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Wie sage ich meiner Familie, dass ich Krebs habe?

Mit Angehörigen und Freunden über eine Krebsdiagnose sprechen: Erfahrungen und Tipps

Der erste Schock einer Krebsdiagnose ist überwunden, der engste Familienkreis informiert, die Therapie in die Wege geleitet. Nun stellt sich die Frage, wie die Nachricht einer Krebserkrankung Angehörigen und Freunden am besten vermittelt werden kann. Zwar gibt es dafür kein Patentrezept. Doch kann man Rahmenbedingungen schaffen, um diese lebensverändernde Konfrontation ein wenig einfacher zu gestalten.

Was möchte ich preisgeben?

Frau legt Arm um die Schulter einer alten Frau
Quelle: © Peter Maszlen - Fotolia.com

Zuallererst sollte man sich die Frage stellen, inwieweit einzelne Personen ins Boot geholt werden sollen. Häufig hängt das davon ab, ob man sich selbst in der Beschützerrolle sieht, wie es bei Eltern gegenüber den eigenen Kindern oft der Fall ist. Wie es die ehemalige Brustkrebspatientin Anette O. allerdings formulierte: „Reden ist Gold, schweigen ist Blech“. Wer die Diagnose für sich behält, kann auch nicht mit Unterstützung rechnen. Wenigstens ein oder zwei nahe Vertraute sollte man informieren, um die Last nicht allein zu tragen. Zudem schafft jedes Gespräch den Raum, die eigenen Sorgen immer ein Stückchen kleiner werden zu lassen.

Viele Betroffene sind zwiegespalten, wie viel sie Kollegen und Vorgesetzten mitteilen sollen. Es ist nicht verpflichtend, den Arbeitgeber über die Krebserkrankung zu informieren. Offenheit kann aber zu mehr Verständnis für die besondere Situation und etwaige körperliche Veränderungen führen. Vielen ist es auf der anderen Seite lieber, Privates vom Beruflichen getrennt zu halten, um keinesfalls anders behandelt zu werden als gewohnt.

Wie sage ich es Freunden und Familie?

Nehmen Sie sich genügend Zeit. Häufig ist es besser, sich selbst bereit für das Gespräch zu fühlen, bevor man sich an sein vertrautes Umfeld wendet – insofern man das denn jemals sein kann. Die eigenen Sorgen und Ängste ebenfalls gleich mitzuteilen kann hilfreich sein, da es Klarheit schafft. Und wenn man schon sehr viel reflektiert hat, möglicherweise auch die eigenen Bedürfnisse an die anderen. Natürlich kommt es immer darauf an, an wen man sich wendet. Die eigenen Kinder möchte man schützen und behutsam mit der Krankheit vertraut machen, um keinesfalls Angst erzeugen.

Nie verkehrt ist eine ruhige Atmosphäre, um das Gespräch zu suchen. Zum einen bietet das die Möglichkeit, sich ungehemmt den aufsteigenden Gefühlen hingeben zu können, zum anderen wird die Situation dadurch nicht durch unterschiedlichste überfordernde Reize weiter belastet. Ein einleitender Satz à la „Es fällt mir nicht leicht, aber ich muss dir etwas sagen.“ kann ein wenig vorbereiten und als Gesprächseinstieg dienen. Bauen Sie dann behutsam das Gespräch auf, geben Sie eine Information nach der anderen preis. Wenn feststeht, dass die Erkrankung nicht lebensbedrohlich ist, kann es nicht schaden, diese Information gleich zu Anfang der Unterhaltung mitzuteilen. So wird keine unnötige Angst heraufbeschworen. Kleine Pausen beim weiteren Erzählen geben den Raum für Fragen.

Manche möchten, dass sich die Nachricht möglichst schnell von allein verbreitet, um selbst nicht öfter als unbedingt notwendig in die unangenehme und emotionale Situation zu geraten, das Gespräch wiederholen zu müssen. Wieder andere Menschen möchten nur ausgewählten Personen von der Krebserkrankung erzählen und deren Reaktion abfangen. Aber auch eine offene und direkte Kommunikation kann sich richtig anfühlen. Jutta J. fährt eine gerade Linie: „Denn meiner Meinung nach muss ich die anderen nicht vor der schrecklichen Wahrheit schützen, mir nicht Gedanken darüber machen, wie es die anderen wohl trifft, bedrückt und verzweifeln lässt. Es ist nicht die Zeit der Rücksichtnahme auf andere, sondern die Zeit der absoluten Rücksichtnahme auf sich selbst.“

Mit Kindern über Krebs reden – ein sensibler Fall

Schwester redet mit Patientin und Angehörigem
Quelle: © Gina Sanders - fotolia.com

