Angaben zum Autor und/oder zum Fachberater finden Sie am Ende des Beitrags.

Fatigue bei Krebs

Frau hält sich Hände vors Gesicht
Quelle: © Robert Kneschke - fotolia.com

Krebspatienten können im Laufe ihrer Erkrankung an einen Punkt völliger körperlicher, emotionaler und/oder geistiger Erschöpfung kommen. Fehlender Antrieb, anhaltende Müdigkeit und Kraftlosigkeit, die in keinem Verhältnis zu vorangegangenen körperlichen oder geistigen Anstrengungen stehen, sind durch Schlaf und Erholungsphasen nicht mehr auszugleichen. Außerdem können Konzentrationsschwäche und Gedächtnisprobleme hinzukommen. Oft hält dieser Zustand wochenlang an, was das gesellschaftliche, berufliche und ganz persönliche Alltagsleben zusätzlich erschwert. Dennoch gibt es Möglichkeiten, mit diesem Syndrom, das als tumorbedingte Fatigue bezeichnet wird, zurechtzukommen.

Wie kommt es zum Fatigue-Syndrom?

Zur Entstehung von Fatigue existieren unterschiedliche Theorien. So wird diskutiert, dass die anhaltende chronische Belastung durch die Krebserkrankung und der damit verbundene seelische und körperliche Stress Lebensenergie verbrauchen und aufzehren. Ebenso werden Stoffwechselveränderungen oder Schädigungen des Nervensystems in Betracht gezogen. Möglicherweise ist auch eine Kombination verschiedener Faktoren ursächlich für das Erschöpfungssyndrom.

In jedem Fall scheinen sowohl die Krebserkrankung an sich, als auch Chemotherapie, Bestrahlung und zielgerichtete Therapien Fatigue auslösen zu können. Diese Therapien greifen meist nicht nur Krebsgewebe an, sondern schädigen auch gesunde Zellen. Oft wird die Zusammensetzung des Blutes verändert, es kommt zu einem Mangel an gesunden Blutzellen mit einer verminderten Abwehrbereitschaft des Körpers, erhöhten Blutungsneigung und Blutarmut (Anämie). Infolge einer Anämie wiederum werden die Organe nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, was den Organismus schwächt. Anämie gilt deshalb als einer der möglichen Auslöser beim Fatigue-Syndrom. Weitere Ursachen könnten Mangelernährung, Hormonstörungen, Schlafprobleme, Medikamentennebenwirkungen und psychische Folgen der Krebsdiagnose sein.

Wie häufig ist Fatigue?

Alle Krebstherapien sind für den Körper und die Seele stark belastend. Während oder kurz nach einer Therapie leiden deshalb bis zu 90 Prozent der Patienten unter Fatiguebeschwerden, die jedoch bald wieder verschwinden können. Chronisch wird eine Fatigue, wenn die Beschwerden über Monate oder Jahre anhalten oder später erneut auftreten. Hiervon sind Schätzungen zufolge 20 bis 50 Prozent der Patienten betroffen. Eine Vorhersage, ob ein Erschöpfungssyndrom anhalten wird oder nicht, lässt sich schwer treffen. Allerdings sind nicht alle Tumorpatienten gleichermaßen gefährdet: Besonders oft tritt sie bei Leukämien, Lymphomen und metastasiertem Brustkrebs auf, ebenso im Zusammenhang mit Chemo- und Strahlentherapie.

Wie äußert sich Fatigue?

Das Erscheinungsbild krebsbedingter Fatigue ist sehr variabel, körperliche und emotionale bzw. geistige Probleme können gemeinsam oder einzeln auftreten.

Typische Anzeichen sind:

  • reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit
  • vermehrtes Schlafbedürfnis, das sich nicht befriedigen lässt
  • anhaltendes Müdigkeitsgefühl, auch tagsüber
  • Gefühl schwerer Gliedmaßen, Motivations- und Antriebsmangel
  • ähnlich wie bei Depression nachlassendes Interesse, Traurigkeit, Ängste, Konzentrationsstörungen, erhöhte Ablenkbarkeit, Wortfindungsstörungen

Die Intensität einer Fatigue wird anhand von Skalen (0-10) oder verbaler Einteilung (keine, mittlere, schwere) beschrieben.

Was hilft bei Fatigue?

