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Krebskranke Angehörige zu Hause pflegen - Regelungen und Hilfen

Mädchen umarmt ältere Dame
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Wenn die Diagnose Krebs plötzlich einen nahestehenden Verwandten trifft, ist das für die Familien ein schwerer Schicksalsschlag. Und oft besteht beim Patienten selbst und seinen Angehörigen der Wunsch, in dieser Zeit eng beieinander und in häuslicher Umgebung geborgen zu sein. Das gilt auch, wenn Pflege notwendig wird.

Für Angehörige heißt das, nicht nur einen geliebten krebskranken Menschen zu unterstützen, sondern auch das eigene Weiterleben zu regeln. Viele Angehörige, die ihre Lieben selbst pflegen möchten, sind berufstätig. Für sie stellt sich die Frage, wie sie Pflege, Familie und Beruf vereinbaren können oder wie der eigene Lebensunterhalt gesichert werden kann, wenn sie vorübergehend nicht oder nicht voll arbeiten können.

Das neue Pflegestärkungsgesetz verbessert die Pflege zu Hause

Unter anderem mit dem Inkrafttreten des neuen Pflegestärkungsgesetzes am 1. Januar 2015 hat der Gesetzgeber wichtige Voraussetzungen geschaffen, die das Pflegen von Angehörigen auch für Berufstätige leichter machen. (1) Für eine optimale Pflege zu Hause können zudem auch Pflegegeld, Mittel für externe Pflegedienste, Aufwendungen für Hilfsmittel oder Mittel zur Anpassung der Wohnverhältnisse bei der Pflegekasse beantragt werden.

Mehr Flexibilität beim Anspruch auf Pflegezeiten

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Ein wichtiges Fundament für die Pflege krebskranker Angehöriger zu Hause bilden das Pflegezeitgesetz und das Familienpflegezeitgesetz. Sie ermöglichen vielen berufstätigen Angehörigen, für bestimmte Zeiträume der Pflege vom Arbeitgeber freigestellt zu werden. Im Rahmen des Pflegezeitgesetzes besteht ein Anspruch auf unbezahlte sozialversicherte Freistellung von der Arbeit für die Dauer von bis zu sechs Monaten, wenn Sie in einem Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern arbeiten. Möglich ist es dabei, zwischen vollständiger und teilweiser Freistellung zu wählen. (2), (3)

Darüber hinaus greift seit dem 1. Januar 2015 das neue Familienpflegezeitgesetz. Damit kann die teilweise Freistellung für die Pflege eines nahestehenden Angehörigen auf bis zu zwei Jahre ausgedehnt werden. Voraussetzung ist, dass Sie mindestens 15 Stunden in der Woche arbeiten. Ein Rechtsanspruch besteht allerdings auch hier nur, wenn Sie nicht in einem Kleinunternehmen arbeiten. (2), (4)

Pflegende Angehörige, die sich dafür entscheiden, Pflegezeit oder Familienpflegezeit zu nehmen oder beides zu kombinieren und sich finanziell nicht ausreichend abgesichert sehen, können zur Überbrückung dieser Situation seit Beginn des Jahres für den Zeitraum der Pflege durch ein zinsloses Darlehen gefördert werden. (2),(4)

Pflegegeld, Sachleistungen und weitere finanzielle Hilfen

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Krebskranke Menschen, die wegen ihrer Pflegebedürftigkeit zu Hause betreut werden, haben darüber hinaus einen Anspruch auf Pflegegeld oder Sachleistungen (Leistungen von Pflegediensten) über ihre Pflegekasse. Soll die Pflege von Angehörigen übernommen werden, wird Pflegegeld gezahlt. Pflegende Angehörige können dadurch finanziell unterstützt werden. (5)

Der Bezug von Pflegegeld und Sachleistungen lässt sich flexibel miteinander kombinieren. Die Höhe der Leistungen ist abhängig von der jeweiligen Pflegestufe. Wird beides genutzt, werden die Ansprüche miteinander verrechnet. (6)

Unabhängig von der Pflegestufe zahlt die Pflegekasse auf Antrag Zuschüsse für Wohnungsanpassungsmaßnahmen, die die Pflege zu Hause erleichtern und die Lebensqualität für den zu pflegenden Angehörigen verbessern. Die Leistungen, die für eine beantragte Maßnahme gewährt werden können, wurden von ehemals 2.557 Euro auf 4.000 Euro erhöht. Außerdem übernimmt die Pflegekasse Pflegehilfsmittel des alltäglichen Gebrauchs. (5), (7)

