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Mit Kindern über Krebs reden

Die Krebserkrankung eines Elternteiles greift tief in das Leben eines Kindes ein. Kinder reagieren sehr sensibel auf atmosphärische Veränderungen in der Familie und nehmen frühzeitig wahr, dass irgend etwas nicht stimmt. Das Verhalten der Eltern – gedrückte Stimmung, vielleicht Gereiztheit und Unausgeglichenheit – können sie nicht richtig einordnen. Sie phantasieren darüber, ob es mit ihnen zu tun hat und entwickeln oft die wildesten Vorstellungen darüber, was passiert sein könnte oder noch passieren wird. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Sie trotz der großen eigenen Belastung aufmerksam bleiben für die Ängste und Sorgen Ihrer Kinder und ihnen die Erkrankung und die neue Situation erklären. Wenn die Gespräche behutsam und schrittweise erfolgen, ist es erheblich leichter für Kinder, mit ihrem Wissen umzugehen als mit einer tiefen Verunsicherung. Sie müssen jedoch mit ihren Sorgen und Nöten aufgefangen werden und brauchen sehr viel liebevolle Zuwendung.

Wie Kinder auf die Krebserkrankung eines Elternteils reagieren, ist sehr individuell und hängt von vielen Faktoren ab, vor allem:

  • vom Alter des Kindes und seiner Entwicklungsphase
  • von seiner Persönlichkeit
  • den familiären Beziehungen
  • vom Umgang der Familie und vor allem der Eltern mit der Erkrankung
  • von der Unterstützung, die das Kind von außen erfährt
  • vom Ausmaß der Veränderungen, die durch die Erkrankung entstanden sind.

 

Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit den Kindern krebskranker Eltern. Hilfreich ist jedoch zu erspüren, wo das Kind steht, was es bewegt und worüber es sich Gedanken macht. Wichtig ist auch, Rahmenbedingungen so positiv wie möglich zu gestalten (z.B. beständige Bezugspersonen, Zulassen der kindlichen Gefühle, nicht zu viele Veränderungen auf einmal).

Kinder

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Altersentsprechende Erklärungen
Auch kleine Kinder verstehen bereits einfache, bildhafte und anschauliche Erklärungen über die Krebserkrankung.
Informationen sollten jedoch schrittweise vermittelt werden. Kinder können noch nicht soviel auf einmal aufnehmen und verarbeiten.

Offenheit und Aufrichtigkeit
Bleiben Sie offen und aufrichtig, auch dann, wenn die Erkrankung fortschreitet und nicht mehr geheilt werden kann. Machen Sie Ihrem Kind keine Versprechungen oder Hoffnungen, von denen Sie wissen, dass sie sich nicht erfüllen werden (z.B. „Die Mama wird bald wieder ganz gesund“). Kinder sind verunsichert und fühlen sich betrogen, wenn es anders kommt. Beantworten Sie Fragen des Kindes ehrlich und geben Sie ruhig zu, wenn sie etwas selbst nicht wissen.

Gefühlsschwankungen der Eltern erklären

Kinder beziehen Gereiztheit und Ungeduld oder Traurigkeit der Eltern schnell auf sich. Es hilft ihnen sehr, wenn Sie ihnen Ihre gefühlsmäßige Situation erklären und sie erfahren, dass solche Reaktionen nichts mit ihnen zu tun haben.

Die Gefühle der Kinder
Helfen Sie Ihren Kindern, ihre Empfindungen auszudrücken: Ihre Ängste vor dem Verlassenwerden, ihre Sorgen, ihre Traurigkeit, aber auch ihre Wut und Enttäuschung, z.B. weil der Vater wieder ins Krankenhaus geht und sie zurücklässt oder zu müde ist, um mit ihnen zu spielen. Häufig quälen sich Kinder mit dem Gefühl, sie seien schuld an der Erkrankung ihrer Mutter/ihres Vaters. Sie glauben, die Erkrankung sei eine Strafe dafür, dass sie früher „nicht lieb“ waren oder den Eltern einmal Böses gewünscht haben. Ältere Kinder machen sich auch schon Sorgen darüber, wie die Erkrankung das Leben der Familie verändern wird und was auf sie zukommen könnte (z.B. kein Geld mehr zu haben, weil der Vater nicht mehr arbeiten kann).

Kinder machen – wie Erwachsene auch – ein Wechselbad der Gefühle durch. Dabei brauchen sie viel Verständnis und viel liebevolle Zuwendung, z.B. in den Arm nehmen, mit dem Kind reden, auf seine Fragen eingehen, es trösten, ihm sagen, dass Sie es lieben, es nicht schuld an der Erkrankung ist und es nicht an ihm liegt, dass Sie jetzt so wenig Zeit haben. Oft drücken Kinder ihre Gefühle in Bildern aus oder nehmen Szenen aus der Krankensituation in ihr Spiel auf. Auch Kinderbücher können ihnen helfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen und zu spüren, dass ihre Gefühle völlig in Ordnung sind. Dadurch ergeben sich häufig gute Ansätze für ein Gespräch: z.B. „Der Bär ist ganz traurig, weil sein Papa so oft weg ist. Manchmal ist er auch richtig wütend darüber, weil sein Papa jetzt nicht mehr so viel mit ihm spielen kann“. Drängen Sie ihr Kind aber nicht zu Äußerungen oder zu Dingen, die es nicht will.

