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Wie gefährlich ist die alternative Krebsmedizin?

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Einige Heilpraktiker versprechen den Krebs mit sanften Methoden wirksam zu behandeln oder sogar zu heilen. Bei solchen Angeboten müssen Patienten mit einer Krebserkrankung jedoch vorsichtig sein. Mindestens drei Menschen verstarben, nachdem sie im „Biologischen Krebszentrum Bracht“ Infusionen mit 3-Bromopyruvat (3BP) erhalten haben, dessen Wirksamkeit sowie Verträglichkeit nicht systematisch in Studien am Menschen untersucht wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den dort praktizierenden Heilpraktiker wegen fahrlässiger Tötung.

Die so genannte „sanfte Medizin“ − wie die Alternativmedizin sich auch gern selbst bezeichnet – ist nicht immer harmlos. Zwar können komplementäre Methoden − zusätzlich zur Schulmedizin eingesetzt − in vielen Bereichen unterstützend wirken, jedoch besitzen auch sie Nebenwirkungen.
So wird auf der Webseite des Biologischen Krebszentrums Bracht die Substanz 3-Bromopyruvat (3-BP) angepriesen, als das „aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung […], das effektiver ist als die heutigen Chemotherapeutika“. [1] Patienten mit einer Krebserkrankung bot der Heilpraktiker für 9900 Euro eine Therapie mit dem Glukoseblocker 3BP an. Die Idee dahinter klingt ebenso einfach wie plausibel  – Zucker ist ein Energielieferant von Zellen und Tumoren benötigen für ihr Wachstum besonders viel Zucker. 3-Bromopyruvat soll die Aufnahme von Zucker in den Zellen unterbinden und damit das Tumorwachstum hemmen. Jedoch gibt es kaum Studien, die die Verträglichkeit und Wirksamkeit dieses experimentellen Wirkstoffes am Menschen untersucht haben. Ob unerwünschte Nebenwirkungen der Substanz 3-BP tatsächlich für den Tod der betreffenden Patienten verantwortlich waren, bleibt abzuwarten – auch Verunreinigungen oder andere verabreichte Substanzen könnten hierfür verantwortlich sein. [2]

Komplementäre Onkologie: wie anerkannt ist sie?

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Patienten mit Krebs haben häufig den Wunsch, selbst etwas zu ihrer Gesundung  beizutragen - sei es, dass sie etwas gegen die Nebenwirkungen einer Krebstherapie unternehmen möchten oder ihre Lebensqualität verbessern wollen. Die Idee, den Patienten stärker in die Therapie miteinzubeziehen, verfolgt auch die komplementäre Onkologie, deren Konzepte nicht an Stelle, sondern ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung angeboten werden.

In der Krebstherapie haben sich neben den schulmedizinischen Therapien in den letzten Jahren verschiedene Verfahren aus der Pflanzenheilkunde, Ayurvedischen Medizin und Traditionellen Chinesischen Medizin etabliert. Dazu kommen Entspannungstechniken oder auch Meditation. Das Interesse an komplementären Therapien in der Bevölkerung liegt bei circa 70%; bei 4 von 5 Patienten werden solche Verfahren inzwischen auch angewandt. [3] Teilweise beruht das naturheilkundliche Wissen auf Erfahrungen und Beobachtungen aus den vergangenen Jahrzehnten oder auch Jahrhunderten. Für einige Behandlungsmethoden liegen mittlerweile Ergebnisse aus Studien vor. [4] Ein großes Interesse an diesen Therapien besteht auch von medizinischer Seite, was sich unter anderem in der starken Nachfrage an Wahlkursen bei Studierenden, z.B. zur Traditionellen Chinesischen Medizin [5] zeigt. Zudem besitzen 15.000 Ärzte in Deutschland die Zusatzqualifikationen Akupunktur.[6]

Großes Interesse an komplementärer Medizin

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Bisweilen werben alternative Krebszentren mit dem Versprechen, eine erfolgreiche Krebstherapie ohne Nebenwirkungen, wie sie aus der Schulmedizin bekannt sind, durchzuführen. Sie verbreiten Botschaften, in denen von „Therapieerfolgen auf biologischer Basis“ die Rede ist und von Verfahren, die die „eigenen Selbstheilungskräfte anregen“. Damit wird einem starken Bedürfnis vieler Menschen mit Krebs entsprochen. Mit dem Trend zur Naturmedizin sind Sehnsüchte verbunden, die von der Schulmedizin nur unzureichend eingelöst werden: Individuelle Zuwendung und ganzheitliche Betrachtung, Verständnis und ausgedehnte Kommunikation, wie das Ergebnis einer vom Kölner Rheingold-Institut in Auftrag gegebenen Untersuchung zeigt. [7] Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt auch eine Analyse der Abteilung Kommunale Kliniken beim Senator für Gesundheit in Bremen. Patienten nehmen Naturheilverfahren in Anspruch, weil sie damit die Hoffnung auf Heilung verbinden (4-56%), eine Stärkung der Immunabwehr (22-87%) und sich eine Verbesserung der Lebensqualität erhoffen (28-48%) sowie das Bedürfnis haben, aktiv gegen die Nebenwirkungen der Schulmedizin vorzugehen (4-71%). [8]

