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Krebs als Berufskrankheit

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Das Zentrum für Krebsregisterdaten Deutschlands schätzte für 2008 die jährliche Zahl der Krebsneuerkrankungen auf nahezu 470.000 [1]. Etwas mehr als 2.000 Krebserkrankungen wurden als beruflich verursacht im selben Jahr anerkannt [2]. Doch wann kann Krebs als Berufskrankheit überhaupt anerkannt werden? Müsste der Anteil der Berufskrankheiten, der durch Krebs bedingt ist, nicht höher sein?

Wann spricht man von Berufskrankheit?

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Ganz allgemein haben wissenschaftliche Untersuchungen Zusammenhänge zwischen bestimmten Berufen und Erkrankungen aufgedeckt. Der Gesetzgeber wertet diese Krankheiten als Berufskrankheiten und schreibt:

„In die Liste der Berufskrankheiten (BK) dürfen nur Erkrankungen aufgenommen werden, die durch besondere Einwirkungen entstehen. Dies setzt den Nachweis voraus, dass bestimmte Personengruppen, durch ihre versicherte Tätigkeit, diesen Einwirkungen in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind. Die Anerkennung einer Berufskrankheit setzt voraus, dass zwischen der versicherten Tätigkeit und der schädigenden Einwirkung sowie zwischen der Einwirkung und der Erkrankung ein rechtlich wesentlicher ursächlicher Zusammenhang besteht. Die Erfüllung besonderer versicherungsrechtlicher Voraussetzungen ist bei bestimmten Erkrankungen eine weitere Voraussetzung für die Anerkennung als Berufskrankheit“ (§ 9 Abs. 1, VII. Sozialgesetzbuch (SGB VII)).
Es können aber auch Erkrankungen als Berufskrankheit anerkannt werden, wenn sie (noch) nicht in die Berufskrankheiten-Liste aufgenommen wurden, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, wie neue Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft (§9 Abs. 2 SGB VII).

Vereinfacht gesagt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein, damit eine Krankheit als Berufskrankheit anerkannt wird: Der Erkrankung muss ursächlich eine berufsbedingte Schädigung zugrunde liegen und sozialrechtliche Voraussetzungen müssen erfüllt sein. Den Kontakt mit einer krebsauslösenden Substanz nachzuweisen, ist häufig schwierig, da sich berufsbedingte Krebserkrankungen über eine lange Zeit, von Jahren bis Jahrzehnten, entwickeln können.

 

Krebserkrankungen als Berufserkrankungen

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Diese hohen (rechtlichen) Anforderungen, aber auch, dass man zurzeit noch immer relativ wenig über möglicherweise krebserzeugende Berufsstoffe weiß, führen dazu, dass derzeit nur wenige Tumorarten als Berufskrankheiten anerkannt werden.

Bei 19 von 73 Listen-Berufskrankheiten entsprechend § 9 Abs. 1 SGB VII können Krebserkrankungen zur Anerkennung kommen [2]. Auf Platz 1 stehen durch Asbest ausgelöste Krebserkrankungen, v.a. der Lungen- bzw. Rippenfellkrebs. Eine Reihe weiterer Substanzen, wie aromatische Amine, Benzol oder Peche, werden bei verschiedenen Krebserkrankungen als ursächlich angesehen und im Falle einer beruflichen Einwirkung als beruflich bedingt gewertet (s. Tabelle).

Beispiele für beruflich verursachte Krebserkrankungen

Krankheiten

Auslöser

Pleuramesotheliom

Asbest

Asbest-Lungen-/Kehlkopfkrebs

Asbest

Harnblasenkrebs

Aromatische Amine

Blutkrebs

Benzol

Hautkrebs

Peche, Teere

Leberkrebs

Vinylchlorid

Mundhöhle

Uran

Lungenkrebs, Leukämie, Hautkrebs

Ionisierende Strahlung

 

