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HPV-Impfung: effektive Prävention von HPV assoziierten Krebserkrankungen

Vorsorge und Früherkennung sind die wesentlichen Maßnahmen bei der Prävention, also der Vorbeugung von Krebserkrankungen. Der Weltkrebstag 2021 stand unter dem Motto „Krebsprävention“ und setzte u.a. einen Schwerpunkt auf die Vermeidung von Gebärmutterhalskrebs. Die Besonderheit an dieser Krebsform ist deren Hauptursache: eine sexuell übertragene Infektion mit dem Humanen Papillomvirus (HPV). Durch eine Impfung – die HPV-Impfung – gibt es allerdings seit einigen Jahren die Möglichkeit einer Prävention von HPV-assoziierten Krebserkrankungen. Prof. Dr. Jürgen F. Riemann von der Stiftung Lebensblicke und dem Stiftungskuratorium Deutsche Krebsstiftung erläutert aktuelle Strategien zur Aufklärung über die Bedeutung der HPV-Impfung und um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. Dazu gehört, die Zielgruppe der Impfung, also Kinder und Jugendliche, mehr einzubinden.

Frau erhält Impfung von Arzt in Arm
Quelle: © AdobeStock_347178468

Bisher existieren nur wenige wirksame Präventionsmaßnahmen für Krebserkrankungen wie:

  • die gezielten medizinischen Untersuchungen zur Früherkennung von Brust-, Prostata-, Darm- und Hautkrebs als Maßnahmen der Sekundärprävention und
  • die HPV-Impfung als Primärprävention zur Verhinderung von HPV-assoziierten Krebserkrankungen wie Gebärmutterhalskrebs.

 

Leider werden selbst die bestehenden Präventionsmaßnahmen von der Bevölkerung oftmals nicht angenommen – trotz Kostenübernahme durch die Krankenkasse in einer Vielzahl der Fälle. „Wenn man sich gesund fühlt, denkt man nicht an eine potenzielle Krebserkrankung. Es gibt leider kein ausgeprägtes Präventionsbewusstsein. Das unterstreicht die Wichtigkeit des Weltkrebstages“, erklärt Prof. Riemann. Er setzt sich seit vielen Jahren für die Krebsprävention ein. Gerade eine Krebserkrankung am Gebärmutterhals ließe sich durch die HPV-Impfung in den allermeisten Fällen effektiv verhindern.

 

Informationen zu Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom)

  • Weltweit vierthäufigster Tumor bei Frauen
  • Deutschland: für Frauen ab dem 20sten Lebensjahr Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs
  • Zahl der Neuerkrankungen durch bessere Vorsorge rückläufig
  • Entdeckung vieler Fälle bereits im Vorstadium, d.h. noch bevor ein invasives Karzinom entsteht
  • Fast 100.000 Operationen (u.a. Konisationen, also kegelförmige Gewebsentnahmen am Gebärmutterhals) von Krebsvorstufen am Gebärmutterhals jährlich
  • Operationen erhöhen Risiko für Verlust der Gebärfähigkeit und für Frühgeburten
  • Ca. 4.400 Frauen erkranken jährlich am Gebärmutterhalskrebs
  • Ca. 1.600 Frauen versterben jährlich am Gebärmutterhalskrebs
  • Hauptursache: Sexuell übertragbare Humane Papillomviren (HPV) sind für etwa 90% aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich
  • Nicht jede Infektion mit HPV löst eine Krebserkrankung aus
  • Risiko erhöht sich durch frühen Beginn der sexuellen Aktivität und mit der Anzahl an Sexualpartner*innen
  • Eine HPV-Impfung schützt die Person selbst und deren Sexualpartner*innen

Präventionsprojekte rund um HPV

Jugendliche zeigt Impfung
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Im Jahr 2013 gründete sich die Stiftung Lebensblicke in der Metropolregion Rhein-Neckar mit dem Ziel, Kräfte in der Krebsfrüherkennung zu bündeln. Das Thema Prävention von Gebärmutterhalskrebs ist einer von vielen Schwerpunkten der Stiftung. „Wir wollten etwas tun, um die niedrige HPV-Impfquote zu verbessern. Unter anderem mit der Unterstützung der Deutschen Krebsstiftung haben wir dazu das Modellprojekt „Freiwillige HPV-Schulimpfung“ im Kreis Südliche Bergstraße gestartet“, erklärt Riemann. Sowohl die Aufklärungskampagne als auch die Impfungen selbst fanden in den teilnehmenden Schulen statt. Als Resultat des Modellprojekts ließ sich feststellen, dass bei entsprechender Aufklärung von Eltern, Lehrer*innen und Schüler*innen eine deutliche Steigerung der Impfquote erreicht werden kann.

