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Behandlungsmethoden bei Lungenkrebs im Einzelnen

Krebstherapien dienen dem Zweck, den Patienten von der Erkrankung zu heilen („kurative“ = heilende Therapie) oder das weitere Wachstum und die Ausbreitung des Tumors so lange wie möglich zu stoppen, Beschwerden zu lindern und die Lebenszeit zu verlängern („palliative“ = lindernde Therapie). Unverzichtbarer Bestandteil der onkologischen Betreuung ist daneben die sogenannte „Supportivtherapie“ (unterstützende Therapie). Sie behandelt und verhindert Komplikationen der Krebserkrankung und der überlebensnotwendigen, aber oft auch aggressiven Krebstherapien.

Wie wird bei Lungenkrebs operiert?

Hat der Tumor eine bestimmte Größe nicht überschritten und noch keine Fernmetastasen gebildet, wird eine Operation angestrebt, mit dem Ziel, das Tumorgewebe und die von Tumorzellen befallenen Lymphknoten vollständig zu entfernen. Die Operation spielt vor allem beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs eine wichtige Rolle – da kleinzelliger Lungenkrebs oft erst in einem späteren Stadium diagnostiziert wird, stehen dann andere Behandlungsmethoden im Vordergrund.

Dem chirurgischen Eingriff gehen umfangreiche Untersuchungen voraus. Insbesondere muss sichergestellt werden, dass nach der Entfernung eines Teils der Lunge die verbliebenen Lungenabschnitte in der Lage sind, die Atemfunktion ausreichend zu übernehmen. Voraussetzung für die Operation ist ein guter Allgemeinzustand des Patienten; schwere Begleiterkrankungen schließen einen operativen Eingriff oft aus. Des Weiteren darf die Entfernung des Tumors keine Gefahr für benachbarte lebenswichtige Organe wie große Blutgefäße oder die Speiseröhre darstellen. Sind die zu erwartenden Belastungen und Einschränkungen zu groß, muss eine andere Therapiestrategie gewählt werden.

Bei der Operation werden der tumortragende Lungenabschnitt und die benachbarten Lymphknoten entfernt. Der häufigste Eingriff ist die Entfernung eines Lungenlappens (Lobektomie). Bei sehr großen Tumoren kann die Entfernung eines ganzen Lungenflügels notwendig sein (Pneumektomie). In vielen Fällen ist es jedoch möglich, durch spezielle, organerhaltende Operationstechniken die Entfernung des ganzen Lungenflügels zu vermeiden.

Mögliche Nebenwirkungen:
Infolge der Operation verringert sich die dem Patienten zur Verfügung stehende Atemfläche. Ist die Lungenfunktion vor der Operation ausreichend, stellt dies für den Patienten jedoch kein größeres Problem dar – er kann den Verlust von Lungengewebe dann in der Regel gut kompensieren. Spezielle atemgymnastische Übungen in der Rehabilitation helfen außerdem, die Leistungsfähigkeit der Lunge nach der Tumortherapie wieder zu verbessern. Die ersten Übungen können bereits in der Klinik unter Anleitung eines Krankengymnasten erlernt und später zu Hause fortgeführt werden. Für Raucher allerdings gilt, dass sie umgehend, also noch vor der Operation, mit dem Rauchen aufhören sollten, um ihre Lungenfunktion zu verbessern.

Was passiert bei einer Bestrahlung?

Die Strahlentherapie kommt bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs in den Stadien I und II als alleinige Therapie infrage, wenn eine Operation nicht möglich ist, sowie bei ausgewählten Patienten im Stadium III. Ansonsten wird sie bei Patienten im Stadium III und bei Patienten mit kleinzelligem Lungenkrebs in der Regel mit einer Chemotherapie kombiniert. Wenn der Krebs Tochtergeschwülste, sogenannte Metastasen, in anderen Organen wie dem Gehirn oder den Knochen gebildet hat, können diese unter Umständen ebenfalls bestrahlt werden.