Heilpraktiker in Deutschland

Dieser Sehnsucht kommen Heilpraktiker entgegen. „Für einen großen Teil der Patienten ist der Besuch beim Heilpraktiker attraktiv, weil in der Schulmedizin oft wenig Zeit für das Gespräch mit dem Arzt bleibt,“ konstatiert PD Dr. Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Medizin in der Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft. In Deutschland praktizieren 43.000 Heilpraktiker. [9] Der Beruf des Heilpraktikers ist durch das seit 1939 gültige Heilpraktikergesetz geregelt. Die Zulassung erhält man nach einer Prüfung beim Gesundheitsamt. Die Gesundheitsbehörde will auf diese Weise ausschließen, dass der Anwärter durch seine Arbeit eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung darstellt, z.B. weil er einen medizinischen Notfall nicht als solchen erkennt. Zwar dürfen Heilpraktiker keine verschreibungspflichtigen Medikamente verabreichen, dennoch können sie Heilversuche mit unerprobten Substanzen durchführen, Injektionen setzen und Infusionen anlegen. Leider gibt es für Heilpraktiker keine gesetzlich vorgeschriebene Ausbildungsordnung sowie keine Fortbildungspflicht. Bei einer schweren und komplexen Erkrankung wie Krebs sollten Patienten deshalb immer einen erfahrenen Onkologen aufsuchen und sich auf Therapien verlassen, deren Wirksamkeit in klinischen Studien erprobt und bewiesen worden sind. Für den Zugang zu Medikamenten, die in Deutschland nicht von der Arzneimittelzulassungsbehörde zugelassen sind, empfiehlt sich ohnehin die Teilnahme an einer klinischen Studie. So kann der Patient sicher sein, dass er eine engmaschige Betreuung erhält und eventuell auftretende Nebenwirkungen rasch erkannt und entsprechend behandelt werden können.  Wer zusätzlich zur Schulmedizin komplementäre Therapien einsetzen möchte, der sollte seinen behandelnden Arzt darauf anzusprechen. Nicht immer verträgt sich die komplementäre Therapie mit der schulmedizinischen Therapie; in manchen Fällen schwächen sie sich gegenseitig oder es kommt zu ungünstigen Wechselwirkungen. In solchen Fällen wird der Onkologe davon abraten, nicht weil er generell die Komplementärmedizin ablehnt, sondern weil wissenschaftliche Erkenntnisse gegen den Einsatz einer bestimmten komplementären Therapie sprechen.

Woran erkennt man zweifelhafte Heilmethoden?

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  • Das Versprechen einer schnellen Heilung oder eine Garantie auf Gesundung sind Hinweise darauf, dass das Angebot unseriös ist.
  • Skeptisch sollte man sein, wenn ein Anbieter die eigene Methode als die einzig richtige anpreist und andere Methoden verdammt.
  • Misstrauen ist ebenfalls bei Anbietern angebracht, die zum Abbruch einer schulmedizinischen Behandlung raten.

 

Seriöse Anbieter wissen um mögliche Wechselwirkungen von naturheilkundlichen und schulmedizinischen Therapien. Sie empfehlen dem Patienten, seinen behandelnden Arzt zu Rate zu ziehen. Manche Anbieter locken mit der Aussage, man könne die Kostenübernahme später durch eine Klage erstreiten, drängen aber zunächst auf die Unterschrift unter einen privaten Behandlungsvertrag, damit die Therapie schnell beginnen kann.

(dw)

Fachberatung: PD. Dr. Jutta Hübner (Berlin) 

 

Interview zum Thema mit PD Dr. Jutta Hübner

Quelle: © pr. PD Dr. Jutta Hübner

 

PD Jutta Hübner spricht im Interview über die Potentiale aber auch über die Gefahren naturheilkundlicher Methoden in der Krebstherapie. Komplementäre Verfahren spielen auch heute schon in der Onkologie eine wichtige Rolle.

 

 

Quellen:

[1] http://www.biologische-kankerbehandelen.nl/de/behandelingen-kanker/3-bromopyruvate/, letzter Aufruf 15.09.2016

[2] http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=64849; letzter Abruf am 26.09.2016

[3] 47. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM); 12. bis 14. September 2013, München; Glassen K et al: S4-V4.4; www.degam2013.de

[4] Streitberger K et al. Acupuncture for nausea and vomiting: an update of clinical and experimental studies. Auton Neurosci. 2006 Oct 30;129(1-2):107-17; Oberbaum M et al. A randomized, controlled clinical trial of the homeopathic medication TRAUMEEL S in the treatment of chemotherapy-induced stomatitis in children undergoing stem cell transplantation. Cancer. 2001 Aug 1;92(3):684-90.

[5] 47. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM); 12. bis 14. September 2013, München; Klein G et al: S4-V4.5; www.degam2013.de

[6] https://www.3sat.de/page/?source=/nano/glossar/akupunktur.html; letzter Abruf 26.09.2016

[7] http://www.rheingold-marktforschung.de/veroeffentlichungen/artikel/Naturmedizin_Sehnsucht_nach_dem_Urspruenglichen.html , letzter Aufruf 15.09.2016

[8] 31. Deutscher Krebskongress, 19. bis 22. Februar 2014, Berlin
Symposium „Verantwortung in der Integrativen Onkologie“ (19. Februar 2014)
Münstedt K: Grenzziehung zwischen komplementärer und alternativer Medizin 
http://www.dkk2014.de/files/dkk2014/content/downloads/Abstractband.pdf, Staber J: Gesundheitsökonomische Konsequenzen alternativer Behandlungsangebote

 [9] Statistisches Bundesamt (2015), Fachserie 12 Reihe 7.3.1, Seite 16

Aktualisiert am: 18.10.2017 17:16