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Mit der richtigen Maßnahme Beeinträchtigungen reduzieren

Quelle: © dkg-web

Interview mit Prof. Hans Helge Bartsch, Freiburg

Für welche Patienten ist eine Reha-Maßnahme geeignet? Wie können Patienten erkennen, ob eine Klinik anerkannten Standards entspricht? Und wie profitieren Patienten von der Rehabilitationsforschung? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Hans Helge Bartsch, ärztlicher Direktor der Klinik für Onkologische Rehabilitation und Nachsorge / Klinik für Tumorbiologie in Freiburg. Er ist Vorsitzender der DKG-Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin (ASORS).

Herr Professor Bartsch, für welche Patienten sind Reha-Maßnahmen überhaupt sinnvoll?

Prof. Bartsch: Das hängt von der Art der Erkrankungssituation, der vorausgegangenen Therapie und den Folgestörungen ab. Nicht jeder Patient ist geeignet bzw. hat einen Rehabilitationsbedarf. Aber viele Patienten sind durch ihre Erkrankung und ihre Vorbehandlung so beeinträchtigt, dass eine solche Reha-Maßnahme grundsätzlich sinnvoll ist. Der Erfolg hängt auch in großem Maße von der richtigen Indikationsstellung ab, also von der Einschätzung der Beeinträchtigung durch die Primärbehandler. Das heißt: Welche körperlichen, aber auch psycho-sozialen Beeinträchtigungen bestehen bei den Patienten? Gibt es dafür geeignete Ansätze im Rahmen der Rehabilitationsmedizin, diese Belastungen und Beeinträchtigungen zu reduzieren?

Wie sinnvoll 
ist eine Reha bei körperlich stark beeinträchtigten Patienten wie beispielsweise Leukämie- und Lymphompatienten?

Prof. Bartsch:
 Leukämie- und Lymphom-Patienten durchlaufen sehr intensive Chemotherapien, zum Teil auch gefolgt von autologen oder allogenen Stammzellentransplantationen. Bei diesen Patientengruppen war man vor 20 Jahren noch der festen Überzeugung, dass eine RehaMaßnahme wegen einer möglichen Infektions- oder Blutungsgefahr zu gefährlich sei. Heute sieht das ganz anders aus: Die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass diese Patienten nicht nur profitieren können, sondern auch sicher aufgehoben sind. Begleitende wissenschaftliche Untersuchungen konnten belegen, dass der Genesungsverlauf zwar von verschiedenen Faktoren abhängt wie Infektionen, Abstoßungsreaktionen und viele mehr. In kontrollierten Studien verlief die Genesung der Teilnehmer der Reha-Gruppe aber schneller und nachhaltiger – wurde also positiv beeinflusst. Aber es sollten dafür geeignete Rehakliniken sein, die sich durch ihre Erfahrung und das spezifische Programm auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten bei diesen Patienten einstellen.

Patienten werden heute in die Auswahl von Kliniken und Therapien oft mit einbezogen. Woran können Patienten denn erkennen, ob eine Klinik oder Maßnahme anerkannten Standards entspricht?

Prof. Bartsch: In der Sozialgesetzgebung gab es in der jüngeren Vergangenheit eine Entwicklung, die zu einer Stärkung der Versichertenrechte und mehr Eigenverantwortung auch in gesundheitlichen Fragen führen soll. Dabei wurde auch das Wunsch- und Wahlrecht der Versicherten im Hinblick auf den Ort und die Mitwirkung der Patienten an dem Rehaverfahren gestärkt. Dies wird ergänzt durch ein konsequentes Qualitätsmanagement wie es die Kranken- und Rentenversicherung durchführt. In diesem Rahmen werden stichprobenartige Befragungen zu den Erfahrungen der Patienten in den jeweiligen Kliniken umgesetzt. Einerseits werden die Patienten befragt ob und wie sich ihre gesundheitliche und soziale Situation durch die Reha-Maßnahme verändert hat Ergänzend werden systematisch Strukturmerkmale, Klinikgröße und personelle wie apparative Ausstattung sowie inhaltliche Programme und deren Qualität erhoben. Beispielsweise wird die Einhaltung von Reha-Therapiestandards hinterfragt, ähnlich wie in der Akutmedizin die Einhaltung von Leitlinienempfehlungen. Das Urteil der Patienten wird damit zum Maß der Dinge und letztlich resultieren aus der statistischen Analyse Klinikvergleiche und Leistungsvergleiche die sich in sogenannten Qualitätspunkten widerspiegeln. Diese Qualitätspunkte signalisieren dann, ob sich eine Klinik eher bei 95% Qualität oder 70% Qualität befindet. Die Daten werden anonymisiert an alle Kliniken zurückgemeldet. Einige davon nutzen dies in ihrer Außendarstellung.


Wie viele Krebspatienten nehmen denn eine Reha-Maßnahme wahr, kann man das beziffern?

Prof. Bartsch: Ja, dazu gibt es detaillierte Zahlen, zumindest von gesetzlich Versicherten. Die Deutsche Rentenversicherung führt eine entsprechende Statistik. Etwa ein Drittel aller Krebspatienten nimmt eine onkologische Reha-Maßnahme in Anspruch. Die Zahlen zeigen aber auch, dass die Unterschiede bei der Inanspruchnahme von Reha-Leistungen je nach Diagnosegruppe erheblich differieren. Das heißt: Bei Brustkrebs-Patientinnen sind dies etwa 50 Prozent aller Neuerkrankten, während es andere Gruppen – wie zum Beispiel Lungenkrebspatienten – gibt, bei denen nur zehn Prozent der Patienten eine Reha-Maßnahme in Anspruch nehmen.

