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Peniskrebs

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Basisinformationen zum Peniskrebs

Tabuthema Peniskrebs: Gute Chancen bei rechtzeitiger Behandlung

Mann Fragezeichen Teaser Thema des Monats Oktober 2020
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Peniskrebs ist eine sehr seltene Krebserkrankung: In Deutschland werden jährlich etwa 950 Männer mit dieser Diagnose konfrontiert. Auch wenn dies eine kleine Zahl ist, kann Peniskrebs für den betroffenen Patienten einen drastischen Lebenseinschnitt bedeuten. Da der Penis als Symbol für Männlichkeit, Potenz und Sexualität gilt, betrifft die Erkrankung nicht nur den Körper, sondern sie stellt auch eine erhebliche psychische Belastung dar. Unwissenheit und Scham führen häufig dazu, dass Männer erst spät einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Hinzu kommt, dass es wenig Ärzte gibt, die Erfahrung mit diesem Krankheitsbild haben. Je später aber die Behandlung beginnt, desto schlechter sind die Aussichten für einen günstigen Krankheitsverlauf (Prognose). Wie bei allen seltenen Erkrankungen wird auch zu Peniskrebs wenig geforscht und es gibt derzeit auch keine Selbsthilfegruppen.

Erstmals wissenschaftliche Leitlinie

Um diese Situation zu verbessern, ist in Deutschland jetzt erstmals eine Leitlinie erarbeitet worden. Diese soll helfen, Patienten mit Peniskrebs bestmöglich zu versorgen. Die darin enthaltenen Empfehlungen basieren auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand und beinhalten nicht nur medizinische Aspekte, sondern auch psychologische und soziale Unterstützungsmöglichkeiten. Was genau steht nun in der Leitlinie? Darüber informiert dieser Artikel. [1]

Die wichtigsten Empfehlungen der Leitlinie

  • Je früher Peniskrebs erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen.
  • Eine HPV-Impfung bei Jungen zwischen 9 und 14 Jahren kann das Risiko für Peniskrebs verringern.
  • Patienten mit Peniskrebs sollen in zertifizierten Zentren betreut und behandelt werden.
  • Patienten und ihre Angehörigen sollen gut aufgeklärt und an Therapieentscheidungen beteiligt werden.
  • Der Organerhalt hat hohe Priorität.
  • Während des gesamten Zeitraums von der Diagnostik bis zur Nachsorge soll eine psychologische Unterstützung angeboten werden.

Welche Risikofaktoren sind bekannt?

Mann im Gespräch mit Arzt
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Es gibt verschiedene Faktoren, die das Risiko erhöhen, an Peniskrebs zu erkranken. Hierzu gehören [1]:

  • eine Verengung der Vorhaut:

Wenn die Vorhaut nicht komplett zurückgeschoben werden kann, ist die Genitalhygiene erschwert. Medizinisch spricht man von einer Phimose. Diese kann zu chronischen Entzündungen führen, welche die Entstehung eines Tumors begünstigen.

  • mangelhafte Genitalhygiene
  • eine Infektion mit Humanen Papillomaviren (HPV): Diese werden sexuell übertragen und sind auch verantwortlich für Genitalwarzen und Gebärmutterhalskrebs. Bei etwa 50% der Patienten mit Peniskrebs spielen die HPV-Typen 16 und 18 eine Rolle. In der Leitlinie wird daher darauf hingewiesen, dass eine HPV-Impfung von Jungen im Alter von 9-14 Jahren das Risiko senken kann, an einem HPV-bedingten Peniskrebs zu erkranken. Wissenschaftlich ist dies noch nicht belegt, jedoch sprechen positive Erfahrungen bei Mädchen und Frauen dafür: Bei ihnen traten Krebsvorstufen im Genital- und Analbereich seltener auf, wenn sie gegen HPV geimpft waren. Die Kosten für die Impfung werden auch für Jungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.

Wie lässt sich Peniskrebs frühzeitig erkennen?

Es lohnt sich, falsche Scham zu überwinden. Je früher ein Peniskarzinom entdeckt und behandelt wird, desto besser sind die Chancen, das Organ zu erhalten und die Erkrankung zu heilen. Männer werden daher ermutigt, selbst auf ungewöhnliche Veränderungen achten. Hautveränderungen, Verhärtungen oder Schwellungen an Eichel oder Vorhaut, Ausfluss oder Blutungen aus dem Penis sollten ärztlich abgeklärt werden. Zudem wird empfohlen, ab dem 45. Lebensjahr die jährliche gesetzliche Krebsfrüherkennungsuntersuchung wahrzunehmen. Diese kann von einem Urologen, einem Facharzt für Innere Medizin oder vom Hausarzt durchgeführt werden. [1]

Wie wird Peniskrebs festgestellt?

