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Langzeitüberleben nach Krebs: Wie lange ist ein Krebspatient ein Krebspatient?

Vom Krebs geheilt, aber nicht gesund

Vom Krebs geheilt zu werden, bedeutet einen weiten Weg zu gehen. Moderne diagnostische und therapeutische Verfahren haben es möglich gemacht, dass die Heilungsraten in den letzten Jahren stark angestiegen sind. So leben allein in Deutschland 3,2 Millionen Menschen, die eine Krebserkrankung erfolgreich überstanden haben. [1] Auch wenn für die Betroffenen mit der Zeit das Risiko eines Rückfalls schwindet, können Krebstherapien mitunter unerwünschte Langzeitfolgen, die sich auf die Lebensqualität auswirken, verursachen. Für solche Fälle besteht ein Netzwerk aus vielfältigen medizinischen und sozialen Unterstützungs- und Beratungsangeboten, wo ehemalige Krebspatienten sich hinwenden können. [2]

Wie lange ist ein Krebspatient ein Krebspatient und was passiert nach der eigentlichen Krebsnachsorge?

Quelle: © Alexander Raths - fotolia.com

Nach einer Krebstherapie empfehlen Fachleute aufgrund möglicher Langzeitnebenwirkungen und den speziellen Bedürfnissen der Betroffenen regelmäßige ärztliche Kontrollen. Die Nachsorge wird so lange fortgeführt, bis das Risiko eines Rückfalls deutlich gesunken ist. Zumeist beträgt dieser Zeitraum fünf Jahre. [3] Ob Spätfolgen oder Folgeerkrankungen auftreten, ist von der Krebserkrankung und -behandlung, aber auch vom individuellen Krankheitsverlauf und den Nebenwirkungen abhängig. 53% der Langzeitüberlebenden berichteten über Gesundheitsprobleme, 49% über nicht-medizinische Probleme. Nachsorgeuntersuchungen sind als Sicherheitsmaßnahme zu verstehen und bedeuten keineswegs, dass Spätfolgen auftreten müssen. [2]

Mögliche körperliche Langzeitfolgen der Krebstherapie

Besonders häufig können Krebsüberlebende unter Erschöpfung, Schmerzen, Schlafstörungen, Ängste, Bewegungseinschränkungen, Sorgen und Polyneuropathie leiden.

Man unterscheidet zwischen Langzeitfolgen und Spätfolgen. Langzeitfolgen sind Probleme, die auch fünf Jahre nach der aktiven Behandlung noch bestehen, wie z.B. Fatigue, verfrühte Menopause und Ängste. Spätfolgen dagegen treten nach der Genesung auf, nach drei bis fünf Jahren oder auch nach zehn bis 20 Jahren; dazu gehören Herzkrankheiten, Zweitmalignome und strahlenbedingte Knochenbrüche. [3]

Als Spätkomplikationen nach Strahlentherapien können Herz-Kreislauferkrankungen, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, Hauttumoren, Aufweichung und Zerstörung eines Kieferknochens, Migräne und Krämpfe sowie kognitive Einschränkungen, z. B. ein sogenanntes „Chemobrain“ auftreten.

mod. Nach Argyriou et al., J Pain Symptom Manage, 2010
mod. Nach Argyriou et al., J Pain Symptom Manage, 2010
Junge Frau befühlt Hals, Quelle: © Jeanette Dietl - fotolia.com
Quelle: © Jeanette Dietl - fotolia.com

Zu den möglichen Langzeitfolgen nach Operationen gehören Erkrankungen des Verdauungstraktes, Stomata (künstlicher Darmausgang), kosmetische Probleme, wie Haarverlust und Narben, Funktionseinschränkung nach Amputationen und Phantomschmerzen.

Bei einer Chemotherapie müssen folgende mögliche Langzeitfolgen beachtet werden: Kardiotoxizität (das Herz betreffende schädliche Wirkungen von Substanzen, die in Chemotherapien enthalten sind), Lungentoxizität, Neurotoxizität, Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion, Unfruchtbarkeit.

Als mögliche neurologische Langzeitfolgen können krankhafte Veränderungen des Zentralnervensystems, Neuropathie, Schwindel, Schädigungen des Gehirns, Tremor (unwillkürliche, sich rhythmisch wiederholende Zusammenziehen einander entgegenwirkender Muskelgruppen), Demenz, Schädigung des Rückenmarks und Muskelkrämpfe auftreten.

Zu den chronische Schmerzsyndromen können Phantom- oder Stumpfschmerzen nach Amputation, Knochenschmerzen, neuropathische Schmerzen, schmerzhafte Vergrößerung der Brustdrüse beim Mann, Phantombrustschmerzen nach Brustentfernung (Mastektomie), Schmerzsyndrome nach Öffnung des Thorax (Thorakotomie) oder Radikaloperation mit Ausräumung aller Lymphknoten des Halses, Nervenschmerzen, Bauchschmerzen und Schmerzen durch Lymphödeme gehören.

Psychosoziale Langzeitfolgen

Viele Langzeitüberlebende und ihre Angehörigen haben noch lange mit den psychosozialen Folgeproblemen der Erkrankung zu kämpfen. [4] Zu den häufigen psychosozialen Folgeproblemen zählen vor allem Fatigue, ein chronisches Müdigkeitssyndrom, Schlafstörungen, kognitive Funktionseinschränkungen, Einschränkungen des Körperbilds und der Sexualität, Unfruchtbarkeit, Angst vor dem Wiederauftreten der Erkrankung und Depressivität, Einschränkungen der Lebensqualität, soziale Folgen und berufliche Belastungen. Auch die Angst vor regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen kann zu psychischen Belastungen führen.