Beispiel: Berufskrankheit Lungenkrebs

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In etwa der Hälfte aller beruflich verursachten Krebserkrankungen handelt es sich um Lungenkrebs, in gut einem Drittel der Fälle ist das Rippenfell betroffen. Hauptauslöser ist in beiden Fällen Asbest [2]. Unter Asbest werden verschiedene faserförmige Minerale zusammengefasst. Die Eigenschaften des Materials sind vielfältig: große Festigkeit, hitze- und säurebeständig, sehr gut dämmend. Aus diesem Grund wurde Asbest vielfältig eingesetzt, z.B. als Baumaterial, zur Wärmedämmung und in der Autoreifenindustrie. Seit ca. 1950er Jahren ist bekannt, dass Asbest Lungenkrebs und Tumoren des Rippenfells, das sog. Pleuramesotheliom, auslöst. Schutzvorschriften gibt es in Deutschland seit 1970, seit 1993 ist es hier verboten. Da zwischen dem Asbestkontakt und der Krebsentstehung Jahrzehnte liegen können, werden auch heute und in absehbarer Zeit immer wieder asbestbedingte Tumorerkrankungen diagnostiziert werden. Zudem werden zunehmend Gebäude saniert, in denen einst Asbest verbaut wurde.

Der Weg von der Krebs-Diagnose zur anerkannten Berufskrankheit

Bei begründetem Verdacht, dass bei einem Versicherten eine Berufskrankheit vorliegt, muss diese durch den Arzt der Berufsgenossenschaft angezeigt werden. Daraufhin werden ein sog. Berufskrankheiten-Feststellungsverfahren und eine arbeitsmedizinische Begutachtung eingeleitet, d.h. es wird geprüft, inwieweit die medizinischen und rechtlichen Bedingungen erfüllt sind. Nach Anerkennung der Erkrankung als Berufskrankheit übernimmt die Berufsgenossenschaft beispielsweise Heilbehandlungen, Rehabilitationsmaßnahmen oder Entschädigungen.

Typischerweise liegt der Kontakt zur auslösenden Substanz meist mehrere Jahrzehnte zurück. Daher sind Angaben zu Tätigkeiten, die vor allem zu Beginn des Arbeitslebens ausgeübt worden sind, von großer Bedeutung.

Maßnahmen zum Schutz vor beruflich bedingten Krebserkrankungen

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Eine Reihe von Maßnahmen ist geeignet, um sich vor krebsauslösenden Substanzen zu schützen. Am besten wäre der Austausch der Substanz gegen eine nicht-krebsauslösende. Ist dies nicht möglich, sollte der Kontakt zur Substanz beispielsweise durch Schutzkleidung, Atemschutz, Zugangsbeschränkungen und Expositionsdauer begrenzt werden.

Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen, aber auch nachgehende Untersuchungen, wenn der Kontakt zur Substanz beendet ist, helfen, den Gesundheitszustand des Arbeitnehmers zu erfassen und ggf. bei begründetem Verdacht eine Berufskrankheit anzuzeigen.

Prof. Dr. Dr. Andreas S. Lübbe im Interview

Prof.  Andreas Lübbe ist Experte für das Thema Krebs als Berufskrankheit. Er leitet u.a. eine onkologische Schwerpunktklinik für Anschlussrehabilitation, in der viele Patienten mit berufsbedingten Krebserkrankungen, wie Lungenkrebs, behandelt werden. Im Interview erläutert er Häufigkeit, Ursachen und den schwierigen Weg der Anerkennung von Krebs als Berufskrankheit.

 

(lb)

 

Quellen:
[1] Krebs in Deutschland 2007/2008. 8. Ausgabe. Robert Koch-Institut (Hrsg.) und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (Hrsg.). Berlin, 2012
[2] Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) (Hrsg.). Dokumentation des Berufskrankheiten-Geschehens in Deutschland – BK-DOK. Beruflich verursachte Krebserkrankungen. Eine Darstellung der im Zeitraum 1978 bis 2010 anerkannten Berufskrankheiten. April 2012.

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 10.09.2014

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Aktualisiert am: 23.06.2017 11:26