Wichtig ist auch, dass Ihren Kindern immer genügend Raum bleibt für Dinge, die sie nicht belasten und ihnen einfach Spaß machen: mit Freunden spielen oder unterwegs sein, herumalbern, ihren Interessen nachgehen.

Halt und Beständigkeit
Meist erfordert die Behandlung der Krebserkrankung vorübergehend eine häufige Abwesenheit von zu Hause. Es ist leichter für Kinder, wenn sich in dieser Zeit vertraute, nicht oft wechselnde Bezugspersonen um sie kümmern. Hilfreich sind auch ritualisierte Telefonkontakte (z.B. immer zur selben Uhrzeit) mit dem kranken Vater/der Mutter im Krankenhaus und – sofern kein triftiger Grund dagegen spricht – auch regelmäßige Besuche im Krankenhaus.

Wichtig ist, dass Kinder sich in dieser schwierigen Zeit auf das, was Eltern sagen, verlassen können (Einhalten der „Rückkehrzeit“ aus dem Krankenhaus, zuverlässig sein, das Kind nicht belügen etc.).

Verhaltensänderungen des Kindes
Achten Sie auf Veränderungen im Verhalten Ihrer Kinder. Sie sind ein Hinweis darauf, dass das Kind sehr belastet ist und ganz besonders Ihrer Zuwendung und Hilfe bedarf. Solche Hinweise sind z.B.:

  • Starke Ängste davor, verlassen zu werden, dass andere Familienmitglieder auch krank werden oder z.B. dass etwas Schlimmes passieren wird
  • Alpträume und Schlafstörungen, Angst vor Dunkelheit, Angst vor dem Einschlafen
  • Rückkehr zu einer früheren Entwicklungsstufe, z.B. wenn das Kind beginnt, wieder einzunässen oder nur noch im Bett der Eltern schlafen will
  • Konzentrationsstörungen, abnehmende schulische Leistungen
  • Anfälligkeit gegenüber Erkältungen oder häufige kleine Unfälle
  • ständige Unruhe oder Passivität
  • häufiges Weinen, Klammern
  • Rückzug und Verschlossenheit
  • häufige aggressive Reaktionen oder völlig angepasstes Verhalten
  • Essstörungen, Nägelkauen.

Jugendliche: Besser Zoff als Trauer

Jugendliche zeigen typischerweise widerwillig-ablehnende Reaktionen auf die Krebserkrankung eines Elternteils. Aufsässigkeit, eine betont aggressive Haltung oder scheinbare Abwendung können an der Tagesordnung sein, und es kommt in Folge nicht selten zu Krach und zu Auseinandersetzungen in den Familien. Verstehen Sie diese Verhaltensweisen nicht falsch: Jugendliche bringen ihre Traurigkeit, Besorgnis und Ängste um ihre erkrankte Mutter oder ihren Vater durch solche aversiven Verhaltensweisen zum Ausdruck. Sie übernehmen manchmal eine Art Sündenbockfunktion in ihrer Familie, mit der sie – mehr oder weniger bewusst – auf einem Nebenschauplatz (Unordnung in ihrem Zimmer, nicht erledigte Haushaltspflichten etc.) von der Trauer und Besorgnis ablenken wollen, nach dem Motto: „besser Zoff als Trauer“. Vergegenwärtigen Sie sich, dass die Verunsicherung und Angst Ihres heranwachsenden Kindes zwar nicht zu sehen, aber dennoch vorhanden sind.

Professionelle Unterstützung

Erziehungs- und Krebsberatungsstellen bieten sozialpädagogische und psychologische Unterstützung an. Hilfe bietet auch der schulpsychologische Dienst oder z.B. ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut.

Anlässe für Gespräche über Krankheit, Leben und Sterben

Ganz unabhängig davon, ob die Erkrankung lebensbedrohlich ist oder nicht, ist es wichtig, Kindern ein natürliches Verhältnis zu Krankheit sowie zum Kreislauf des Lebens und Sterbens zu vermitteln. Dazu gibt es oftmals Gelegenheiten im Alltag: ein krankes Haustier, das verarztet werden muss, das Fallen der Blätter im Herbst, der Tod des Opas oder der alten Nachbarin.

Betreuung für die Zukunft

In den Fällen, in denen die Krebserkrankung fortschreitet, ist es vor allem für alleinerziehende Mütter oder Väter meist das wichtigste Anliegen, die Kinder später einmal liebevoll betreut und gut versorgt zu wissen. Deshalb ist es fast immer eine große Beruhigung, wenn Eltern und Kinder rechtzeitig und gemeinsam überlegen, wer für die Kinder da sein soll, wenn ihre Mutter/ihr Vater nicht mehr gesund wird. Ihre Wünsche dazu können die Eltern bereits im voraus festlegen. Unterstützung und Hilfe bei den notwendigen bürokratischen Regelungen finden Sie z.B. beim Jugendamt Ihrer Stadt.

 

(red)

Quellen:
[1] Deutsche Krebshilfe e.V. (Hrsg.): Die blauen Ratgeber 42. Hilfen für Angehörige, 2009,http://www.krebshilfe.de/fileadmin/Inhalte/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/042_hilfen_fuer_angehoerige.pdf
[2] Hilke Stamatiadis-Smidt, Harald zur Hausen, Otmar D. Wiestler, Hans-Joachim Gebest (Hrsg.): Thema Krebs, Springer Verlag 2006

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 10.09.2014

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Aktualisiert am: 23.06.2017 11:26