Angaben zum Autor und/oder zum Fachberater finden Sie am Ende des Beitrags.

Was Kindern krebskranker Eltern hilft

Mutter und Kind
Quelle: © Brebca - Fotolia.com

Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, leiden die Kinder mit. Ihr Kummer äußert sich jedoch anders als bei Erwachsenen. Kleinere Kinder können ihre Sorgen und Ängste meist noch nicht in Worte fassen. Und auch Jugendlichen fällt es manchmal schwer, ihre Gefühle auszudrücken. Es ist deshalb wichtig, Kinder krebskranker Eltern gezielt zu unterstützen.

Betroffene Eltern unterschätzen häufig, wie stark Kinder durch die Erkrankung emotional belastet sind (1). Oft wird den Eltern erst klar, dass sich auch das Kind in einer psychischen Krisensituation befindet, wenn es Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Manche Kinder ziehen sich dann zurück. Andere werden aggressiv oder haben Probleme in der Schule (1, 2). Fachleute gehen davon aus, dass jedes zehnte Kind krebskranker Eltern psychisch auffällig wird (2). In einer Studie an der Fachhochschule Nürnberg beobachteten Eltern eine Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten um bis zu 27 Prozent (1).

Offenheit schafft Vertrauen

Die meisten Eltern wollen ihre Kinder vor emotionalen Belastungen schützen, viele trauen sich deshalb nicht offen über ihre Erkrankung zu sprechen. „Sie glauben, dass es das Beste ist, mit den Kindern nicht zu sprechen weil sie denken, dass die Kinder mit der Erkrankung nicht umgehen können“, erzählt die Psychologin Claudia Heinemann, die Familien in diesen Situationen berät.

Die eigenen Kinder schützen zu wollen ist verständlich. Doch letztlich hilft es nicht weiter, wenn die Eltern nicht über die Krankheit reden wollen. „Kinder merken ganz genau, wenn in der Familie etwas nicht stimmt, wenn Papa oder Mama traurig oder verunsichert sind“, sagt Heinemann. Und was sie sich in ihrer Fantasie ausmalten, sei dann oft schlimmer als in der Realität.

Schon Kleinkinder haben eine Antenne für die veränderte Stimmung ihrer Eltern und reagieren darauf, z. B. mit Schlafproblemen oder Weinen (3). Fachleute raten deshalb, mit Kindern so früh wie möglich über die Krebserkrankung eines Elternteils zu sprechen – egal wie alt das Kind ist (4). „Natürlich muss das altergerecht passieren“, sagt Heinemann. „Man wird mit einem Baby nicht über die Behandlung und die Folgen sprechen. Aber es wird vielleicht andere Dinge geben, die dem Baby helfen können.“ Es ist wichtig, dass Kinder den Grund für die veränderte Situation in der Familie kennen. Denn Offenheit schafft Vertrauen, dass Kinder sich auch während der Erkrankung auf ihre Eltern verlassen können.  


Experteninterview zum Thema

Warum ist es so wichtig, ist mit Kindern über die eigene Krebserkrankung zu sprechen, was passieren kann, wenn Eltern dies nicht tun und wie Eltern sich auf das Gespräch mit ihren Kindern vorbereiten können – diese und weitere Fragen beantwortet die Psychologin Claudia Heinemann in unserem Experteninterview.


Anregungen für Gespräche

Vater, Mutter, Kind
Quelle: © drubig-photo - Fotolia.com

Die Bayerische Landeskrebsgesellschaft und der Krebsinformationsdienst haben für Eltern einige Anregungen für das Gespräch mit Kindern zusammengestellt (3, 4). Wichtig ist es demnach, behutsam aber klar zu sagen, dass Vater oder Mutter Krebs hat und – je nach Alter – zu erklären was Krebs ist und welche Veränderungen innerhalb der Familie dadurch entstehen können. Die Experten raten auch, keine Versprechungen über den Krankheits- bzw. Genesungsverlauf zu machen, die nicht einzuhalten sind. Außerdem sollten Kinder über Veränderungen informiert werden, die ihren Alltag betreffen - zum Beispiel wer sie vom Kindergarten abholt oder nach der Schule für sie da ist. 

Genauso wichtig ist es, sich viel Zeit für aufkommende Gefühle und Fragen zu nehmen. Sich diesen zu stellen, ist eine Herausforderung für die ganze Familie. Manche Eltern haben selbst so stark mit den körperlichen und psychischen Folgen der Diagnose zu kämpfen, dass sie die Fragen der Angehörigen als Belastung empfinden. Viele Krebspatienten berichten jedoch auch davon, wie gut ihnen der intensive Austausch mit der Familie getan hat (3). Wie wichtig es ist, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, zeigen auch Untersuchungen aus dem Bereich der Psychoonkologie (2).

Eigene Bedürfnisse der Kinder zulassen

Eltern können ihren Kindern auch unterstützen, indem sie ihnen klar machen, dass eigene Gefühle und Bedürfnisse in Ordnung sind. Kinder können und müssen nicht immer auf das erkrankte Elternteil Rücksicht nehmen. Sie dürfen auch spielen, toben, ausgehen und Spaß haben (3). Auch ambivalente Gefühle sollten ihren Platz haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder mit Sorge, Angst, aber auch mit Wut auf die Erkrankung reagieren: „Ich war wütend auf Mama und wollte gerade losschimpfen, da dachte ich an ihren Krebs und habe nichts mehr gesagt“, erzählt ein Mädchen von ihren Gefühlen (2).