Beratung ist unverzichtbar

Tritt eine Pflegesituation ein, sind die Pflegekassen verpflichtet, Mitgliedern zeitnah eine individuelle Pflegeberatung anzubieten, die über die relevanten Pflegeangebote und die erforderliche Anträge bei den verschiedenen Kostenträgern, aber auch zu Themen wie Grundsicherung des eigenen Lebensunterhalts, Krankenversicherung und Rentenansprüche in der Pflegezeit informiert. Eine weitere wichtige Anlaufstelle sind die Pflegestützpunkte: Sie bieten Beratung und Unterstützung bei der Organisation der Pflege mit allen relevanten Stellen aus einer Hand. Die Pflegekassen können Ihnen Adressen nahegelegener Pflegestützpunkte geben. (8)

Wenn sich eine Pflegesituation abzeichnet, sei es aber immer auch wichtig, zunächst mit dem behandelnden Hausarzt oder Onkologen zu besprechen, was zu tun sei und zu fragen, ob er Informationsmaterial zur Verfügung stellen könne, rät Kerstin Paradies, Leiterin einer gynäkologisch-onkologischen Praxisklinik in Hamburg und Vorstandssprecherin der Konferenz der Onkologischen Kranken- und Kinderkrankenpflege bei der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (KOK). Pflegebedarfe ließen sich so besser abklären, etwa ob man einen palliativen Pflegedienst oder überhaupt einen häuslichen Pflegedienst für spezielle Aufgaben braucht. „Sie können damit frühzeitig alles Notwendige für die entsprechende Pflege einleiten“, sagt Paradies.

Wer hilft weiter, wenn die Belastung steigt?

ältere Dame mit junger Frau
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Klar werden solle man sich auch über die Anforderungen, die die Pflege eines Angehörigen bedeuten kann. „Angehörige zu pflegen ist ein überaus harter Job. Das hat viel mit psychischer Belastung zu tun.“ Das werde anfangs oft unterschätzt, sagt die Hamburger Pflegespezialistin. Die Angehörigen haben in vielen Fällen selbst Familie und sind oft auch noch im Job. Zudem sei es für viele Menschen sehr schmerzvoll zu sehen, dass es den betroffenen geliebten Menschen immer schlechter gehe. In psychischen Überlastungssituationen sollten Angehörige den Mut haben, sich an den behandelnden Arzt oder die Klinik zu wenden, die die Krebstherapie durchgeführt hat.

Durch die lange Behandlung bestehe oft ein enges Vertrauensverhältnis. Zumeist verfügen die entsprechenden Praxen und Kliniken darüber hinaus über gute Vernetzungen zu relevanten Beratungsstellen. Beispielsweise bieten die Landeskrebsgesellschaften Angehörigen in dieser Hinsicht Unterstützung. „Und einige Selbsthilfegruppen haben sich auch für Angehörige geöffnet“, weiß Paradies.

Wird die Belastung durch die Pflege zu groß, könnten zudem Familienmitglieder, Freunde oder externe ambulante Pflegedienste Aufgaben bei der Pflege übernehmen. Selbstaufopferung über die eigenen Grenzen hinaus führt zu Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und Gereiztheit und bringt nur weiteres Leid.

Angehörige werden stärker entlastet

Die Pflegeversicherung sieht vielfältige Angebote zur Entlastung pflegender Angehöriger vor. Nach Inkrafttreten des Pflegestärkungsgesetzes haben sich zudem die Möglichkeiten für pflegende Angehörige nochmals gebessert, selbst auch mal Auszeiten zu nehmen. Ist ein pflegender Angehöriger durch einen Urlaub oder Krankheit vorübergehend an der Pflege gehindert, übernimmt die Pflegeversicherung die Kosten einer Ersatzpflege neu für bis zu sechs Wochen im Jahr. Außerdem ist zur Überbrückung von Krisensituationen mit erhöhtem Pflegebedarf für bis zu acht Wochen jährlich eine vollstationäre Kurzzeitpflege möglich. Verbessert haben sich darüber hinaus die Möglichkeiten für eine zeitweise Betreuung im Tagesverlauf in einer Pflegeeinrichtung der Tages- und Nachtpflege. (7)

Ambulante Palliativpflegedienste helfen in der letzten Lebensphase

Frau hält Hand einer älteren Dame
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Viele Angehörige möchten krebskranken Menschen bis zuletzt ermöglichen, in ihrer gewohnten Umgebung zu leben und bei der Familie zu sein. Für die letzte Lebensphase stehen ambulante Palliativpflegedienste zur Verfügung, die die häufig nötige Schmerztherapie kontrollieren und belastende Symptome in enger Absprache mit den Ärzten überwachen. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind speziell geschult. Sie beraten bei der Pflege und Versorgung in der letzten Lebensphase und unterstützen auch bei der psychischen Bewältigung der Situation. (9), (10)

Reden Sie über Ihre Probleme!

