Angaben zum Autor und/oder zum Fachberater finden Sie am Ende des Beitrags.

Mangelernährung und Tumorkachexie

Weizen und Eier
Quelle: © Guenter Menzl - fotolia.com

Eine häufige Folge von Krebserkrankungen sind Mangelernährung und ein Abbau von Fett- und Muskelmasse, die sogenannte „Tumorkachexie“. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist der Zustand oftmals sehr belastend. Die Patienten möchten gern essen, können es aber nicht. Ihre Angehörigen wiederum fühlen sich hilflos, weil sie ihnen das Essen nicht ermöglichen können. Da auch die Prognose davon beeinflusst wird, ist es in jedem Fall ratsam, sich in dieser Situation professionelle Unterstützung und Beratung zu suchen.

Etwa jeder zweite Krebspatient ist betroffen

Etwa die Hälfte aller Krebspatienten ereilt im Laufe der Erkrankung das gleiche Schicksal: Sie verlieren, ohne dass sie es möchten, an Fett- und Muskelmasse und damit an Körpergewicht. Bei bestimmten Krebsarten im Kopf-Halsbereich und oberen Magen-Darmtrakt, bei hoch-malignen, also besonders aggressiven Non-Hodgkin-Lymphomen und bei kleinzelligem Lungenkrebs sind oft sogar noch mehr Patienten betroffen. Eine Mangelernährung kann praktisch in jedem Erkrankungsstadium auftreten. Bei vielen Patienten beginnt sie bereits vor der Diagnosestellung.

Wie kommt es zur Mangelernährung und Tumorkachexie?

Verschiedene Faktoren spielen bei der Entstehung von Tumorkachexie zusammen. Bösartige Tumoren verursachen chronische Entzündungen und regen den Stoffwechsel an. Botenstoffe des Immunsystems, sogenannte Zytokine, werden aktiv und beeinflussen den Hormon- und Stoffwechselhaushalt, sodass trotz des zunehmenden Verlusts an Fett- und Muskelmasse appetitsteigernde und Hungergefühl-auslösende Wirkungen ausbleiben. Auch fördern die Zytokine den Abbau der Muskulatur, Eiweiße werden zersetzt und der Aufbau neuer Eiweiße wird verlangsamt. Es kommt zu einem katabolen Zustand, bei dem mehr Muskel- und Fettmasse abgebaut werden als gleichzeitig neu gebildet werden können.

Zudem können die Betroffenen oft nur schlecht essen. Auch die Verwertung und Aufnahme der Nährstoffe im Magen-Darmtrakt sind gestört. Die Gründe dafür sind vielfältig und können sowohl von der Krebserkrankung selbst als auch von den Therapien herrühren: Übelkeit und Erbrechen, vorzeitiges Sättigungsgefühl bei der Nahrungsaufnahme, Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen, Mundtrockenheit, schmerzhafte Entzündungen der Mundschleimhaut und des Zahnfleischs (Mukositis, Stomatitis), Pilzinfektionen der Mundschleimhaut (Mundsoor), Darmprobleme wie Verstopfung oder Durchfall, Schluckprobleme und Geruchsstörungen kommen in Frage.

Ab wann liegt eine Kachexie vor?

Dies alles bedingt einen Verlust an Körpergewicht, ohne dass die Patienten es darauf anlegen und hungern würden. Für die Diagnose Kachexie legten Experten eindeutige Kriterien fest:

 

  • Ungewollter Gewichtsverlust in den letzten sechs Monaten von mehr als fünf Prozent oder
  • Body Mass Index (BMI) unter 20 und ungewollter Gewichtsverlust in den letzten sechs Monaten von mehr als zwei Prozent oder
  • starker Abbau der Muskulatur von Armen, Beinen, Schulter- und Beckengürtel (Muskelindex Männer < 7,26 kg/m2, Frauen < 5,45 kg/m2) und ungewollter Gewichtsverlust in den letzten sechs Monaten von mehr als zwei Prozent.

 

Welche Folgen hat Mangelernährung?

Mangelernährung und die oft damit verbundenen Symptome Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen. Auch gesundheitliche Konsequenzen sind zu befürchten. Die Betroffenen sind infolge der Mangelernährung anfälliger gegenüber bestimmten Erkrankungen wie Lungenentzündung, Harnwegsinfekten und Wundheilungsstörungen. Sie verlieren neben Fett auch Muskelmasse, was die körperliche Leistungsfähigkeit einschränkt.

