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Tumorbiologie: Charakterisierung des Brusttumors

Molekularbiologische Untersuchungen, die den jeweiligen Tumor charakterisieren helfen, sind ein zunehmend wichtiger Schritt auf dem Weg zur maßgeschneiderten Therapie. Sie werden an Gewebematerial vorgenommen, das bei der Biopsie oder der Tumorentfernung gewonnen wurde. Sogenannte biologische Tumormarker („Biomarker“) helfen einerseits dabei, die Bösartigkeit des Tumors und damit die Behandlungsaussichten für die Patientin abzuschätzen („prognostische Marker“). Andererseits geben sie auch wertvolle Hinweise, wie ein Tumor zielgerichtet bekämpft werden kann und welche Therapie bei welchen Patientinnen nötig oder wirksam ist („prädiktive Marker“).

Eine Vielzahl dieser Marker sind bei den verschiedenen Krebsarten bereits identifiziert worden – Tendenz steigend. Im Folgenden stellen wir Ihnen diejenigen Biomarker vor, die derzeit bei Brustkrebs nachgewiesene Relevanz besitzen und schon außerhalb von Studien eingesetzt werden. Da auf dem Gebiet der Tumorbiologie jedoch intensiv geforscht wird und beständig neue Studienergebnisse zu erwarten sind, werden die Empfehlungen immer wieder angepasst.

Hormonrezeptor-Status

Die Hormone Östrogen und Progesteron können das Wachstum von Brustkrebszellen beeinflussen. Sie docken an Bindungsstellen (Hormonrezeptoren HR) der Zelle an, die dann das Wachstumssignal ins Zellinnere weiterleiten. 
Um zu ermitteln, ob ein Tumor hormonabhängig wächst, wird untersucht, wie groß der Anteil der Zellen und die Menge der entsprechenden Hormonrezeptoren (HR) ist. Reagiert mehr als ein Prozent aller Tumorzellen auf das spezielle Markierungsverfahren, geht man davon aus, dass der Tumor hormonempfindlich ist. Ausgedrückt wird dies durch die Angabe ER+ (Östrogenrezeptor-positiv) und/oder PgR+ (Progesteronrezeptor-positiv). Wenn Tumorzellen hormonabhängig wachsen, bedeutet dies andererseits, dass sich ihr Wachstum durch Hormonentzug verlangsamen oder stoppen lässt. Dann kann eine (Anti-) Hormontherapie bzw. endokrine Therapie durchgeführt werden und man kann mitunter auf eine Chemotherapie verzichten.

HER2-Rezeptor-Status
HER2-Rezeptoren sind Bindungsstellen für Wachstumsfaktoren, die die Krebszelle zur Teilung anregen. Sind auf der Zelloberfläche besonders viele HER2-Rezeptoren vorhanden, geht dies oft mit einem aggressiveren Verlauf der Krebserkrankung einher. Gezielte, gegen HER2 gerichtete Therapien blockieren diese Rezeptoren und hemmen damit das Zellwachstum.

Molekulare Subtypen
Ende der 90 Jahre wurden Mammakarzinome molekulargenetisch untersucht und in unterschiedliche Subtypen unterteilt. Diese Subtypen sind mit einer unterschiedlichen Prognose verbunden und sagen außerdem vorher, wie der Tumor auf die verschiedenen Therapiekonzepte anspricht. Da in der täglichen Praxis eine molekulargenetische Untersuchung des Tumors jeder einzelnen Patientin zu aufwändig wäre, hat man unter Verwendung des HER2-Status, des Hormonrezeptorstatus (HR) und des Proliferationsmarkers KI-67 (gibt die Wachstumsgeschwindigkeit von Tumorzellen an) eine alternative Klassifikation gefunden.

  • luminal A (HR-positiv, Her2-negativ, Ki-67 niedrig), 
  • luminal B (HR-positiv, Her2-negativ, Ki-67 hoch),
  • HER2-Subtyp (HER2-positiv) und 
  • triple negativ (HER2-negativ, HR-negativ). 