Eine Blickdiagnose ist nicht ausreichend, da es sich bei Auffälligkeiten auch um banale Hauterkrankungen oder entzündliche Prozesse handeln kann. In der Leitlinie wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei unbestätigtem Verdacht auch nicht unnötig lange Salben und Antibiotika eingesetzt werden sollen. [1]
Besteht der Verdacht auf Peniskrebs, empfiehlt die Leitlinie eine Biopsie im auffälligen Gebiet oder der Lymphknoten. Dabei wird ein winziges Stück Gewebe entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Bildgebende Verfahren wie Kernspintomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) sollen nur bei größeren Tumoren und offensichtlichem Lymphknotenbefall eingesetzt werden. Aus allen zur Verfügung stehenden diagnostischen Informationen lässt sich dann das Stadium der Erkrankung ermitteln [1]:

  • Der Tumor ist auf den Penis begrenzt. 85% der Patienten mit diesem frühen Tumorstadium leben nach 5 Jahren noch.
  • Der Tumor hat sich schon in Lymphknoten ausgebreitet. In diesem Fall leben nach 5 Jahren noch 59% der Patienten.
  • Der Tumor hat in entfernten Organen bereits Tochtergeschwülste gebildet (Fernmetastasen). Fernmetastasen treten meist erst spät auf und sind häufig in Lunge, Leber und Knochen zu finden. Etwa jeder zehnte Patient mit Metastasen überlebt die ersten 5 Jahre.

 

Wie wird Peniskrebs behandelt?

Grundsätzlich gilt: Je früher die Diagnose gestellt und behandelt wird, desto besser sind die Aussichten. Bei allen Überlegungen zur geeigneten Therapie steht die Lebensqualität des Patienten im Mittelpunkt. [1]

Vorstufen von Peniskrebs und oberflächliche Tumoren können mit Cremes oder einer Lösung, die Chemotherapeutika enthalten (5-Fluorouracil oder Imiquimod) behandelt werden, die äußerlich aufgetragen werden. Beide Wirkstoffe, die Chemotherapeutika enthalten, sind zwar beim Peniskarzinom nicht zugelassen, jedoch geht man vor allem aufgrund von Erfahrungen bei anderen Krebsarten davon aus, dass sie eine gewisse Wirksamkeit haben können. Ziel ist die vollständige Heilung. Weiterhin können oberflächliche Tumoren mit einem Laserverfahren abgetragen werden. [1]

Sofern der Tumor noch keine Metastasen gebildet hat, besteht die oberste Priorität darin, ihn möglichst organerhaltend zu entfernen. Der Penis soll so gut wie möglich erhalten bleiben, aber gleichzeitig gilt es, ihn so sicher zu entfernen, dass er nicht wiederkommen oder sich weiter ausbreiten kann. Tiefer eingewachsene Tumoren werden daher operiert. Das Ausmaß richtet sich dabei nach der Größe und der Lage des Tumors. Insbesondere bei kleinen Tumoren ist alternativ auch eine Strahlentherapie möglich. Diese kann von außen erfolgen oder von innen (Brachytherapie). Bei der Brachytherapie werden kleine Strahlenquellen direkt im Tumor platziert, welche Strahlung abgeben und den Tumor von innen zerstören. Nach größeren Operationen besteht die Möglichkeit, ähnlich wie bei Brustkrebs, einen funktionsfähigen Penis aus körpereigenem Gewebe wiederaufzubauen. [1,3]

Haben sich Tumorzellen bereits in den Lymphknoten abgesiedelt, werden diese bei der Operation zusätzlich entfernt. Bei Patienten mit Befall von in der Leiste gelegenen Lymphknoten und aggressiverem Tumor kann es sinnvoll sein, anschließend eine Chemotherapie durchzuführen, um noch verbliebene Tumorzellen im Körper zu bekämpfen. Eine Chemotherapie vor der Operation kann bei bestimmten Patienten erfolgen, um den Tumor zu verkleinern. Dies erleichtert die Operation. [1]

Im metastasierten Stadium wird nicht mehr operiert. Die medizinischen Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, das Tumorwachstum zu verlangsamen und Beschwerden zu lindern. Hierzu gehören Chemotherapie, die Behandlung von Schmerzen und Wunden sowie von Lymphödemen. [1]

All die in diesem Abschnitt genannten Verfahren können nochmals angewendet werden, wenn der Tumor wiederkommt (Rückfall oder auch Rezidiv). [1]

