Von der Versorgungsforschung in den Versorgungsalltag – Experten fordern besseren Erkenntnistransfer

Berlin, 05.10.2016. Medizinische Innovationen und neue Erkenntnisse zur Verbesserung der Krankenversorgung kommen oft nicht beim Patienten an. Zu diesem Schluss kamen Versorgungsforscher auf der Eröffnungspressekonferenz des 15. Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung (DKVF) in Berlin. Die Experten forderten, dass künftig der unmittelbare Nutzen medizinischer Maßnahmen für den Patienten stärker in den Fokus von Forschung und Gesundheitspolitik rückt. Dabei gehe es nicht nur um die medizinisch messbare Verbesserung des Gesundheitszustandes, sondern unter anderem auch um eine aus Patientensicht angemessene Lebensqualität.

Die Bedeutung der Lebensqualität für die Patienten erläuterte die Kongresspräsidentin des DKVF 2016, Priv.-Dozentin Dr. Monika Klinkhammer-Schalke, am Beispiel der Brustkrebsnachsorge. „Wenn man auf gemessene Defizite nach der operativen Behandlung reagiert und den Betroffenen Experten zur Seite stellt, die ihnen bei der Überwindung ihrer Defizite helfen, dann berichten die Patientinnen nach einer bestimmten Zeit auch tatsächlich über eine bessere Lebensqualität.“  Das getestete Programm zur Unterstützung in der Brustkrebsnachsorge wurde mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt entwickelt und in einer randomisierten Studie getestet. Klinkhammer-Schalke: „Die Studienergebnisse belegen den Nutzen des Programms. Im nächsten Schritt geht es um die flächendeckende Implementierung dieses Behandlungspfades in die Routineversorgung.“

Viele Wege sind denkbar, um medizinische Innovationen in der Routine-Versorgung zu etablieren. In Deutschland reicht das Spektrum von ärztlichen Qualitätszirkeln bis hin zu Selektivverträgen der Krankenkassen mit Einrichtungen, die bestimmte medizinische Leistungen erbringen. Doch letztlich fehlt eine systematische Entwicklung von Implementierungsstrategien, besonders bei neuen Versorgungspfaden oder -strukturen. „Wir brauchen grundsätzlich mehr Evaluation der Behandlungsergebnisse und -abläufe und auch mehr Forschung zur Entwicklung neuer Versorgungskonzepte“, erklärte Prof. Michel Wensing, Versorgungsforscher am Universitätsklinikum Heidelberg.

Doch selbst wenn wissenschaftliche Erkenntnisse durch exzellente Studien belegt sind und sich in Pilotprojekten bewährt haben − die Entscheidung darüber, welche medizinischen Innovationen in die Regelversorgung übernommen werden, fällt am Ende im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Dort entscheiden die Kassen(zahn)ärztlichen Bundesvereinigungen, der GKV-Spitzenverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft über die Aufnahme medizinischer Maßnahmen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Prof. Edmund Neugebauer, Vorsitzender des Netzwerks Versorgungsforschung e.V. und Dekan der Medizinischen Hochschule Brandenburg, konstatierte: „Bei der Entscheidung über die Übernahme einer medizinischen Leistung in die Regelversorgung spielen oft Faktoren eine Rolle, die über die rein wissenschaftlich-medizinischen hinausgehen. Ich hoffe, dass die Politik mit genügend wissenschaftlicher Evidenz künftig nachdrücklicher auf die Selbstverwaltungspartner einwirken kann, damit sich die Innovationen durchsetzen, die dem Patienten unmittelbar nutzen.“

Aus Sicht der Gesundheitspolitik ist die Versorgungsforschung ein unverzichtbares Instrument zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens. Hierzu erklärt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: „Wir haben in Deutschland eine sehr gute Gesundheitsversorgung. Angesichts der steigenden Zahl älterer, chronisch und mehrfach erkrankter Patientinnen und Patienten brauchen wir aber neue Versorgungsangebote, um unser Gesundheitswesen noch weiter zu verbessern. Hierfür ist Versorgungsforschung mit einem engen Praxisbezug eine wichtige Grundlage. Der Nationale Krebsplan ist ein gutes Beispiel, wie Versorgungsforschung gesundheitspolitische Programme erfolgreich unterstützen kann. Durch einen Innovationsfonds mit jährlich 300 Millionen Euro treiben wir die sektorenübergreifende Versorgung und die Versorgungsforschung weiter voran.“

Im Rahmen des Innovationsfonds werden die Versorgungsforschung und innovative Versorgungsmodelle gefördert, die einen deutlichen Nutzen für die Patienten bringen und die Befähigung haben, dauerhaft in die GKV-Versorgung aufgenommen zu werden. Von 2016 bis 2019 stehen jährlich 225 Millionen Euro für neue Versorgungsformen und 75 Millionen Euro für die Versorgungsforschung bereit. In Zukunft wird die Versorgungsforschung auch eine immer wichtigere Rolle bei der Vorbereitung, Durchführung und Bewertung gesundheitspolitischer Maßnahmen spielen. So wurde im Nationalen Krebsplan die anwendungsbezogene Versorgungsforschung im Rahmen eines Förderschwerpunkts des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) zur Klärung offener Fragen herangezogen. Auch bei den vom BMG geplanten Maßnahmen der Diabetesbekämpfung kommt der Versorgungsforschung eine Schlüsselrolle zu. Im Mittelpunkt steht hierbei der Aufbau eines nationalen Diabetes-Surveillance-Systems beim Robert Koch-Institut.

Der 15. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung (DKVF) 2016
Der DKVF 2016 findet vom 05. bis 07. Oktober 2016 in Berlin statt. Unter dem Motto „Wissen schaf(f)t Nutzen“ kommen Ärzte, Wissenschaftler und Vertreter aus Krankenkassen, Verbänden sowie der Gesundheitspolitik zusammen, um über die jüngsten Entwicklungen in der Versorgungsforschung zu diskutieren. Der Kongress wird vom Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung e.V. ausgerichtet. Mehr Informationen unter www.dkvf2016.de und www.netzwerk-versorgungsforschung.de

 

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Dr. Katrin Mugele
i.A. des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung e.V.
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Aktualisiert am: 28.06.2017 16:21