Auch an Kindern geht nicht vorbei, dass sich etwas verändert hat. Das spüren sie an veränderten Stimmungen und Reaktionen. Umso wichtiger ist es, die Situation zu erklären, damit die Kinder diese wahrgenommenen Veränderungen nicht auf sich beziehen. Fachleute raten dazu, so früh wie möglich über die Erkrankung des Elternteils aufzuklären. „Sie hatten ja selber Angst – Angst um ihre Mutter. Dementsprechend haben wir uns entschlossen, offen mit ihnen zu reden. Sie haben diese Offenheit, dieses „Mit-einbezogen-sein“ auch regelrecht eingefordert und mir gleich am Anfang gesagt, dass sie sehr genau wissen, wie ernst die Krankheit ist.“, berichtet die ehemalige Brustkrebspatientin Elke P. Wer mit Kindern über die Krebserkrankung redet, sollte altersgemäße, aber aufrichtige Erklärungen verwenden. Einfache, bildhafte und anschauliche Erklärungen über die Krebserkrankung können durchaus aufgenommen und verarbeitet werden. Auch zur Behandlung können ein paar Worte gesagt werden, in etwa dass Mama oder Papa erschöpft sein können, aber dass die Ärzte alles tun, damit er bzw. sie wieder gesund wird. Vielleicht können Sie Ihr Kind auch mit altersgerechten Aufgaben einbinden, wie beispielsweise mal ein Glas Wasser zu holen. Ganz wichtig ist, dass das Kind auch über seine eigenen Sorgen spricht und Sie sich die Zeit nehmen, diesen zuzuhören.

Bei Kindern ist es außerdem schwer einschätzbar, was denn nun eine normale Reaktion auf die schlechte Nachricht ist. Grundsätzlich sollte vom üblichen Verhalten des Kindes ausgegangen und die Reaktionsstärke anhand dessen gemessen werden. Viele Kinder meistern die Situation gut. Treten jedoch schulische Verschlechterungen auf, verliert das Kind den Kontakt zu Freunden oder leidet unter Symptomen wie Schlafproblemen oder Appetitverlust sollten Sie wachsam werden. Zieht sich ein solches Verhalten länger als zwei Wochen hin, suchen Sie einen Arzt, Kinderpsychologen oder Sozialarbeiter auf.

Mögliche Wege

Wem das persönliche Gespräch zu schwer fällt, hat immer noch die Option den schriftlichen Weg zu wählen, sei es in Form eines Briefs oder einer E-Mail. Wieder andere möchten direkt nach der Diagnose zum Telefon greifen um schnellstmöglich Beistand zu bekommen. Aber auch zu einem späteren kann ein Telefongespräch den passenden Rahmen bieten, wenn man eine gewisse Distanz aufrechterhalten will, die auf diesem Weg allein durch die räumliche Trennung gewahrt wird.

Wenn Sie wissen, dass Ihr Gegenüber sehr emotional reagieren wird, kann das Mitteilen der Fakten, ähnlich wie sie einem selbst vom Arzt mitgeteilt wurden, eine gute Variante sein. Möglichen Fragen, die man selbst nicht beantworten kann, können so der Wind aus den Segeln genommen werden. Egal, was Sie erwartet: Spielen Sie die Situation nicht herunter, auch wenn Sie den anderen beruhigen wollen. Das verkompliziert später die Lage nur unnötig

Welche Reaktionen können erwartet werden und wie kann man damit umgehen?

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„Worüber wir heute noch manchmal sprechen, sind die Menschen um uns herum, die mit vielen Taten und Gesten halfen: Nachbarn, die für uns kochten, Verwandte, die zu Besuch kamen, Freunde, die anriefen. Es gab auch Menschen, die das nicht konnten, die sprachlos wurden, sich zurückzogen.“ So erzählt Beeke O. über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung ihrer Mutter.

Es kommt häufig vor, dass das Gegenüber von seinen eigenen Gefühlen überrollt wird. Weinen, Verleugnen und Schreien kann hier ebenso vorkommen wie zuvor bei der eigenen Reaktion. Andere wiederum sagen gar nichts, aus Angst, das Falsche zu sagen. Wieder andere reagieren konstruktiv und wollen am liebsten gleich einen Schlachtplan entwerfen. Fragen über Fragen können auftauchen, auf die Sie keine Antworten wissen. Manchmal verändert sich auch das Verhalten einiger Personen, denn es kann für das Gegenüber ein großes Unbehagen auslösen, über Krebs zu reden. Was nicht automatisch heißt, dass diese Menschen nicht für Sie da sein wollen.

Welche Reaktionen Sie aushalten wollen und welche Ihnen zu viel sind, muss klar kommuniziert werden. Bei aller Sorge um die Angehörigen sollten Sie am Ende nicht den Tröster spielen müssen. Gemeinsam trauern dagegen kann durchaus bei der Verarbeitung helfen.

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 05.09.2018

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Aktualisiert am: 18.09.2018 17:34