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Die P4-Medizin – Krebstherapie der Zukunft?

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Die Versorgung von krebskranken Menschen befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Die Entwicklung neuer diagnostischer Methoden und individueller Therapien verändert die onkologische Medizin, wie wir sie bisher kennen. Das jüngst gewonnene Wissen über Krebs und seine molekularbiologische Vielfalt verlangt nach neuen Ansätzen. In dem vom amerikanischen Biomediziner Leroy Hood geprägten Konzept der so genannten P4-Medizin wird die mögliche Krebstherapie der Zukunft umrissen: Präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ [1]. Welche Vorteile und Risiken für den Patienten birgt die P4-Medizin?

Im Zentrum der P4-Medizin steht die Personalisierung. Individuelle Merkmale des Patienten oder krankheitsspezifische Faktoren können die Wirkweise von Medikamenten beeinflussen. Daher soll die individualisierte Medizin ermöglichen, die Therapie möglichst passgenau auf den Patienten und seine Erkrankung auszurichten beziehungsweise Patientengruppen zu identifizieren, die besonders oder eben nicht von einer Therapie profitieren. Die Bundesregierung fördert die individualisierte Medizin innerhalb eines umfassenden Rahmenprogramms zur Gesundheitsforschung. Und auch in den Vereinigten Staaten wurde bereits 2010 eine groß angelegte Initiative zum Aufbau eines „national highway system for personalized medicine“ ins Leben gerufen [2].

Präventiv
Krebsvorbeugung durch gesunde Lebensführung sowie effiziente Früherkennungsprogramme

 

Personalisiert
Das genetische Profil eines jeden Tumors ist einzigartig, so dass auf Basis molekularer Untersuchungen des Tumorgewebes zunehmend versucht wird, Patientengruppen mit Medikamenten zu behandeln, die auf das genetische Profil ihrer Zellen zugeschnitten sind.

 

Partizipativ
Bei der Entscheidung über die richtige Therapie geht es nicht nur um die medizinische, sondern auch um die persönliche Situation des Patienten. Krebspatienten, die an der Therapieentscheidung aktiv beteiligt sind, sind weniger ängstlich oder depressiv.

 

Präzise
Eine verbesserte molekulare Diagnostik, die mithilfe von Analysen des Erbmaterials das genetische Profil des Tumors erstellt, ermöglicht zunehmend eine maßgeschneiderte, personalisierte medikamentöse Therapie. Darüber hinaus wurden neue Technologien entwickelt, die der Tumor gezielt angreifen und das gesunde Gewebe schonen, wie innovative Bestrahlungsmethoden oder roboterassistierte OP-Techniken.

mod. nach[3]

Molekularbiologie als Motor der Entwicklung

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Im Grunde verfolgte die Medizin seit jeher das Anliegen, auf den Patienten ganz persönlich zugeschnitten zu heilen. Aber erst die Fortschritte in der Molekularbiologie haben die Grundlage geschaffen, die Therapie auf das molekulare Profil des Tumors abzustimmen.

Auf dieser Basis konnte das Zeitalter der personalisierten Medizin anbrechen. 2013 waren in Deutschland bereits 19 Krebsmedikamente zugelassen, bei denen vor der Anwendung ein Test obligatorisch ist oder zumindest empfohlen wird, der anzeigt, ob das genetische Profil des Tumors ein gutes therapeutisches Ansprechen wahrscheinlich macht [4]. Schließlich liefert das Erbgut von Krebszellen wertvolle Hinweise, wo mögliche Angriffspunkte für die Therapie liegen. Außerdem ist die Analyse von Genveränderungen im Erbgut von Tumorzellen in den letzten Jahren sehr viel schneller und kostengünstiger geworden - um die komplette Sequenz eines Genoms auszulesen, werden mittlerweile nur noch zwei Tage benötigt [4].

