar sein, weil sonst enden sie als Enttäuschungen, wenn sie nicht erreicht werden“, erzählt Heidi Sand im Video der Initiative „German Cancer Survivors".

Linktipps:

 

(jk)

 

Quellen:

[1] https://su-mmerfield.net/cancer-blogger/

[2] http://krebs.lightup-events.de//

[3] https://cancelling-cancer.blogspot.de/

[4] Hau ab, Henry! Hrsg. In: Der Tagesspiegel. 23.10.2014. https://www.tagesspiegel.de/berlin/blog-ueber-ein-leben-mit-krebs-hau-ab-henry/10876082.html

[5] http://www.segelrebellen.com/

[6] https://www.youtube.com/watch?v=rT-J8wC9cqs

[7] Töpper, Verena: Der Krankheut davonsegeln. Hrsg. In: Spiegel online. 28.07.2016. http://www.spiegel.de/karriere/krebs-segeltoern-fuer-junge-patienten-scheiss-auf-den-krebs-a-1101928.html

[8] https://www.outdooragainstcancer.de/

[9]  http://www.deutsche-krebsstiftung.de/projekte_gcsd

[10] https://www.outdooragainstcancer.de/index.php/interview/

[11]18.02.2018. https://german-cancer-survivors.de/gespraech-im-roten-sessel/aus-der-chemotherapie-auf-den-mount-everest/

[12] Trautwein, Björn: Wir spielen den Krebs an die Wand. Hrsg. In: Berliner Zeitung. 05.12.2014. https://www.bz-berlin.de/berliner-helden/wir-spielen-den-krebs-an-die-wand

[13] Schuster M et al: Krankheitsbewältigungsstrategien laryngektomierter Patienten. Hrsg: HNO. Ausgabe 4/2003.

Letzte inhaltliche Aktualisierung: 16.05.2018

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Aktualisiert am: 24.09.2018 17:42