Die energiereiche ionisierende Strahlung, die von außen auf den Tumor gelenkt wird, zerstört die Krebszellen. Dabei wird die Gesamtstrahlendosis auf mehrere Einzeldosen verteilt, die etwa fünfmal pro Woche verabreicht werden. Bei der sogenannten hyperfraktionierten Bestrahlung, die bei Lungenkrebs eingesetzt werden kann, wird sogar zweimal am Tag im Abstand von mehreren Stunden, dann aber mit geringeren Einzeldosen bestrahlt.

Neben der herkömmlichen Strahlentherapie kommt auch die sogenannte stereotaktische Strahlentherapie zum Einsatz. Hierbei werden die Krankheitsherde in wenigen Sitzungen, manchmal nur in einer einzigen, mit einer hohen Strahlendosis bestrahlt. Dies ist möglich, weil die Strahlen nach einer computergesteuerten Bestrahlungsplanung aus verschiedenen Richtungen auf den Zielbereich gelenkt werden. Dort treffen sich alle Strahlen in einem Punkt und addieren sich zur Gesamtdosis, die somit im Krankheitsherd maximal ist, während die umgebenden gesunden Gewebe weitgehend verschont bleiben. Aus diesem Grund eignet sich die stereotaktische Strahlentherapie besonders gut für kleine Tumoren und für Tumoren in heikler Umgebung, wie etwa Hirnmetastasen.

Mögliche Nebenwirkungen
Nebenwirkungen der Strahlentherapie können Heiserkeit und Schluckbeschwerden sein. Auch die Haut reagiert empfindlich auf die Behandlung. Insbesondere bei einer Kombination mit Chemotherapie können Schleimhautentzündungen und Pilzerkrankungen in der Mundhöhle entstehen. Eine Spätfolge ist die Pneumonitis, eine Entzündung des bestrahlten Lungengewebes. Insgesamt hängt die Ausprägung von Nebenwirkungen von der Art und Intensität der eingesetzten Bestrahlung ab.

Wie wirkt die Chemotherapie?

Bei der Chemotherapie kommen zellwachstumshemmende Medikamente, so genannte Zytostatika, zum Einsatz. Sie wirken in erster Linie gegen schnell wachsende Zellen und damit vor allem gegen Krebszellen. Für die Behandlung von Lungenkrebs stehen mehrere Chemotherapeutika zur Verfügung, die entsprechend der individuellen Voraussetzungen ausgewählt werden.

Welche Medikamente jeweils angewendet werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter dem Krankheitsstadium, dem Allgemeinzustand und Begleiterkrankungen. In der Regel werden zwei oder drei Substanzen miteinander kombiniert, wobei in den meisten Fällen Cisplatin oder Carboplatin als Basismedikament enthalten sind. Häufig eingesetzte Zytostatika sind beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom Cisplatin, Carboplatin, Vinorelbin, Docetaxel, Gemcitabin, Paclitaxel, Pemetrexed und Etoposid, beim kleinzelligen Lungenkarzinom Cisplatin, Carboplatin, Bendamustin, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Etoposid, Irinotecan, Paclitaxel, Topotecan und Vinca-Alkaloide wie Vincristin.

Mögliche Nebenwirkungen:
Die Chemotherapie wirkt auf alle sich rasch teilenden Zeilen. Dazu gehören nicht nur die bösartigen Krebszellen, sondern auch gesunde Zellen wie die Schleimhautzellen des Verdauungstrakts und die Haarwurzelzellen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen der Chemotherapie zählen daher Übelkeit, Durchfall, Entzündungen der Mundschleimhaut und Haarausfall. Unter der Chemotherapie kann auch eine Verringerung der roten und weißen Blutzellen auftreten, wodurch es zu Blutarmut (Anämie) kommt und die Infektanfälligkeit zunimmt. Daneben können die verschiedenen Zytostatika jeweils spezifische Nebenwirkungen hervorrufen. Durch eine gute Aufklärung sowie vorbeugend und begleitend eingesetzte (supportive) Medikamente lassen sich viele Nebenwirkungen vermeiden oder zumindest lindern. In der Regel klingen sie nach Beendigung der Chemotherapie wieder ab.