Experten vermuten, dass eine Mangelernährung auch die Lebenserwartung selbst einschränkt. Je fortgeschrittener Krebserkrankungen sind, desto größer ist das Risiko für Auszehrung und Abmagerung. Ein krebsbedingter starker Gewichtsverlust geht Untersuchungen zufolge mit einer verschlechterten Prognose der Krebserkrankung einher.

Maßnahmen gegen Tumorkachexie

Patient und Ärztin im Gespräch
Quelle: © Rido - fotolia.com

Die Therapie der Tumorkachexie sollte rechtzeitig und multimodal, also über verschiedene Angriffspunkte erfolgen. Appetitsteigernde Mittel werden dabei ebenso eingesetzt wie Hemmstoffe der Zytokine, Steroide, nicht-steroidale antientzündliche Wirkstoffe, Aminosäuren und Thalidomid. Kombinationen verschiedener Wirkstoffe sind oft wirksamer als einzelne Arzneimittel. Gleichzeitig haben unterstützende Maßnahmen in Form von Ernährungsberatung, individuellen Konzepten mit hochkalorischer, eiweißreicher Ernährung, gezieltem körperlichem Training und psychologischer Unterstützung bei Stress-, Angst- und Depressionssymptomen große Effekte.

Beschwerden, die infolge von Krebstherapien auftreten und sich hemmend auf den Appetit und den Nahrungsverzehr auswirken, etwa Zahnfleischentzündung, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, sollten behandelt werden.

Den Speiseplan anpassen

Auch wenn das Essen schwerfällt, muss nicht zwangsläufig eine „künstliche“ Ernährung mit Infusionen erfolgen. So sollte gemeinsam mit einem geschulten Ernährungsberater ein abwechslungsreicher Speiseplan erstellt werden, der sich möglichst an der Wunschkost des Patienten ausrichtet und flexibel den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen angepasst wird. Lebensmittel, die Übelkeit erregen, sind eher zu meiden, ebenso besonders heiße, scharfe, saure oder zu süße Speisen, die die Schleimhäute reizen können. Welche Nahrungsmittel im Einzelnen besonders geeignet sind, hängt von der Krebserkrankung und dem Zustand des Patienten ab.

Kann ein Patient keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, sollten ihm Trinknahrung oder passierte Speisen angeboten werden. Die hierfür geeignete trinkfertige Sondennahrung enthält alle wichtigen Nährstoffe. Sie ist in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich.

Lässt sich die Mangelernährung nicht aufhalten, ist eine „künstliche“ Ernährung in Form von Infusionen über die Venen möglich.

(kvk)

 

Quellen: 

Adamietz, I.A.: Ernährung bei Tumorpatienten. In: Der Onkologe 16(1), (2010), S. 81-96

Bublak, R.: Ernährung in der Onkologie. Mit Messer und Gabel gegen Krebs. HNO-Nachrichten 2012, 42(4):8-11

Suzuki, H. et al.: Cancer cachexia - pathophysiology and management. Journal of Gastroenterology 2013, 48:574-594

Letzte inhaltliche Aktualisierung: 30.01.2015

Mehr zum Thema Ernährung und Krebs:

Ketogene und kohlenhydratarme Diät: Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft PRiO

Seit einiger Zeit wird Tumorpatienten eine Ernährung angeboten, die in unterschiedlichem Ausmaß arm an Kohlenhydraten (KH) ist. Als Begründung für diese Ernährungsumstellung wird angeführt, dass der Stoffwechsel von Tumorzellen von Kohlenhydraten abhängig sei. Je nach Interpretation der Daten versprechen Anhänger der Diät entweder einen direkten Einfluss auf das Tumorwachstum und die Metastasierung, eine Verbesserung der Wirksamkeit von Chemo- und/oder Strahlentherapie bzw. eine bessere Verträglichkeit insbesondere der Chemotherapie. Experten der Arbeitsgemeinschaft PRiO nehmen dazu Stellung.

>>Download Stellungnahme als PDF

Themen:

Aktualisiert am: 27.06.2017 12:15