Angaben zum Autor und/oder zum Fachberater finden Sie am Ende des Beitrags.

Familiärer Krebs – Wie viel liegt in den Genen?

Quelle: © auremar - Fotolia.com

Neben allen Sorgen und Ängsten um die eigene Gesundheit machen sich Krebspatienten auch Gedanken, ob die Krankheit erblich bedingt sein könnte und somit nahe Verwandte ein erhöhtes Risiko tragen. In den meisten Fällen ist die Sorge unbegründet. Wer sicher gehen möchte, kann eine umfassende humangenetische Beratung in Anspruch nehmen, die bei der Einschätzung des Risikos hilft und Klarheit schafft.

Familiäre Häufung – reiner Zufall?

Krebs ist in erster Linie eine Erkrankung des höheren Alters. Als Auslöser kommen vor allem exogene Faktoren wie Lebensstil und Umwelteinflüsse in Betracht. Nur bei einem geringen Prozentsatz steckt tatsächlich eine angeborene Veranlagung dahinter. Gibt es innerhalb einer Familie ein, zwei oder auch drei Krebsfälle, so bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass die Erkrankung vererbt wurde und weitere Angehörige mit der Diagnose rechnen müssen.

Welche Tumoren können erblich sein?

Typisch für ein erblich bedingtes (= hereditäres) Tumorsyndrom sind das Auftreten der Krebsfälle in jeder Generation und ein Ausbruch der Erkrankung bereits in jungen Jahren. Dabei liegt in der Regel eine Veränderung in einem bestimmten Gen vor. Meist handelt es sich um Gene, die eine Funktion in der Kontrolle des Zellzyklus oder bei der Reparatur von Erbgut-Schäden (DNA-Schäden) innehaben. Die Genveränderung betrifft alle Körperzellen, weshalb sich verschiedene Tumorarten entwickeln können und das bereits im jüngeren Lebensalter.

Es gibt verschiedene erbliche Tumorsyndrome mit jeweils charakteristischen Tumoren und unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit. Liegt beispielsweise eine sogenannte familiäre adenomatöse Polyposis (FAP) vor, bildet sich das Krankheitsbild praktisch immer aus: Die Betroffenen leiden an unzähligen gutartigen Schleimhautpolypen im Dickdarm, die sich unbehandelt zu Krebs entwickeln. Beim erblichen Darmkrebs ohne Polyposis, genannt hereditäres (erbliches) nonpolypöses Kolonkarzinom (HNPCC, Lynch-Syndrom), hingegen liegt die Wahrscheinlichkeit, an Dickdarmkrebs zu erkranken, bei 80 Prozent und für Gebärmutterkörperkrebs bei 40 Prozent; für weitere Krebsarten (z.B. Magen- und Dünndarmkrebs) ist sie geringer. Bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs aufgrund von Veränderungen in den sogenannten Brustkrebsgenen BRCA1 und 2 kommt es in 60 bis 80 Prozent der Fälle zu Brustkrebs und in 30 bis 40 Prozent zu Eierstockkrebs.

Gen-Test: ja oder nein?

Quelle: © lily - Fotolia.com

Die Veranlagung für einen erblichen Tumor wird mit 50%iger Wahrscheinlichkeit an die Kinder beiderlei Geschlechts weitergegeben. Diese Tatsache kann insbesondere erkrankte Eltern sehr belasten. Gewissheit verschafft ein Gen-Test, der ab dem 18. Lebensjahr durchgeführt werden kann. Dieser sollte in eine humangenetische Beratung eingebettet werden, bei denen die Ratsuchenden auch mit den Konsequenzen des Testergebnisses vertraut gemacht werden.

Ein positives Testergebnis kann neben der psychischen Belastung auch soziale und wirtschaftliche Folgen haben, die z.B. den Arbeitsplatz oder Versicherungsverhältnisse betreffen. Da ein positives Testergebnis zudem Rückschlüsse auf die genetische Ausstattung der nahen Verwandten zulässt, sollte man einen Test erst dann durchführen lassen, wenn eine eingehende Beratung – auch im Familienkreis – mit ausreichender Bedenkzeit erfolgte. 