Welche zielgerichteten medikamentösen Therapien kommen zum Einsatz?

Neuartige Therapieansätze, die als „zielgerichtete Therapie“ bezeichnet werden, sind darauf ausgerichtet, ausschließlich oder bevorzugt Krebszellen anzugreifen. Die Wirkstoffe richten sich beispielsweise gegen Faktoren, die das Tumorwachstum fördern, sie unterbinden die Blutversorgung des Tumors, reparieren Defekte im Erbgut bzw. beheben deren Folgen oder verhindern die Signalübertragung zwischen Tumorzellen, sodass Zellteilungs- und Wachstumssignale ausbleiben. Zielgerichtete Therapien kommen derzeit ausschließlich bei fortgeschrittenen (metastasierten) nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen zur Anwendung, denn eine gute Wirksamkeit hat sich bei kleinzelligem Lungenkrebs noch nicht erwiesen. Da auf diesem Gebiet intensiv geforscht wird, ist damit zu rechnen, dass in naher Zukunft weitere zielgerichtet wirkende Substanzen für die Therapie von Lungenkrebs zugelassen werden.


Tyrosinkinasehemmer des epidermalen Wachstumsfaktors (EGFR-Tyrosinkinasehemmer)

Aktivierende genetische Veränderungen im epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) führen dazu, dass Tyrosinkinasen, die sich im Zellinneren am Rezeptor befinden, eine Signalkette in Gang halten, die die Teilung der Krebszellen und damit deren Vermehrung befördert. Dem können EGFR-Tyrosinkinasehemmer Einhalt gebieten. Die winzigen Moleküle dringen durch die Zellwand hindurch in die Zellen ein und besetzen den innen liegenden Teil des EGF-Rezeptors. Dadurch wird die Signalkette für die Zellteilung unterbrochen und die Vermehrung der Krebszellen verlangsamt.

Derzeit sind drei EGFR-Tyrosinkinasehemmer für die Therapie von Lungenkrebs zugelassen: Erlotinib, Gefitinib und Afatinib. Diese Medikamente stehen in Tablettenform zur Verfügung. Die Therapie kann deshalb von den Patienten zu Hause durchgeführt werden, was für viele einen Gewinn an Lebensqualität bedeutet. EGFR-Tyrosinkinasehemmer zögern das Fortschreiten der Krankheit hinaus und lindern Beschwerden.

Mögliche Nebenwirkungen:
Tyrosinkinasehemmer sind zwar im Vergleich zur Chemotherapie gut verträglich, aber nicht nebenwirkungsfrei. Eine häufige Nebenwirkung ist das Auftreten eines akneartigen Hautausschlags im Gesicht und am Oberkörper, auch Rash genannt. Er kann ein Zeichen dafür sein, dass das Medikament gut anschlägt. Weitere typische Nebenwirkungen sind Durchfall, eine damit einhergehende Gewichtsabnahme und anhaltende Erschöpfung (Fatigue). Eine vorbeugende Begleittherapie gegen Hautausschlag und Durchfall wird empfohlen.


Wirkstoffe bei Resistenzen gegen EGFR-Tyrosinkinasehemmer

Tumoren können gegenüber der Therapie mit einem EGFR-Tyrosinkinasehemmer widerstandsfähig, also resistent werden. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um die sogenannte Gatekeeper-Mutation T790M. Sie bewirkt, dass die Tyrosinkinasehemmer der ersten (Gefitinib, Erlotinib) und zweiten Generation (Afatinib) aus der Bindung an die Tyrosinkinase verdrängt werden und den Wachstumsfaktor nicht mehr hemmen können. Ein neuartiger EGFR-Tyrosinkinasehemmer, der selektiv auch dann wirkt, wenn eine T790M-Mutation vorliegt, ist Osimertinib. Er wird in Tablettenform verabreicht.