Dieser erfolgreicher Projektabschluss war Auslöser für nachfolgende, deutschlandweite Projekte und führte zur Gründung der Allianz gegen HPV als Präventionsnetzwerk mit zahlreichen Partnern.

Wie kann man die Zielgruppe besser erreichen? Pilotprojekt mit „Jugend gegen Aids“

Im Rahmen der Aufklärungsarbeit über HIV und AIDS gibt es bereits die erfolgreiche Initiative „Jugend gegen Aids“. Die Präventionsarbeit erfolgt hier von Jugendlichen für Jugendliche, also peer to peer. Die Informationsvermittlung findet auf Augenhöhe in Schulen, Jugendeinrichtungen und sozialen Medien statt.

Basierend auf diesen Erfahrungen hat die Deutsche Krebsstiftung gemeinsam mit der ohhh! Foundation “Das HPV-Impfprojekt” gestartet. Das Erfolgsrezept und die Strukturen von „Jugend gegen Aids“ sollen dabei genutzt werden: z.B. auch über Kooperationen mit Influencer*innen, um die Zielgruppe der jungen Menschen noch besser zu erreichen.

 

INFOBOX Humane Papillomviren (HPV)

  • Unterscheidung von Niedrig- und Hochrisiko-HPV-Typen
  • Typ 16 & 18 für die meisten Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich
  • HP-Viren sind nicht nur für Gebärmutterhalskrebs verantwortlich, sondern z.B. auch für Feigwarzen (Auslöser häufig andere Typen wie 6 oder 11) → Wucherungen in der Genitalregion, die bei allen Geschlechtern vorkommen können
  • HP-Viren können auch Peniskarzinome, Analkrebs oder Mundhöhlenkrebs auslösen
  • Impfstoffe decken die wichtigsten HPV-Typen ab
  • Übertragung: Geschlechtsverkehr/Sexualkontakt, aber auch Schmierinfektionen im Genitalbereich
  • Achtung: HP-Viren sitzen nicht nur auf Schleimhäuten, sondern auch auf der Haut, d.h. Kondome bieten keinen 100-prozentigen Schutz

Welche Bedeutung hat die HPV-Impfung?

Arzt hält Schild in der Hand zur HPV-Impfung
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Die HPV-Impfung bietet die Chance, Infektionen mit verschiedenen HPV-Typen zu verhindern. In Deutschland stehen derzeit zwei Impfstoffe gegen HPV zur Verfügung: Beide richten sich gegen die HPV-Typen 16 und 18. Einer der Impfstoffe wirkt ebenfalls gegen die Typen, die als Auslöser für die Genitalwarzen gelten.

Eine Infektion mit den Hochrisiko-Typen bleibt zu Beginn meist symptomlos und ist daher so gefährlich. Dennoch liegt die derzeitige Impfquote in Deutschland laut des Robert-Koch-Instituts bei nur ca. 45%. „Das liegt letztlich daran, dass in der Bevölkerung zu wenig Wissen vorhanden ist, das Interesse zu gering ist und Eltern Angst haben, ihre Kinder über solche Krankheiten aufzuklären“, so Riemann. „In Deutschland gab es leider die Situation, dass viele Leute bei der Einführung des Impfstoffs 2007 sehr skeptisch waren. Das betraf auch Personen aus der Wissenschaft und hat die Verbreitung der HPV-Impfung entscheidend beeinträchtigt.“ Die Vorbehalte blieben weitgehend gegenstandslos und inzwischen bestätigt sich die HPV-Impfung als sicher im Rahmen der üblichen Nebenwirkungen.

„Je früher die Impfung stattfindet, desto besser“, erläutert Riemann. Im Optimalfall sollte sie vor dem ersten Sexualverkehr erfolgen – so hat sie die beste Schutzwirkung. Aber auch eine spätere Impfung kann noch sinnvoll sein, weil nicht jeder Verkehr zwangsläufig mit einer Ansteckung einhergeht oder auch weitere HPV-Typen übertragen werden könnten. Bei über 80% der Betroffenen klingt eine HPV-Infektion innerhalb von 1,5 Jahren wieder ab, aber ungeimpft kann man sich immer wieder neu infizieren.

HPV-Impfung in Deutschland: Empfehlung ab 9 Jahren für Mädchen und Jungen

Jugendliche Freunde zusammen
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Die STIKO (Ständige Impfkommission) empfiehlt eine HPV-Impfung bei Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Die Einführung der Impfung 2007 war ein großer Durchbruch in der Krebsprävention und Prof. Dr. Harald zur Hausen bekam für seinen Beitrag zur Entdeckung des Zusammenhangs zwischen HPV und Gebärmutterhalskrebs 2008 den Nobelpreis für Medizin verliehen.