Was sind denn die Gründe dafür, dass in bestimmen Gruppen nur wenige Patienten an einer Reha-Maßnahme teilnehmen?

Prof. Bartsch: Die Motive dafür sind sehr vielschichtig. Nach Lungenkrebsbehandlungen sind die Patienten oft körperlich stark beeinträchtigt. Daraus resultiert nicht selten das Vorurteil, die Patienten seien gar nicht in der Lage, die Anforderungen einer Reha erfüllen zu können und würden dementsprechend gar nicht davon profitieren. Aber genau dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die das Gegenteil belegen. Es konnte gezeigt werden, dass sich sowohl mit Blick auf die Aktivitäten des täglichen Lebens, wie auch eine Reihe von Begleitsymptomen (z. B. Schlafstörungen, Appetit, Erschöpfung, etc.) durch ein angepasstes Training subjektive und objektiv messbare Verbesserungen schon in drei Wochen erreichen lassen. Natürlich gibt es noch zahlreiche andere „Reha-Verhinderungsgründe“. Nicht zuletzt sind es manchmal auch ökonomische Gründe, denken Sie beispielsweise an Selbstständige die u.U. schon mehrere Wochen im eigenen Betrieb ausgefallen sind, oder auch Beschäftigte die nach langer Abwesenheit Angst vor einem Arbeitsplatzverlust besitzen. 

Sie sind auch in der Reha-Forschung aktiv. Die Rehabilitationswissenschaften sind ja noch eine vergleichsweise junge Disziplin. Was ist hier der Fokus?

Prof. Bartsch: Die Rehabilitationsforschung ist ein extrem dynamischer Bereich. Die Anzahl und Qualität der Forschungsarbeiten hat in den letzten Jahren stark zugenommen, auch in der Rehabilitationsonkologie. Ein wichtiger Bereich ist unter anderem die bessere Erkennung und Behandlung von Krankheits- und Therapiefolgestörungen. Dabei geht es oft um die Optimierung der Lebensqualität vor dem Hintergrund einer chronischen Erkrankung bzw. dauerhaften Defiziten. Zum anderen befassen wir uns auch mit Aspekten wie der besseren Wiedereingliederung von noch berufstätigen Krebspatienten in ihren Beruf. Die demografische Entwicklung hat hier zu einem Umdenken geführt, weg von der Vorstellung, eine Krebserkrankung sei zwangsläufig Anlass zur Berentung, hin zu Überlegungen, mit welchen Unterstützungsmöglichkeiten eine weitere zufriedenstellende Tätigkeit ausgeübt werden kann.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie Patienten von einer Studie aus dem Bereich Rehabilitationsforschung profitieren?

Prof. Bartsch: Ein Beispiel sind Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen bei Patienten nach einer Chemotherapie. Hier gab und gibt es eine Reihe von Projekten, die sich mit Fragen der ursächlichen Mechanismen, mehr aber natürlich noch mit sinnvollen bzw. wirksamen Strategien zur Verbesserung der Defizite befassen. In kontrollierten Studien wurde dabei nach Faktoren gesucht, die den Erfolg oder Misserfolg des Trainings beeinflussen. Ähnliche Studien werden zum Thema Polyneuropathie nach Chemotherapie oder dem Einfluss psychoonkologischer Interventionen auf die Krankheitsbewältigung und Lebensqualität umgesetzt.

Gibt es noch weitere Beispiele, wie Patienten einen direkten Nutzen aus Studien aus dem Reha-Bereich ziehen?

Prof. Bartsch: Ein weiteres Beispiel ist eine Studie, die wir hier in Freiburg in Kooperation mit mehreren anderen Kliniken durchgeführt haben. Darin ging es um Fragen der Lebensqualität und physischen Funktionalität von Brustkrebspatientinnen. Die Kernfrage war, ob ein Wiederaufbau der Brust nach vollständiger Brustentfernung eine positive oder negative Auswirkung auf die Funktionalität und Zufriedenheit der Patientinnen hat im Vergleich zu Patientinnen, die nach einer Mastektomie keinen Brustaufbau hatten. Die Ergebnisse lassen sich natürlich nicht in einem Satz zusammenfassen, aber es kam klar heraus, dass je nach Alter und Ausgangssituation ein Großteil der Patientinnen im Hinblick auf ihre Lebensqualität von einem solchen Brust-Wiederaufbau profitieren. Dies wiederum hat einen gewissen Einfluss auf die Beratungsinhalte für Frauen, die vor einer solchen Entscheidung stehen.

Sie sind einer der Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin in der DKG. Welche Aufgaben hat sich diese Arbeitsgemeinschaft in Bezug auf das Thema Reha gegeben?

Prof. Bartsch: Die ASORS ist eine interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft. Im Bereich Rehabilitation arbeiten wir eng mit den Kollegen in der Primärtherapie zusammen: den Chirurgen, den Strahlentherapeuten, den internistischen Onkologen etc. Wir bemühen uns, gemeinsame Projekte umzusetzen. Aufgabe der AG ist es einerseits, Impulsgeber für solche wissenschaftlichen Projekte zu sein und wichtige Fragen, die für den Patientenalltag relevant sind, zu untersuchen. Andererseits wollen wir in der engen Kooperation mit zum Beispiel Sporttherapeuten, Ernährungsmedizinern und mit Psychoonkologen fachübergreifende Verbesserungen in der täglichen Versorgung von Krebspatienten erreichen. Um das zu verwirklichen, bietet die Deutsche Krebsgesellschaft eine ideale Plattform.

Herr Professor Bartsch, wir danken Ihnen vielmals für dieses Gespräch.

 

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 10.09.2014

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Aktualisiert am: 26.08.2016 17:07