Mögliche Nebenwirkungen:
Die häufigsten Nebenwirkungen unter der Therapie mit Osimertinib sind Durchfall, exanthemartiger Hautausschlag, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Verstopfung. Diese Nebenwirkungen sind deutlich geringer ausgeprägt als bei den Medikamenten der ersten und zweiten Generation (Gefitinib, Erlotinib, Afatinib).


EGFR-Antikörper

Auch wenn Krebszellen auf ihrer Oberfläche den „normalen“ (Wildtyp-) EGF-Rezeptor ausbilden, wie dies bei Plattenepithelkarzinomen von nicht-kleinzelligem Lungenkrebs mitunter der Fall ist, wird die Zellteilung verstärkt in Gang gesetzt und das Tumorwachstum befördert. In diesem Fall kann sich eine Kombination aus den Chemotherapeutika Cisplatin/Gemcitabin und dem Anti-EGFR-Antikörper Necitumumab lohnen. Schlägt diese Therapie an und wird gut vertragen, ist eine Erhaltungstherapie mit Necitumumab möglich. Die Nebenwirkungen von Necitumumab sind ähnlich wie bei den EGFR-Tyrosinkinasehemmern, allerdings in der Ausprägung eher stärker als bei der ersten und zweiten Wirkstoffgeneration.

Tyrosinkinasehemmer der ALK- und ROS1-Kinasen

Tyrosinkinasehemmer dieser Wirkstoffgruppe richten sich gegen Eiweiße in der Zelle, die das Zellwachstum stimulieren. Durch die Bindung der Wirkstoffe an die Eiweiße werden bestimmte Signalwege blockiert und das unkontrollierte Zellwachstum im Tumor eingedämmt. Für die Erst- und Zweittherapie (nach Chemotherapie) von Patienten mit einer ALK-Translokation beispielsweise ist der ALK-Tyrosinkinasehemmer Crizotinib zugelassen. ALK-Tyrosinkinasehemmer der zweiten Generation sind Alectinib und Ceritinib. Sie wirken noch spezifischer an der ALK-Kinase. Weitere wirksame ALK-Hemmer, die derzeit in Studien getestet werden, sind Brigatinib und Lorlatinib.

Seltener als ALK-Translokationen sind aktivierende ROS1-Translokationen. Die betroffenen Patienten können in der Ersttherapie mit dem Tyrosinkinasehemmer Crizotinib behandelt werden. Ein neuerer ROS1-Hemmer ist Lorlatinib.

Mögliche Nebenwirkungen:
Auch ALK- und ROS1-Kinasehemmer können Nebenwirkungen verursachen, wobei jeder Wirkstoff sein eigenes spezifisches Nebenwirkungsprofil hat. Häufig sind Leberfunktionsstörungen, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und anhaltende Erschöpfung, aber auch Sehstörungen und Geschmacksveränderungen können auftreten.

Angiogenesehemmer
Angiogenese bedeutet Bildung von Blutgefäßen. Diese Blutgefäße benötigt der Tumor, um sich mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Letztlich unterstützt die Angiogenese somit das Tumorwachstum und die Ausbreitung des Tumors im Körper.

Angiogenese, Quelle: © jscreationzs - fotolia.com
Quelle: © jscreationzs - fotolia.com

Angiogenesehemmer behindern die Blutversorgung von Tumoren, indem sie den Gefäßzellwachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothel Growth Factor) blockieren. Studien haben gezeigt, dass die Krebszellen dadurch weniger wachsen und gleichzeitig gegebene Chemotherapien besser wirken. Solche Angiogenesehemmer sind Bevacizumab, Ramucirumab und Nintedanib. Bevacizumab kann bei Patienten mit metastasiertem (Stadium IV) nicht-kleinzelligem, nicht plattenepithelialem Lungenkarzinom in Kombination mit einer platinhaltigen Chemotherapie zur Erstbehandlung angewendet werden. Ramucirumab (unabhängig vom Tumortyp) und Nintedanib (nur Adenokarzinome) werden bei Patienten in der Zweitlinientherapie in Kombination mit Docetaxel-Chemotherapie eingesetzt, wenn es zu einem Rückfall gekommen ist.