Triple negative Patientinnen haben z. B. eine ungünstige Prognose. Bei Patientinnen mit Luminal A-Tumoren reicht eine rein endokrine Therapie in der Regel aus.

uPA/PAI-1-Status
Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium und ohne Lymphknotenbefall, in deren Tumorgewebe nur geringe Anteile des Eiweißes uPA (Urokinase-Typ Plasminogen Aktivator) und dessen Gegenspielers PAI-1 gefunden werden, haben ein nachweislich niedriges Rückfallrisiko. Ihnen kann oft eine Chemotherapie erspart bleiben, ohne ihr Risiko, erneut zu erkranken, zu erhöhen. 
Weil dieser Test (im Gegensatz zu den Hormonrezeptor- und HER2-Tests) nur an frisch eingefrorenem Tumorgewebe durchgeführt werden kann, darf der Pathologe nicht wie üblich das gesamte Tumorgewebe in Formalin fixieren und in Paraffin einbetten. Daher muss vor der Operation besprochen werden, ob der uPA/PAI-1-Status bestimmt werden soll. Die Kosten für den Test werden bisher nicht von allen Krankenkassen erstattet.

Genexpressionsprofile
Tumorzellen können daran erkannt werden, dass sie Veränderungen von Genen aufweisen, die zu einer Unter- oder Überproduktion (Expression) bestimmter Eiweiße führen. Mit Hilfe eines Genexpressionsprofils (auch: Gensignatur, Genprofil) aus Gewebeproben wird versucht, die Aktivität in den Krebszellen zu ermitteln, um Informationen über das individuelle Rückfallrisiko zu gewinnen und auf dieser Grundlage die geeigneten Therapien auszuwählen. Verschiedene Verfahren wurden schon entwickelt, und stetig kommen neue hinzu.

Methoden der Genchip-Diagnostik sind die sogenannte „Microarray-Analyse“ und das „RT-PCR-Verfahren“. Daraus entwickelte kommerzielle Testsysteme wie MammaPrint®, OncoType DX® und EndoPredict® oder andere. sind durch Werbung und Medien bereits bekannt und werden daher häufig von Patientinnen nachgefragt. Doch ihre Aussagekraft ist noch nicht abschließend belegt, so dass sie bisher von den deutschen Fachgesellschaften nur für Einzelfälle empfohlen werden, bei denen man mit den weiteren pathologischen und klinischen Kriterien nicht zu einer klaren Therapieentscheidung kommt. Diese Test werden von den Krankenkassen nicht immer finanziert.

(pp)

 

Quellen:
[1] AGO Empfehlungen „Diagnosis and Treatment of Patients with Primary and Metastatic Breast Cancer”, Stand März 2017
http://www.ago-online.de/de/fuer-mediziner/leitlinienempfehlungen/mamma/
[2] AGO Patientenratgeber Brustkrebs zu den AGO-Empfehlungen 2015
http://www.ago-online.de/de/fuer-patienten/patientenratgeber
[3] Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg – Krebsinformationsdienst: Brustkrebs: Informationen für Patientinnen, Angehörige und Interessierte.http://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/brustkrebs
[4] Interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, Langversion 3.0, Aktualisierung 2012 (Leitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft, der Deutschen Krebshilfe und der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Medizinische Fachgesellschaften), online unter http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-045OL_l_S3__Brustkrebs_Mammakarzinom_Diagnostik_Therapie_Nachsorge_2012-07.pdf
[5] Patientenleitlinien der Deutschen Krebsgesellschaft, der Deutschen Krebshilfe und der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Medizinische Fachgesellschaften, online unter http://www.krebshilfe.de/wir-informieren/material-fuer-betroffene/patientenleitlinien.html
- Patientenleitlinie „Brustkrebs. Die Ersterkrankung und DCIS – Eine Leitlinie für Patientinnen“, Stand 2010
- Patientenleitlinie „Brustkrebs II - Die fortgeschrittene Erkrankung, Rezidiv und Metastasierung“, Stand 2011
- Patientenleitlinie „Früherkennung von Brustkrebs. Eine Entscheidungshilfe für Frauen“, Stand 2010

Fachliche Beratung: 
Prof. Dr. Fehm Universitätsfrauenklinik Düsseldorf
Prof. Dr. Scharl Klinikum Amberg
Prof. Dr. Lux Universitätsfrauenklinik Erlangen

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 21.02.2017

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Aktualisiert am: 26.04.2017 17:22