Zielgerichtete Therapien bei NSCLC und Hautkrebs

Bei einer besonders schwer zu behandelnden Form von Lungenkrebs (NSCLC – nicht kleinzelliger Lungenkrebs) konnten bei einigen Patienten genetische Veränderungen (EGFR- oder ALK-Mutation) identifiziert werden, die sich mit bestimmten zielgerichteten Substanzen (u.a. Erlotinib, Gefitinib, Afatinib, Ceritinib) besonders gut therapieren lassen. Bei Patienten, die zuvor mit einer Chemotherapie nur eine Überlebenszeit von wenigen Wochen hatten, brachten diese Medikamente eine deutliche Verlängerung der Lebenszeit. Ähnliche Fortschritte brachten moderne Therapien von Hautkrebs [3].

Dass eine genetische Veränderung mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang gebracht werden kann, wurde erstmals 1960 durch Peter Nowell und David Hungerford in Philadelphia (USA) nachgewiesen. Das damals entdeckte Philadelphia-Chromosom bewirkt die Bildung von Tumorzellen sowie ein unkontrolliertes Zellwachstum, das u.a. zur Entstehung einer chronisch myeloischen Leukämie (CML) führen kann. Um die Jahrtausendwende wurde basierend auf dieser Erkenntnis eine Therapie entwickelt, die Philadelphia-Chromosom-positive Leukämiezellen abtötet. In vielen Fällen nähern sich die Patienten einem Gesundheitszustand, der fast als Heilung bezeichnet werden kann [5].

Medizin und Big Data

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Um molekulare Ursachen komplexer Erkrankungen zu erforschen, müssen genetische sowie biologische, klinische und soziodemographische Daten größerer Patientengruppen erhoben werden. Die Analyse und Interpretation umfangreicher Datensätze stellt jedoch eine Herausforderung dar [6]. So muss geklärt werden, wie solche Daten gespeichert und verarbeitet werden und wer sie unter welchen Bedingungen nutzen darf [7,8]. 

Die P4-Medizin eröffnet neue Möglichkeiten einer an das genetische Profil des Patienten und des Tumors angepassten Behandlung. Sie wird das Gesundheitssystem nachhaltig verändern und gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen, die sich bislang noch nicht abschließend beurteilen lassen.

Prof. Angelika Eggert © pr
Prof. Angelika Eggert © pr

Interview zum Thema mit Prof. Angelika Eggert

(dw)

Fachberatung: Prof. Angelika Eggert, Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité Universitätsmedizin  

 

Quellen:

[1] Broich K., Bieber T. Personalisierte Medizin. Bundesgesundheitsbl 2013.56:1465-1467. Springer-Verlag 2013
[2] Vorwort, Seite 7-11. Tagungsdokumentation. Personalisierte Medizin – der Patient als Nutznießer oder Opfer. Jahrestagung des Deutschen Ethikrates.
[3] Eröffnungspressekonferenz zum Deutschen Krebskongress 2016 „Krebsmedizin heute: präventiv, personalisiert, präzise und partizipativ“, 24. Februar 2016, 11:00 – 12:30
[4] Leiner P. Aufbruchstimmung in der Krebsmedizin. Ärztezeitung. 4.2. 2013; http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/article/830600/weltkrebstag-aufbruchstimmung-krebsmedizin.html , letzter Aufruf 14.3.2016
[5] McDermott U., Downing J.R., Stratton M.R.: Genomics and the continuum of cancer care. New England Journal of Medicine 2011; 364: 340-350
[6] Barbara Prainsack. Personalisierte Medizin aus Sicht des Patienten – Nutzen oder Überforderung? Seite 23-33. Tagungsdokumentation. Personalisierte Medizin – der Patient als Nutznießer oder Opfer. Jahrestagung des Deutschen Ethikrates.
[7] Regine Kollek, Systembiologie als Nexus zwischen Genen und Gesundheit, in Karlsruher Institut für Technologie. Technologiefolgenabschätzung. Theorie und Praxis, 21. Jahrgang, Heft 2 – November 2012
[8] Singer, Emily. Die Medizin wird vollständig digitalisiert. http://www.heise.de/tr/artikel/Die-Medizin-wird-vollstaendig-digitalisiert-949266.html; letzter Aufruf 30.03. 2016

Letzte inhaltliche Aktualisierung: 23.03.2016

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Aktualisiert am: 21.07.2017 16:59