Mögliche Nebenwirkungen:
Unter der Therapie mit Bevacizumab besteht ein erhöhtes Blutungsrisiko, weshalb eine gute Überwachung unerlässlich ist. Häufig tritt Bluthochdruck auf. Weitere typische, jedoch seltenere Nebenwirkungen sind Blutgefäßverschlüsse (Embolien), eine vermehrte Eiweißausscheidung im Urin und Wundheilungsstörungen. Häufige Nebenwirkungen von Ramucirumab in Kombination mit Docetaxel sind ein Mangel an weißen Blutzellen mit und ohne Fieber (Neutropenie und febrile Neutropenie), anhaltende Erschöpfung (Fatigue) und Bluthochdruck sowie die bei Bevacizumab beschriebenen Nebenwirkungen. Die Nebenwirkungen von Nintedanib sind ähnlich, hier kommen noch Nebenwirkungen wie bei EGFR-Tyrosinkinasehemmern hinzu.

 

Weitere zielgerichtete Wirkstoffe

Bei einem bis zwei Prozent aller nicht-kleinzelligen Lungenkarzinome kommen BRAF-Mutationen vor, etwa bei der Hälfte handelt es sich um die V600E-Veränderung. Das BRAF-Gen produziert ein Protein (B-Raf), das als wichtiger Bestandteil des sogenannten Mitogen-aktivierten Protein-Kinase(MAPK)-Stoffwechselwegs am normalen Wachstum und Überleben von Zellen beteiligt ist. Veränderungen im Gen können bewirken, dass dieser Signalweg übermäßig aktiv wird, wodurch es zu unkontrolliertem Zellwachstum und Krebs kommen kann. Sogenannte BRAF-Hemmer können dem Einhalt gebieten. Jedoch entwickeln Tumoren erfahrungsgemäß rasch Resistenzen gegen BRAF-Hemmer. Werden allerdings gleichzeitig mit der BRAF-Hemmung die sogenannten MEK-Kinasen 1 und 2 im MAP-Kinase-Signalweg gehemmt, lässt sich die Resistenzentwicklung wirksam verhindern. Erste Studienergebnisse deuten an, dass bei mehrfach mit Chemotherapie vorbehandelten Patienten mit fortschreitender Erkrankung durch eine Kombination des BRAF-Hemmers Dabrafenib mit dem MEK-Hemmer Trametinib gute Ansprechraten und Krankheitskontrollraten erzielt werden.

Bei knapp einem Drittel aller Patienten, die keine KRAS-, ALK-, ROS- oder EGFR-Mutation im Tumor aufweisen, finden sich RET-Mutationen. In diesem Fall kann eine Therapie mit Cabozantinib Vorteile bringen. Rund zwei Prozent aller Adenokarzinome des nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms weisen Veränderungen des HER2-Rezeptors auf. Die betroffenen Patienten sprechen oft gut auf HER2-Hemmer wie Trastuzumab oder Afatinib an. Bei MET-Amplifikationen und/oder MET-Mutationen können MET-Tyrosinkinasehemmer wie Capmatinib eingesetzt werden.

Das Immunsystem aktivieren: Immuntherapien

Das eigene Immunsystem so zu aktivieren, dass es den Tumor als „krank/fremd“ erkennt und ihn bekämpft ist das Ziel einer Immuntherapie. Krebszellen können sich der natürlichen Immunabwehr entziehen, etwa indem sie ihre tumortypischen Antigene, anhand derer sie das Immunsystem als krank erkennen würde, durch Mutationen verlieren, die Aktivität von Immunzellen hemmen oder sogenannte Immun-Checkpoints manipulieren. Letztere regulieren die Intensität und Qualität der Aktivität sogenannter T-Zellen des Immunsystems. Bei Lungenkrebs spielt der PD-1-Checkpoint eine gewichtige Rolle. Der PD1-Rezeptor wird typischerweise auf T-Zellen des Immunsystems gebildet, der dazugehörige „Ligand“ PD-L1 von dendritischen Zellen des Immunsystems, aber auch von Krebszellen. Bindet sich PD-L1 an seinen PD-1-Rezeptor auf den T-Zellen, werden diese inaktiviert. Schütten die Tumorzellen nun selbst verstärkt PD-L1 aus, können sie den Fängen des Immunsystems entschlüpfen, weil sie die T-Zellen „lahmlegen“. Wird der Immun-Checkpoint PD-1 bzw. PD-L1 durch sogenannte PD-1-Inhibitoren („Hemmer“) wie Pembrolizumab oder Nivolumab oder PD-L1 Inhibitoren wie Atezolizumab geblockt, fällt dessen dämpfende Wirkung auf die Immunzellen aus – diese werden aktiv und bekämpfen die Tumorzellen.

