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Fatigue bei Krebs - Überblick

Frau hält sich Hände vors Gesicht
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Krebspatienten können im Laufe ihrer Erkrankung an einen Punkt völliger körperlicher, emotionaler und/oder geistiger Erschöpfung kommen. Fehlender Antrieb, anhaltende Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die in keinem Verhältnis zu vorangegangenen körperlichen oder geistigen Anstrengungen stehen, sind durch Schlaf und Erholungsphasen nicht mehr auszugleichen. Außerdem können Konzentrationsschwäche und Gedächtnisprobleme hinzukommen. Oft hält dieser Zustand wochenlang an, was das gesellschaftliche, berufliche und ganz persönliche Alltagsleben zusätzlich erschwert. Dennoch gibt es Möglichkeiten, mit diesem Syndrom, das als tumorbedingte Fatigue bezeichnet wird, zurechtzukommen.

Wie kommt es zum Fatigue-Syndrom?

Fatigue gilt als eine multifaktorielle Erkrankung, also ein Phänomen, zu dessen Entstehung in der Regel viele Ursachen beitragen. Der Tumor selbst, aber auch die Therapien greifen in Stoffwechselprozesse und hormonelle Regelkreise ein und schaffen damit die Voraussetzungen für die Entstehung von Fatigue. Hinzu können weitere Faktoren wie eine erbliche Veranlagung, begleitende körperliche oder psychische Erkrankungen sowie verhaltens- und umweltbedingte Zustände kommen. Die Erfahrungen im Umgang mit Tumor-assoziierter Fatigue zeigen, dass bei vielen Patienten keine eindeutige psychosoziale oder körperliche Ursache identifiziert werden kann.

In jedem Fall scheinen sowohl die Krebserkrankung an sich, als auch Chemotherapie, Bestrahlung und zielgerichtete Therapien Fatigue auslösen zu können. Diese Therapien greifen meist nicht nur Krebsgewebe an, sondern schädigen auch gesunde Zellen. Oft wird die Zusammensetzung des Blutes verändert, es kommt zu einem Mangel an gesunden Blutzellen mit einer verminderten Abwehrbereitschaft des Körpers, erhöhten Blutungsneigung und Blutarmut (Anämie). Infolge einer Anämie wiederum werden die Organe nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, was den Organismus schwächt. Anämie gilt deshalb als einer der möglichen Auslöser beim Fatigue-Syndrom. Weitere Ursachen könnten Mangelernährung, Hormonstörungen, Schlafprobleme, Medikamentennebenwirkungen und psychische Folgen der Krebsdiagnose sein.

Wie häufig ist Fatigue?

Alle Krebstherapien sind für den Körper und die Seele stark belastend. Während oder kurz nach einer Therapie leiden deshalb bis zu 90 Prozent der Patienten unter Fatiguebeschwerden, die jedoch bald wieder verschwinden können. Chronisch wird eine Fatigue, wenn die Beschwerden über Monate oder Jahre anhalten oder später erneut auftreten. Hiervon sind Schätzungen zufolge 20 bis 50 Prozent der Patienten betroffen. Eine Vorhersage, ob ein Erschöpfungssyndrom anhalten wird oder nicht, lässt sich schwer treffen. Allerdings sind nicht alle Tumorpatienten gleichermaßen gefährdet: Besonders oft tritt sie bei Leukämien, Lymphomen und metastasiertem Brustkrebs auf, ebenso im Zusammenhang mit Chemo- und Strahlentherapie.

Wie äußert sich Fatigue?

Schlafmangel

Das Erscheinungsbild krebsbedingter Fatigue ist sehr variabel, körperliche und emotionale bzw. geistige Probleme können gemeinsam oder einzeln auftreten.

Typische Anzeichen sind:

  • reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit
  • vermehrtes Schlafbedürfnis, das sich nicht befriedigen lässt
  • anhaltendes Müdigkeitsgefühl, auch tagsüber
  • Gefühl schwerer Gliedmaßen, Motivations- und Antriebsmangel
  • ähnlich wie bei Depression nachlassendes Interesse, Traurigkeit, Ängste, Konzentrationsstörungen, erhöhte Ablenkbarkeit, Wortfindungsstörungen


Die Intensität einer Fatigue wird anhand von Skalen (0-10) oder verbaler Einteilung (keine, mittlere, schwere) beschrieben.

Was hilft bei Fatigue?

So vielschichtig die Ursachen für Fatigue sind, so zahlreich sind auch die Behandlungsansätze. Am Anfang stehen Aufklärung und Sensibilisierung von Patient und Familie. Schon allgemeine Hilfen können vieles erleichtern, etwa indem Prioritäten gesetzt und ein regelmäßiger Schlafrhythmus eingeführt werden.