Führt der Test zu einem negativen Ergebnis – liegen die relevanten Genveränderungen also nicht vor –, hat die betreffende Person kein erhöhtes familiäres Risiko. Damit ist sie jedoch nicht grundsätzlich vor einer Krebserkrankungen geschützt.

Was tun, wenn der Test positiv ist?

Aus einem positiven Testergebnis lässt sich nicht ablesen, ob und wann die Erkrankung ausbricht. Das Lebenszeitrisiko beträgt z.B. bei Brustkrebs 60-80%, bei Eierstockkrebs sind es 30-40%, bei Darmkrebs 50-100%. Risikopatienten sollten nach Möglichkeit an intensivierten Früherkennungsprogrammen teilnehmen, die nach Lebensalter gestaffelte Untersuchungen (Tastuntersuchungen, Ultraschall, Mammografie, Endoskopie und weitere bildgebende Verfahren) vorsehen.

Prophylaktische Operationen, etwa die vorbeugende Entfernung der Eileiter, Eierstöcke oder der Brustdrüsen, können die Erkrankungswahrscheinlichkeit enorm senken. Derartig gravierende Eingriffe und ihre Konsequenzen sollten jedoch in Ruhe bedacht und mit Experten besprochen werden.

Therapie und Heilungschancen

Hereditäre Tumorerkrankungen haben nicht generell eine schlechtere Prognose. Durch die mittlerweile engmaschige Vorsorge werden Tumoren oft in einem sehr frühen Stadium entdeckt und können rechtzeitig behandelt werden. Genetisch bedingter Brustkrebs spricht sogar auf bestimmte Chemotherapien besser an als die nicht erblichen Varianten. Intensiv wird derzeit an Wirkstoffen geforscht, die direkt in den Stoffwechsel der mutierten Gene eingreifen.

Nicht von der Hand zu weisen ist bei erblichen Tumoren das Risiko, nach überstandener Therapie ein weiteres Mal zu erkranken – an derselben oder einer anderen Tumorart. Auch aus diesem Grund ist die Einbindung in ein spezielles Vorsorgeprogramm zu empfehlen.

Beratung für betroffene Familien

Ärztin in Gespräch mit Mutter und Kind
Quelle: © CandyBox Images - Fotolia.com

Ratsuchende finden Hilfe in den bundesweit existierenden universitären Anlaufstellen des Deutschen Konsortiums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs oder in den klinischen Zentren des Verbundprojekts „Familiärer Darmkrebs“. Teams aus Internisten, Humangenetikern, Pathologen, weiteren Fachärzten und Psychologen sorgen hier für qualifizierte Beratung, Therapie und Nachsorge. Bei Verdacht auf andere familiäre Krebserkrankungen sollten Betroffene zunächst das Gespräch mit einem Facharzt suchen.

Legt die Familienanamnese den Verdacht auf eine erbliche Tumorerkrankung nahe, übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten für den Gen-Test. Eine gesetzliche Verpflichtung zum Test besteht auch bei positiver Familienanamnese nicht.

(sm)


Quellen:
[1] Herkommer K, et al. Zehn Jahre nationales Forschungsprojekt ”Familiäres Prostatakarzinom” – Probleme der Identifikation von Risikofamilien. Urologe 2011; 50:813-820
[2] Kadmon M, et al. Hereditäres kolorektales Karzinom – Effiziente Primärprävention. Onkologe 2012; 18:207-215
[3] Thomssen C, et al. Hereditärer Brustkrebs. Onkologe 2012; 18:216-223
[4] www.mammamia-online.de (Stand 30.5.2012)

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 10.09.2014

Mehr zum Thema Allgemeine Informationen über Krebs:

Aktualisiert am: 27.04.2017 12:53