Pflegende Angehörige sollten sich nicht verkriechen, wenn sie das Gefühl haben, dass es nicht mehr weitergeht. Wichtig sei es, über die Probleme zu sprechen. Nur so könnten Pfleger, Ärzte und Beratungsstellen Hilfe geben, appelliert Paradies. In der mitunter emotional stark fordernden Pflegesituation müssten Pflegende auch auf sich selbst und ihre Familien achten. „Das Leben geht ja weiter“, sagt Paradies.

(cu)

Nützliche Links:

Ambulante Pflege - Pflegen zu Hause: http://www.bmg.bund.de/pflege/leistungen/ambulante-pflege/pflegen-zu-hause.html

Leistungstabellen Pflegeleistungen nach Einführung des neuen Pflegestärkungsgesetzes I: http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/P/Pflegestaerkungsgesetze/Tabellen_Plegeleistungen_BRat_071114.pdf

Deutsche Krebshilfe e. V.: Die blauen Ratgeber: Hilfen für Angehörige: http://www.krebshilfe.de/fileadmin/Inhalte/Downloads/PDFs/Blaue_Ratgeber/042_hilfen_fuer_angehoerige.pdf

Beratungsstellen und Hilfsangebote für pflegende Angehörige:

Beratungsstellen der Landeskrebsgesellschaften: http://www.krebsgesellschaft.de/deutsche-krebsgesellschaft/ueber-uns/organisation/sektion-a-landeskrebsgesellschaften.html

Netzwerk pflegeBegleitung : http://www.pflegebegleiter.de/

Im Rahmen des Bundesmodellprojekts "Netzwerk pflegeBegleitung" ist ein Netzwerk von 97 Standorten mit über 2.000 freiwilligen Pflegebegleitern und -begleiterinnen entstanden, die im gesamten Bundesgebiet pflegende Angehörige begleiten und unterstützen.

Pflegenetz Forum: http://forum.pflegenetz.net/
Bietet pflegenden und betreuenden Angehörigen die Möglichkeit, Erfahrungen in einem Forum auszutauschen, Unterstützung bei Konflikten mit Heimen oder ambulanten Pflegediensten oder fachkundigen Rat in speziellen Fragen zur Pflege und Betreuung. Das Forum ist ein Gemeinschaftsprojekt von verschiedenen Internetseiten.

 

Quellen:

(1) Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zum ersten Pflegestärkungsgesetz http://www.bmg.bund.de/pflege/pflegestaerkungsgesetze/pflegestaerkungsgesetz-i.html (Stand: 26.11.14)

(2) Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/aeltere-menschen,did=210178.html (Stand: 26.11.14)

(3) Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Pflegezeit: http://www.bmg.bund.de/pflege/hilfen-fuer-angehoerige/pflegezeit.html (Stand: 26.11.14)

(4) Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Familienpflegezeit: http://www.bmg.bund.de/pflege/hilfen-fuer-angehoerige/familienpflegezeit.html (Stand: 26.11.14)

(5) Bundesministerium für Gesundheit (BMG): „Ambulante Pflege / Pflegen zu Hause“ http://www.bmg.bund.de/pflege/leistungen/ambulante-pflege/pflegen-zu-hause.html (Stand: 26.11.14)

(6) Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Pflegegeld: http://www.bmg.bund.de/pflege/leistungen/ambulante-pflege/pflegegeld.html (Stand: 26.11.14)

(7) Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Leistungstabellen Pflegeleistungen nach Einführung des neuen Pflegestärkungsgesetzes I http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Downloads/P/Pflegestaerkungsgesetze/Tabellen_Plegeleistungen_BRat_071114.pdf (Stand: 25.11.14)

(8) Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Pflegen zu Hause - Ratgeber für die häusliche Pflege  https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/dateien/Publikationen/Pflege/Broschueren/140909_Pflegen_zu_Hause_bf.pdf (Stand: 25.11.14)

(9) Interview mit  Kerstin Paradies, Leiterin der Gynäkologisch-onkologischen Praxisklinik  und Vorstandssprecherin der KOK Konferenz der Onkologischen Kranken- und Kinderkrankenpflege Deutsche Krebsgesellschaft e.V. in Hamburg, 24.11.14

(10) Leistungsangebote ambulanter Palliativpflegedienste: http://www.palliativnetz-koeln.de/cms/content/index.php?id=14 (Stand: 26.11.14)

 

Fachberatung:
Kerstin Paradies, Vorstandssprecherin der KOK Konferenz der Onkologischen Kranken- und Kinderkrankenpflege

Weitere Informationen zum Thema:

Aktualisiert am: 26.08.2016 17:07