Liegt eine Anämie vor, kann durch eine entsprechende Therapie die Blutbildung angeregt werden. Häufig muss bei den Nebenwirkungen angesetzt werden, denn die Kraft, die bei der Bewältigung dieser verloren geht, fehlt dann im Alltag. Auskunft zu allen medikamentösen Fragen gibt die Deutsche Fatigue Gesellschaft e.V.

Daneben sind körperliche Bewegung und Psychotherapie integraler Bestandteil der Therapie von Fatigue. Bei Psychotherapie stehen vor allem Aufklärung, Verhaltensänderung, Konfliktverarbeitung und die Behandlung von Schlafstörungen im Vordergrund.

Bewegungstherapie bei Fatigue

Joggerin
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Es ist durchaus möglich, mit Hilfe von Sport Fatigue vorzubeugen oder bereits vorhandene Erschöpfungssymptome zu reduzieren. Das Bewegungstraining zielt auf den Erhalt bzw. Aufbau von Kondition und Muskelmasse und ab. Ideal sind Ausdauersportarten wie zügiges Gehen, Joggen, Radfahren, Schwimmen, Nordic Walking oder Rudern. Aber auch Yoga, Tanzen oder moderates, angeleitetes Krafttraining können von Erfolg sein. Allerdings ist häufig es schwierig, sich mit den angeschlagenen Kraftreserven zu einer Joggingrunde zu überwinden.

  • Empfehlenswert ist daher, sich nicht nur gezielt sportlich zu betätigen, sondern Bewegung in den Alltag zu integrieren – sei es einmal die Treppe statt des Aufzugs zu nehmen oder eine Haltestelle früher auszusteigen. Grade zu Anfang sind es die kleinen Dinge, die aktiv halten, und später ein darauf aufbauendes Ausdauertraining ermöglichen.
  • Überanstrengung sollte bei der sportlichen Betätigung unbedingt vermieden werden, da dadurch die Fatigue weiter verstärkt werden kann.
  • Die Trainingseinheiten sollten behutsam ausgebaut und ihr Umfang und ihre Häufigkeit langsam und in kleinen Schritten gesteigert werden. Ob die Intensität des Trainings angenehm war, lässt sich am besten nach dem Sport beurteilen. Währenddessen sollte man nicht davor zurückschrecken, sich anzustrengen und das Gefühl der Anstrengung auch zuzulassen.
  • Beim Versuch, die Erschöpfung mit Sport zu überwinden ist allerdings auch Vorsicht geboten. Sport kann ähnlich wie ein Medikament ebenfalls überdosiert werden kann. Die Krankheitssituation und der allgemeine körperliche Zustand darf nicht aus den Augen verloren werden. In welchen Fällen auf Sport besser verzichtet werden sollte, erfahren Sie hier.

 

Die Richtlinie der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie der Deutschen Krebsgesellschaft sieht möglichst tägliche Ausdauereinheiten und zwei Mal wöchentlich Krafttrainingseinheiten vor. Eine Einheit umfasst 30 bis 45 Minuten. Die Psychoonkologin Pia Heußner empfiehlt, damit am besten schon während der stationären Therapie anzufangen, da dann kein unnötiger körperlicher Leerlauf den sportlichen Einstieg erschwert. Die Intensität des Trainings orientiert sich an der Ausprägung der Fatigue. Vorteilhaft ist es, wenn es Ärzten gelingt, ihre Patienten zur Bewegung zu motivieren. 

Natürlich ist es alles andere als einfach, konsequent sportlich zu sein, vor allem wenn der Körper doch ein komplett anderes Bedürfnis zu signalisieren scheint. Es kann hilfreich sein, den eigenen Neigungen zu folgen und keine rekordverdächtigen Leistungen von sich selbst zu erwarten. Keinesfalls muss es die geplante Joggingtour sein, aber vielleicht tut es auch mal ein ausgedehnter Waldspaziergang? Ein Kompromiss ist besser als der komplette Verzicht! Häufig hilft es Patienten, nicht allein den eigenen Schweinehund überwinden zu müssen sondern Motivation und Gleichgesinnte in einer Reha-Gruppe zu finden. Momentan stellt die professionelle Anleitung der Bewegungstherapie durch den Arzt leider häufig noch eine Schwierigkeit dar, da viele Kostenträger die Bewegungstherapie im ambulanten Bereich noch nicht finanzieren. 