Psychologische Unterstützung und Nachsorge

Mann Nachdenken Teaser Thema des Monats Oktober 2020
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Peniskrebs führt zu Ängsten und wirkt sich auf die Sexualität und Partnerschaft sowie die körperliche Selbstwahrnehmung der betroffenen Männer aus. Diese sehr intimen Aspekte der Erkrankung sollen daher von Anfang an mit in die Betreuung einbezogen und aktiv thematisiert werden. Insbesondere sexuelle Störungen, aber auch andere Folgen einer Operation, wie Probleme beim Wasserlassen, können die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinflussen und eine massive psychische Belastung darstellen. Der psychoonkologischen Betreuung ist daher in der Leitlinie ein eigener Abschnitt gewidmet. Aufklärung, Beratung und Begleitung der Patienten und ihrer Angehörigen stehen dabei im Mittelpunkt, wobei auch finanzielle und soziale Unterstützungsmöglichkeiten eine Rolle spielen. [1]

Nach abgeschlossener medizinischer Behandlung erfolgen regelmäßige Kontrollen. Die Patienten werden angeleitet, sich selbst zu beobachten, um Rückfälle möglichst früh zu erkennen. Aber auch die oben genannten körperlichen, psychischen und sozialen Probleme sollten angesprochen werden. Wie oft diese Nachsorgetermine stattfinden, hängt davon ab, welche Therapie(n) der Patient bekommen hat. In der Regel finden sie zuerst alle 3 Monate statt und dem dritten Jahr alle 6 Monate oder jährlich. [1]

Wozu eine Leitlinie?

Leitlinien sind bei seltenen Tumoren besonders wichtig, um auf wissenschaftlicher Basis ein einheitliches Vorgehen festzulegen und Ärzte auf den aktuellen Stand zu bringen, die keine oder nur wenig Erfahrung mit Peniskrebs-Patienten haben. Eine Leitlinie bündelt das gesamte verfügbare Wissen aus der Forschung und von Experten, die spezialisiert sind auf die Behandlung solcher Patienten.

Dies geschieht in einem aufwendigen Prozess: Zunächst werden alle Studien zum Thema gesammelt und ausgewertet, zusätzlich geht die Erfahrung von Experten ein. Aus all diesen Informationen („Evidenz“), werden Empfehlungen abgeleitet. Je nachdem, wie sicher sich die Experten sind, gibt es drei abgestufte Empfehlungsstärken, die mit den Wörtern „soll“, „sollte“ und „kann“ gekennzeichnet sind. Wichtig ist, dass eine Leitlinie auch sagt, was nicht hilft, um unnötige Belastungen für die Patienten zu vermeiden.

An der Leitlinie Peniskrebs haben 22 Fachgesellschaften und andere Organisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mitgearbeitet, darunter vor allem Urologen sowie Onkologen, Pathologen, Strahlentherapeuten, Psychotherapeuten, Sexualmediziner und Patientenvertreter. Die derzeitige Version richtet sich an medizinisches Fachpersonal, eine gut verständliche Fassung für medizinische Laien ist in Arbeit. Der Zusatz „S3“ (Stufe 3) bedeutet, dass die Leitlinie mit der höchsten methodischen Qualität entwickelt wurde. [4]

Die Empfehlungen in der Leitlinie geben eine Orientierung, sind aber keine Vorschriften. Jeder Erkrankte hat eine individuelle Persönlichkeit und (Krankheits-)Geschichte. Begleiterkrankungen, das Alter und die Lebensumstände, aber vor allem auch seine persönlichen Vorstellungen und Wünsche müssen Berücksichtigung finden. [4]


Interview mit unserem Fachberater zum Thema Peniskrebs: Prof. Dr. Oliver Hakenberg, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik Rostock und Leitlinienautor

 


 

(as)

Fachliche Beratung: Prof. Dr. Oliver Hakenberg, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik Rostock und Leitlinienautor

Literatur

[1] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Peniskarzinoms, Langversion 1.01, 2020, AWMF Registernummer: 043-042OL,. Letzter Zugriff: 26.8.2020
[2] Robert Koch-Institut ZfK, Datenbankabfrage 2016 (18.6.2020]; Available from: https://www.krebsdaten.de/Krebs/SiteGlobals/Forms/Datenbankabfrage/datenbankabfrage_stufe2_form.html
[3] Schloßhauer T, et al. Handchir Mikrochir Plast Chir. 2020
[4] Das AWMF-Regelwerk Leitlinien. Stand 2018. Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-medizinischer Fachgesellschaften. Letzter Zugriff: 19.8.2020

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Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 29.09.2020

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