Pembrolizumab kann bei Patienten mit metastasiertem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs im Stadium IV in der Ersttherapie bei einer Expression von > 50% PD-L1 und fehlenden EGFR- und ALK-Alterationen der Tumorzellen als alleinige Therapie anstelle einer Chemotherapie eingesetzt werden. In der Zweitlinientherapie, wenn metastasierter nicht-kleinzelliger Lungenkrebs trotz Therapie weiterwächst oder danach zurückgekehrt, kann eine Immuntherapie mit Nivolumab, Pembrolizumab (> 1% PD-LD1 Expression) eingeleitet werden.

Mögliche Nebenwirkungen:
Neben Müdigkeit, Appetitlosigkeit und allgemeiner Schwäche können unter der Therapie mit PD-1- und PD-L1-Blockern vor allem Nebenwirkungen auftreten, die mit dem Immunsystem zusammenhängen, etwa Störungen der Schilddrüsenfunktion, Lungenentzündung, Leberentzündung und Nierenfunktionsstörungen. Auch Nebenwirkungen an der Haut sind möglich, zum Beispiel Hautausschlag, Juckreiz und Vitiligo (Weißfleckenkrankheit). Zusätzlich können Durchfälle im Rahmen einer Darmentzündung (Colitis) auftreten.

Behandlung von Knochenmetastasen

Lungentumoren neigen zur Bildung von Tochtergeschwülsten in den Knochen. Diese können erhebliche Schmerzen verursachen und erhöhen das Risiko für Knochenbrüche. Einzelne Knochenmetastasen können durch eine Operation oder stereotaktische Strahlentherapie entfernt werden. Darüber hinaus verringert sich durch die Gabe von Substanzen, die den Knochenabbau hemmen, sogenannte Bisphosphonate, das Risiko von Komplikationen, Schmerzen werden gelindert. Eine weitere Gruppe von Medikamenten zur Behandlung von Knochenmetastasen sind sogenannte zielgerichtete Therapien. In Deutschland ist der Antikörper Denosumab aus dieser Gruppe zugelassen. Er bindet sich im Körper gezielt an ein als RANKL bezeichnetes Eiweiß, das normalerweise knochenabbauende Zellen aktiviert. Wenn Denosumab RANKL blockiert, vermindert sich Aktivität der knochenabbauenden Zellen, die Knochenmasse bleibt erhalten und Knochenbrüche werden seltener.

Supportivtherapie

Zur medizinischen Betreuung von Krebspatienten gehört nicht nur die antitumorale Therapie, die Heilung bringen oder den Krebs so lange wie möglich zurückdrängen soll – integraler Bestandteil ist auch die sogenannte Supportivtherapie. Sie sorgt unabhängig vom Tumorstadium dafür, dass Krebspatienten nicht zu sehr unter den Komplikationen der Krebserkrankung leiden müssen und die überlebensnotwendigen, aber oft auch aggressiven Tumortherapien so gut wie möglich vertragen. Der Maßnahmenkatalog möglicher Supportivtherapien ist lang; die Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen gehören ebenso dazu wie beispielsweise die Behandlung von Blutarmut (Anämie) und fehlenden weißen Blutzellen (Neutropenie), die Vorbeugung von Infektionen, die Vorbeugung und Behandlung von Mundschleimhautentzündungen und die Vorbeugung und Behandlung von Hauterscheinungen.