Wenn man sich ein paar Mal überwunden hat, sollten die positiven Effekte nicht lange auf sich warten lassen: Die Verminderung der Erschöpfung aber auch von Stress und Ängsten, besserer Schlaf, bessere Beweglichkeit und die Steigerung des Selbstwertgefühls belohnen die Anstrengungen.

Wie bewältigen Patienten ihren Alltag?

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Für Fatigue-Patienten ist es wichtig, mit den vorhandenen Kraftreserven sorgsam umzugehen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Tätigkeiten mit wie viel Kraftaufwand möglich sind, kann ein Fatigue-Tagebuch nützlich sein. Hierin können der Tagesablauf sowie das jeweilige körperliche und seelische Befinden dokumentiert werden. Somit lässt sich der Tag strukturieren, wichtige Dinge können z.B. auf Zeiten verlegt werden, in denen sich der Patient vergleichsweise fit fühlt. Experten empfehlen zudem, die Aktivitäten allmählich behutsam zu steigern. Übermäßige Schonung, so der aktuelle wissenschaftliche Stand, hat keinen positiven Effekt auf die Fatigue-Symptome.

Was Angehörige wissen sollten

Für betroffene Patienten ist es oft schwer, einem Außenstehenden die empfundene starke Erschöpfung begreiflich zu machen, insbesondere wenn die eigentliche Krebstherapie erst einmal überstanden ist. Neben zugewandtem Verhalten und Gesprächsbereitschaft hilft ihnen oft vor allem tatkräftige Unterstützung – auch wenn sie selber nicht ausdrücklich darum bitten. Wichtig ist es vor allem, die Beschwerden des Patienten zu akzeptieren und Rücksicht zu nehmen. Wenn Angehörige sich mit der Situation überfordert fühlen, sollten sie sich nicht scheuen, über Paar- oder Familienberatungsstellen professionelle Hilfe zu holen. Eine gemeinsame Bewältigung der Belastungen kann die Rückkehr in einen halbwegs normalen Alltag erleichtern.

Hören Sie ergänzend das Interview mit Expertin Prof. Petra Feyer.

Prof. Petra Feyer im Interview

Prof. Petra Feyer, Strahlentherapeutin und Expertin für supportive Therapien in Berlin, erklärt den Symptomkomplex Fatigue und gibt Empfehlungen, wie Ärzte, Patienten und Angehörige gemeinsam die schwierige Situation meistern können. Dabei geht sie ausführlich auf die heute üblichen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ein und berichtet zudem aus ihrer täglichen Praxis im Umgang mit Betroffenen.

(kvk)

 

Quellen:
[1] De Vries, U. et al.: Tumorbedingte Fatigue – Psychosoziale Hilfen. Der Onkologe 2011, 17(9):853-860

[2] Schütz, F.: Fatigue – ein unterschätztes Symptom bei Krebs. Der Gynäkologe 2008, 41(8):603-606

[3]Steindorf, K. et al.: Randomized Controlled Trial of Resistance Training in Breast Cancer Patients Receiving Adjuvant Radiotherapy: Results on Cancer-related Fatigue and Quality of Life. Annals of Oncology, Onlinevorabveröffentlichung am 5. August 2014, doi: 10.1093/annonc/mdu374

[4] Weis, J.: Langzeitüberlebende im Blick. Psychosoziale Folgen einer Krebserkrankung. Im Fokus Onkologie 2014, 17(12):42-45

[5] Deutsche Fatigue-Gesellschaft: Körperliches Training.
https://deutsche-fatigue-gesellschaft.de/behandlung/koerperliches-training/

[6] Seifert, Lisa: Prävention und Prognose der Fatigue. Springer Medizin. Online-Artikel vom 13.04.2018.
https://www.springermedizin.de/dkk-2018/tumorbedingte-fatigue/praevention-und-prognose-der-fatigue/15490846?searchResult=1.fatigue&searchBackButton=true

[7] Seiffert, Birte: Fatigue: "Dem Arzt sollte klar sein – Er ist der Motivator". Springer Medizin. Online-Artikel vom 05.03.2018.
https://www.springermedizin.de/dkk-2018/tumorbedingte-fatigue/fatigue---dem-arzt-sollte-klar-sein---er-ist-der-motivator-/15496830?searchResult=4.fatigue&searchBackButton=true

 

Fachberatung:

Prof. Dr. med. Florian Lordick, Leipzig, Sprecher der AG Palliativmedizin in der Deutschen Krebsgesellschaft

Prof. Dr. med. Oliver Rick, Bad Wildungen, Vorsitzender der AG Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin (ASORS)

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 05.07.2018

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Aktualisiert am: 24.09.2018 17:42