Frau hält Gymnastikball
Quelle: © Eric Fahrner - fotolia.com

So vielschichtig die Ursachen für Fatigue sind, so zahlreich sind auch die Behandlungsansätze. Am Anfang stehen Aufklärung und Sensibilisierung von Patient und Familie. Schon allgemeine Hilfen können vieles erleichtern, etwa indem Prioritäten gesetzt und ein regelmäßiger Schlafrhythmus eingeführt werden.

Neben Medikamenten sind körperliche Bewegung und Psychotherapie integraler Bestandteil der Therapie von Fatigue. Bei Psychotherapie stehen vor allem Aufklärung, Verhaltensänderung, Konfliktverarbeitung und die Behandlung von Schlafstörungen im Vordergrund. Bewegungstraining zielt auf den Erhalt bzw. Aufbau von Kondition und Muskelmasse. Es kann offenbar vor allem körperliche Erschöpfungszustände reduzieren. Ideal sind Ausdauersportarten wie zügiges Gehen, Joggen, Radfahren, Schwimmen oder Rudern. Liegt eine Anämie vor, kann durch eine entsprechende Therapie die Blutbildung angeregt werden.

Auch mit bestimmten Medikamenten lassen sich Verbesserungen erzielen, z.B. durch Psychostimulanzien (Methylphenidat, Modafinil) oder Kortikosteroide. Auskunft hierüber gibt die Deutsche Fatigue Gesellschaft e.V.

Wie bewältigen Patienten ihren Alltag?

Für Fatigue-Patienten ist es wichtig, mit den vorhandenen Kraftreserven sorgsam umzugehen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Tätigkeiten mit wie viel Kraftaufwand möglich sind, kann ein Fatigue-Tagebuch nützlich sein. Hierin können der Tagesablauf sowie das jeweilige körperliche und seelische Befinden dokumentiert werden. Somit lässt sich der Tag strukturieren, wichtige Dinge können z.B. auf Zeiten verlegt werden, in denen sich der Patient vergleichsweise fit fühlt. Experten empfehlen zudem, die Aktivitäten allmählich behutsam zu steigern. Übermäßige Schonung, so der aktuelle wissenschaftliche Stand, hat keinen positiven Effekt auf die Fatigue-Symptome.

Was Angehörige wissen sollten

Für betroffene Patienten ist es oft schwer, einem Außenstehenden die empfundene starke Erschöpfung begreiflich zu machen, insbesondere wenn die eigentliche Krebstherapie erst einmal überstanden ist. Neben zugewandtem Verhalten und Gesprächsbereitschaft hilft ihnen oft vor allem tatkräftige Unterstützung – auch wenn sie selber nicht ausdrücklich darum bitten. Wichtig ist es vor allem, die Beschwerden des Patienten zu akzeptieren und Rücksicht zu nehmen. Wenn Angehörige sich mit der Situation überfordert fühlen, sollten sie sich nicht scheuen, über Paar- oder Familienberatungsstellen professionelle Hilfe zu holen. Eine gemeinsame Bewältigung der Belastungen kann die Rückkehr in einen halbwegs normalen Alltag erleichtern.

Hören Sie ergänzend das Interview mit Expertin Prof. Petra Feyer.

Prof. Petra Feyer im Interview

Prof. Petra Feyer, Strahlentherapeutin und Expertin für supportive Therapien in Berlin, erklärt den Symptomkomplex Fatigue und gibt Empfehlungen, wie Ärzte, Patienten und Angehörige gemeinsam die schwierige Situation meistern können. Dabei geht sie ausführlich auf die heute üblichen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ein und berichtet zudem aus ihrer täglichen Praxis im Umgang mit Betroffenen.

(kvk)

 

Quellen:
De Vries, U. et al.: Tumorbedingte Fatigue – Psychosoziale Hilfen. Der Onkologe 2011, 17(9):853-860
Schütz, F.: Fatigue – ein unterschätztes Symptom bei Krebs. Der Gynäkologe 2008, 41(8):603-606
Steindorf, K. et al.: Randomized Controlled Trial of Resistance Training in Breast Cancer Patients Receiving Adjuvant Radiotherapy: Results on Cancer-related Fatigue and Quality of Life. Annals of Oncology, Onlinevorabveröffentlichung am 5. August 2014, doi: 10.1093/annonc/mdu374
Weis, J.: Langzeitüberlebende im Blick. Psychosoziale Folgen einer Krebserkrankung. Im Fokus Onkologie 2014, 17(12):42-45

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 06.01.2015

Mehr zum Thema Fatigue:

Aktualisiert am: 26.08.2016 17:07