Seit 2018 gilt die Impfempfehlung auch für Jungen im gleichen Alter. „Es hat lange gedauert, bis man begriffen hat, dass Jungen die Hauptüberträger des HP-Virus sind“, so Riemann. Da das HP-Virus neben Genitalwarzen nicht nur Gebärmutterhalskrebs, sondern auch andere Krebserkrankungen wie Peniskrebs, Analkrebs oder Mundhöhlenkrebs auslösen kann, sind die Jungen selbst ebenfalls betroffen. Auch diese Krebsarten können durch die HPV-Impfung verhindert werden.

Spätestens bis zum 18. Geburtstag sollte die Impfung erfolgen. Bis zu diesem Alter werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen – ggf. nach individueller ärztlicher Abklärung auch darüber hinaus. Meist wird an zwei Terminen mit einem Abstand von 5 Monaten geimpft und die bisherigen Daten lassen erahnen, dass der Impfschutz einen langen Zeitraum anhält.

„Das Spektrum derer, die Impfungen durchführen, ist größer geworden. Neben Kinderärzten und Gynäkologen führen inzwischen auch Hausärzte, Urologen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes die Impfung durch“, erklärt Riemann. Neben der Aufklärung der breiten Bevölkerung ist die ärztliche Aufklärung über die neuesten Erkenntnisse rund um das HP-Virus im Zusammenhang mit Krebs ebenso wichtig. In diesem Feld hat sich in letzter Zeit viel getan. „Ich habe selbst erst vor einigen Jahren wahrgenommen, dass das Analkarzinom durch das HP-Virus verursacht werden kann und es dafür eine Prophylaxe gibt“, so Riemann.

Blick in die Zukunft

„Ich persönlich bin davon überzeugt, dass nicht nur der Gebärmutterhalskrebs, sondern auch Feigwarzen und wahrscheinlich auch die Mund-Rachen-Karzinome bei konsequenter Durchführung von HPV-Impfungen deutlich abnehmen und zu seltenen Erkrankungen werden. Das hat sich in anderen Ländern bereits gezeigt“, sagt Riemann. In Finnland und Australien konnte beispielsweise in großen Studien ein Rückgang der Häufigkeit von HPV-Infektionen sowie der Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs nach Einführung der HPV-Impfung beobachtet werden.

(akm)

Literatur und Links:

Robert-Koch-Institut: Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016. Kapitel 5: Primärprävention von Krebserkrankungen (https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/K/Krebs/Krebsgeschehen_RKI.pdf; Abgerufen am 24.02.2021)

Robert-Koch-Institut: Faktenblatt zur HPV-Impfung; 2019 (https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/Faktenblaetter/HPV.html; Abgerufen am 24.02.2021)

Interview Ärztezeitung vom 10.09.2018: "Wir wollen die HPV-Impfung in Schulen" (https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Wir-wollen-die-HPV-Impfung-in-Schulen-231416.html; Abgerufen am 24.02.2021)

Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Prävention des Zervixkarzinoms, Langversion 1.1, 2020, AWMF Registernummer: 015/027OL (http://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/zervixkarzinom-praevention/; Abgerufen am: 24.02.2021)

HPV-Projekt der Deutschen Krebsstiftung (https://www.deutsche-krebsstiftung.de/projects/hpv-projekt/ Abgerufen am: 24.02.2021)

Stellungnahme der Deutschen Krebsstiftung zur HPV-Impfung (2019) (http://www.deutsche-krebsstiftung.de/wp-content/uploads/2019/02/Stellungnahme-HPV-Impfung_13.06.2019.pdf; Abgerufen am: 24.02.2021)

Einblick - Die Zeitschrift des Deutschen Krebsforschungszentrums; 02/2016 – Krebsprävention (https://bc-v2.pressmatrix.com/de/profiles/eb60e602ed53/editions/38b997aa5149a1931fb4/pages/page/2; Abgerufen am: 24.02.2021)

Jugend gegen AIDS & HPV-Impfprojekt (https://jugend-gegen-aids.de/ & https://jugend-gegen-aids.de/dashpvimpfprojekt; Abgerufen am: 24.02.2021)

Informationsblatt „HPV-Impfung“ Krebsinformationsdienst; Stand: 15.01.2020 (https://www.krebsinformationsdienst.de/service/iblatt/iblatt-hpv-impfung.pdf?m=1581070303&; Abgerufen am: 24.02.2021)

 

Fachliche Beratung:
Prof. Dr. Jürgen F. Riemann, Deutsche Krebsstiftung

Letzte inhaltliche Aktualisierung: 23.03.2021

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