Palliativtherapie

Wenn eine Lungenkrebserkrankung zu weit fortgeschritten ist, richtet sich die Therapie nicht mehr auf Heilung aus, sondern auf die Linderung der tumorbedingten Beschwerden und den Erhalt von Lebensqualität für die Patienten und ihre Angehörigen. Dies umfasst nicht nur die Vorbeugung und Behandlung von Schmerzen und anderen körperlichen Beschwerden, sondern auch Hilfestellungen und Therapien bei psychosozialen Belastungssituationen und Problemen, die mit der Krebserkrankung verbunden sein können. Bei den körperlichen Symptomen stehen für Lungenkrebspatienten mit fortgeschrittener Erkrankung vor allem Atemnot und Schmerzen im Vordergrund. Sie können mit den heute verfügbaren Medikamenten und Methoden in vielen Fällen gut gelindert werden. Auch wenn bestimmte Standards dabei eine Rolle spielen, wird die Therapie stets individuell auf die Situation des Patienten abgestimmt.

Lungenkrebszentren

Die Behandlung bei Lungenkrebs ist komplex und bedarf der Zusammenarbeit von Spezialisten verschiedener Fachrichtungen. Zudem ist die Forschung hinsichtlich neuer Therapien im ständigen Fluss. Um Lungenkrebspatienten eine optimale Behandlung anhand der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Therapierichtlinien garantieren zu können, werden von der Deutschen Krebsgesellschaft sogenannte Lungenkrebszentren zertifiziert. Für die Zertifizierung müssen die Einrichtungen strenge Vorgaben erfüllen, z.B. eine Mindestanzahl qualifizierter Fachärzte und eine Mindestanzahl der dort pro Jahr behandelten Lungenkrebspatienten. Nur so können die Zentren ausreichende Erfahrungen mit der Erkrankung sammeln und laufend erweitern. Die Behandlung im Lungenkrebszentrum erfolgt interdisziplinär durch Lungenfachärzte, Thoraxchirurgen, Strahlentherapeuten, Onkologen, Pathologen und Radiologen. Sie nehmen an den regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenzen teil, in denen für jeden Patienten individuelle Behandlungspläne erarbeitet werden. Ergänzt wird das Behandlerteam durch Psychoonkologen, Sozialdienstler, Seelsorger und Physiotherapeuten.

 

Quellen:

Esche B., Geiseler J. & Karg O. (Hrsg.): Pneumologie. Lehrbuch für Atmungstherapeuten. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. Berlin 2016

Griesinger F & Heukamp L. What’s hot in lung cancer. TumorDiagn u Ther 2016;37:1–7

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Lungenkarzinoms, Langversion 0.1 Konsultationsfassung, 2017, AWMF-Registernummer: 020/007OL, http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Lungenkarzinom.98.0.html (Zugriff am: 16.08.2017)

Onkopedia Leitlinie der DGHO, Lungenkarzinom, kleinzellig (SCLC), Stand: April 2017 https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/lungenkarzinom-kleinzellig-sclc/@@view/html/index.html

Onkopedia Leitlinie der DGHO, Lungenkarzinom, nicht-kleinzellig (SCLC), Stand April 2017 https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/lungenkarzinom-nicht-kleinzellig-nsclc/@@view/html/index.html

Tumoren der Lunge und des Mediastinums. Manual – Empfehlungen zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Tumorzentrum München (Hrsg). 11. Auflage, München, 2017

 

Fachliche Beratung

Prof. Dr. Frank Griesinger, Pius Hospital Oldenburg

PD Dr. David F. Heigener, LungenClinic Grosshansdorf

Dr. Markus Tiemann, Institut für Hämatopathologie Hamburg

Prof. Dr. Rainer Wiewrodt, Universitätsklinikum Münster

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 04.07.2018

Weitere Basisinformationen zum Lungenkrebs:

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Aktualisiert am: 21.08.2018 00:36