Zuständigkeiten nach einer Krebserkrankung

63,5% der Krebsüberlebenden kehren ins Arbeitsleben zurück [2]. Im Anschluss an die Therapie können Krebsüberlebende verschiedene Unterstützungsangebote erhalten. Die Beratungsstellen der Landesverbände der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., Krankenversicherung, die Rentenversicherung, der Arbeitgeber und das Versorgungsamtsind für die Unterstützung von Langzeitüberlebenden zuständig.

Die Krankenversicherung zahlt maximal 72 Wochen Krankengeld (plus sechs Wochen Lohnfortzahlung), übernimmt die Behandlungskosten sowie die Kosten für eine Haushaltshilfe, die Lymphdrainage, die Krankengymnastik und den Rehasport.
Die Rentenversicherung kümmert sich um die Anschlussrehabilitation, die stationäre medizinische Reha, um Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (Integrationsfachdienst) sowie um die Erwerbsminderungsrente.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten gemeinsam die betrieblichen Maßnahmen zur gesundheitsverträglichen Weiterbeschäftigung klären. Der Arbeitgeber muss das betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) organisieren. Im Falle der Arbeitsunfähigkeit haben Arbeitnehmer in der Regel einen bis zu sechswöchigen Anspruch auf Entgeltfortzahlung durch den Arbeitgeber. [6]
Das Versorgungsamt stellt einen Schwerbehindertenausweis aus und ist für Nachteilsausgleiche wie Kündigungsschutz, Steuererleichterungen, Zusatzurlaub und Maßnahmen zur Erhaltung oder Erlangung eines Arbeitsplatzes zuständig.

Langzeitnachsorge bei Krebs in Kindes- und Jugendalter

Mutter mit Kleinkind beim Arzt, Quelle: © CandyBox Images - fotolia.com
Quelle: © CandyBox Images - fotolia.com

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben sich die Behandlungsmöglichkeiten und damit auch die Heilungschancen von Kindern und Jugendlichen mit einer Krebserkrankung kontinuierlich verbessert. Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen werden heute in mehr als 80 % der Fälle geheilt. Derzeit leben rund 30.000 Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit oder Jugend an Krebs erkrankt waren. [7]

Wichtige Ziele für die Langzeitnachsorge von krebskranken Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind:

  • Frühzeitiges Erkennen und Behandeln von Langzeit- und Spätfolgen
  • Erfassen von physischen, psychischen und sozialen Unterstützungsbedarf
  • Erfassung und Dokumentation der Spätfolgen
  • Unterstützung bei der Reintegration in den Alltag und Wiedereingliederung in Schule, Beruf, Ausbildung, Studium etc.
  • Unterstützung bei der Verarbeitung von positiven und negativen Erfahrungen durch die Krebserkrankung und deren Behandlung [8]

Survivorship-Programme

„Aufgrund möglicher Langzeitnebenwirkungen und den speziellen Bedürfnissen von Krebsüberlebenden ist eine Nachsorge über die eigentliche Tumornachsorge hinaus wichtig“, so Julia Quidde vom Survivorship-Programm L.O.T.S.E. am Hubertus Wald Tumorzentrum in Hamburg. Nachsorge- und Cancer-Survivorship-Programme zielen entsprechend den vielfältigen Folgen und Unterstützungsbedürfnissen der Patienten auf den Ausbau einer längerfristigen wie umfassenden medizinischen und psychosozialen Versorgung der Patienten. [2] Survivorship-Programme sind „ambulante Dauereinrichtungen“ für Patienten nach einer Krebserkrankung und deren Behandlung ohne zeitliche Begrenzung, also auch noch über die Jahre der Tumornachsorge hinaus, sie sind von der onkologischen Rehabilitation als zeitlich begrenzte Akutmaßnahme abzugrenzen. [2]

Das Survivorship-Programm erstellt zunächst einen Survivorship Care Plan. Dieser Plan gibt Auskunft über die Diagnose, die zurückliegende onkologische Therapie und Akutnebenwirkungen oder Komplikationen und enthält einen leitlinienbasierten, individualisierten Nach- und Vorsorgeplan sowie Informationen über mögliche Spät- und Langzeitfolgen, das Rezidivrisiko (Rückfallrisiko) und mögliche Zweitmalignome. Weiter organisiert das Survivorship-Programm Seminare für Patienten sowie deren Angehörige, Schulungen für weiterversorgende Ärzte und Fortbildungsveranstaltungen. Es fungiert als Koordinator, sog. Lotse, als Bindeglied zwischen ehemaligen Behandlern, nachsorgenden Ärzten und Spezialisten und Ansprechpartner für Krebsüberlebende. Auch psychologische, sozialmedizinische und rechtliche Beratungen werden angeboten. [2] Auch die Spätfolgen- und Nachsorgestudienzentrale Late Effects Surveillance System (LESS) bietet Nachsorgesprechstunden in Freiburg und Lübeck an.

Die Ziele eines Survivorship-Programms sind:

  • Prävention von Tumorrezidiven, Zweittumoren, Spätkomplikationen
  • frühzeitiges Erkennen und Therapieren medizinischer und psychosozialer Spätfolgen
  • verbesserte Koordination zwischen ehemaligen Behandlern und nachsorgenden Ärzten
  • auf die Bedürfnisse der Survivor einzugehen

(ak)

Fachberatung: Julia Quidde, Survivorship-Programm am Universitären Cancer Center Hamburg, j.quidde@uke.de

Service

Quelle: © anyaberkut - fotolia.com

Letzte inhaltliche Aktualisierung: 29.01.2016

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Aktualisiert am: 25.08.2016 15:43