Professionelle Hilfe und Beratung

Kind, Mutter, Großmutter
Quelle: © auremar - Fotolia.com

Wer für das Gespräch mit seinen Kindern Unterstützung benötigt, sollte sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zwar zeigen einige wissenschaftliche Untersuchungen, dass die institutionelle Hilfe – zum Beispiel durch Ärzte oder Kliniken –  für krebskranke Eltern noch stark verbesserungsbedürftig ist (1). Doch gibt es mittlerweile viele Stellen, an die sich Krebskranke auch mit diesen Problemen wenden können. Die psychoonkologischen Beratungsstellen der Landeskrebsgesellschaften können eine erste Anlaufstelle sein. Sie helfen auch weiter, wenn der Wunsch nach einer professionellen psychoonkologischen Therapie besteht. Manche Krebsberatungsstellen haben spezielle Angebote für Kinder, so zum Beispiel die Landeskrebsgesellschaft Sachsen-Anhalt und die Berliner Krebsgesellschaft. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere lokale Angebote zur Beratung und psychologischen Betreuung von Kindern – z. B. durch den Verbund „Hilfen für Kinder krebskranker Eltern e.V.“ an den Standorten Berlin, Hamburg, Heidelberg, Leipzig und Magdeburg. Im Raum Tübingen hilft die Initiative „KikE: Hilfe für Kinder krebskranker Eltern“ weiter, in Hamburg u. a. die Beratungsstelle „phönikks“.

Die Interessengruppe "Kinder krebskranker Eltern" in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Onkologie (dapo e.V.), hat eine Liste mit Einrichtungen für Kinder krebskranker Eltern zusammengestellt:
http://www.dapo-ev.de/fileadmin/templates/pdf/adressenliste_dapo_2013.pdf

Unterstützung im Netz

Auch im Internet gibt es viele hilfreiche Anlaufstellen, wie die folgenden Beispiele zeigen. So hat der Mainzer Verein „Flüsterpost e. V.“ zahlreiche Informationen zum Thema zusammengetragen und auf seiner Website veröffentlicht. Der Verein unterhält zudem eine eigene Beratungsstelle, an die sich Eltern und Kinder jeden Alters telefonisch oder per E-Mail wenden können.

Der hessische Verein "Hilfe für Kinder krebskranker Eltern“ bietet auf seiner Website ebenfalls Hilfe und Informationen.

Weitere Link- und Literaturtipps:

Hand an Laptop
Quelle: © eAlisa - Fotolia.com

Bayerische Krebsgesellschaft (2011): So erklärt man Kindern Krebs. Ein Flyer zu häufigen Fragen von Kindern zum Thema Krebs und kindegerechte Antworten. Hrsg. Bayerische Krebsgesellschaft e.V.
Download unter http://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/aktuelle-themen/service/broschueren/broschueren-uebergreifende-krebs-themen.html

Bayerische Krebsgesellschaft (2013): Was Kindern und Jugendlichen hilft, wenn Eltern an Krebs erkranken. Eine Broschüre der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V.
Download unter http://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/aktuelle-themen/service/broschueren/broschueren-uebergreifende-krebs-themen.html

Heinemann, Claudia & Reinert, Elke (2011): Kinder krebskranker Eltern - Prävention und Therapie für Kinder, Eltern und die gesamte Familie. Kohlhammer-Verlag.

Hilfen für Angehörige. Broschüre in der Reihe „Die blauen Ratgeber“ (Nr. 42). 
http://www.krebshilfe.de/fileadmin/Inhalte/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/042_0115.pdf

Krebsinformationsdienst: Krankheitsverarbeitung. Mit Kindern über Krebs sprechen. http://www.krebsinformationsdienst.de/leben/krankheitsverarbeitung/kindern-krebs-erklaeren.php

SWR 2: Mama hat Krebs - Wer hilft Kindern krebskranker Eltern?
Die Sendung zeigt, wie die konkrete Hilfe in der Praxis abläuft. 
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/mama-hat-krebs-wer-hilft-kindern-krebskranker-eltern/-/id=660374/did=14015474/nid=660374/yo0kzv/index.html

(pn)

Quellen:

(1) Trabert, Gerhard (2007): Psychosoziale Situation von Kindern an Krebs erkrankter Eltern bzw. eines Elternteils. Studie an der Georg-Simon-Ohm Fachhochschule Nürnberg Fachbereich: Sozialwesen. Online verfügbar unter
http://kinder-krebskranker-eltern.de/wp-content/uploads/2014/02/Studie-Auswertung-2007.pdf
(zuletzt geprüft am 27.10.2014)

(2) Heinemann, Claudia: Kinder krebskranker Eltern. "Wenn die Mama stirbt, will ich auch nicht mehr leben." Vortrag, online verfügbar unter http://www.phoenikks.de/upload/dokumente/103_Angst%20und%20Zuversicht.pdf
Krebsinformationsdienst: Krankheitsverarbeitung. Mit Kindern über Krebs sprechen. Online verfügbar unter
http://www.krebsinformationsdienst.de/leben/krankheitsverarbeitung/kindern-krebs-erklaeren.php (zuletzt geprüft am 27.10.2014)

(3) Bayerische Krebsgesellschaft (2013): Was Kindern und Jugendlichen hilft, wenn Eltern an Krebs erkranken. Eine Broschüre der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V.
Download unter http://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/aktuelle-themen/service/broschueren/broschueren-uebergreifende-krebs-themen.html

(4) Krebsinformationsdienst: Krankheitsverarbeitung. Mit Kindern über Krebs sprechen.
http://www.krebsinformationsdienst.de/leben/krankheitsverarbeitung/kindern-krebs-erklaeren.php

 

Fachberatung:

Dr. Claudia Heinemann, Dipl.-Psychologin

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 29.11.2014

Weitere Informationen zum Thema:

Aktualisiert am: 23.09.2016 14:46