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Diagnose Krebs - Hilfe bei seelischen Belastungen

Frau hält sich Hände vor das Gesicht
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Die Diagnose Krebs stürzt viele Menschen unweigerlich in eine existentielle Krise. Von einem auf den anderen Tag ist nichts mehr so, wie es war. In der ersten Zeit befinden sich die Betroffenen meist in einem Schockzustand, dann kommen Verzweiflung und Wut. Schließlich beginnt ein langer Prozess der Bewältigung, in dem sich die Krebserkrankung mehr und mehr zur gelebten Realität entwickelt.

Dieser Weg der Krankheitsbewältigung ist ein ganz individueller Weg. Manche Menschen schaffen es aus eigener Kraft, in dieser traumatischen Situation eine neue Lebensperspektive entstehen zu lassen. Der Glaube kann dabei helfen oder auch der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Menschen haben unterschiedliche Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können. Nicht selten sind sie selbst überrascht, welche Kraft in ihnen steckt. Viele Krebspatienten begreifen ihre Erkrankung mit einem gewissen Abstand als Chance, das eigene Leben zu entrümpeln und sich auf das zu konzentrieren, was ihnen wirklich wichtig ist.

Neue Lebensperspektiven

Ärztin hält Hand der Patientin
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Eine psychoonkologische Beratung kann Krebskranken helfen, vorhandene Ressourcen zu mobilisieren und eine neue Orientierung zu finden. Viele Patienten wünschen sich eine solche Unterstützung, und auch Mediziner fordern seit langem, dass psychoonkologische Angebote zum ganzheitlichen Therapieplan bei Krebs dazu gehören müssen.

Angebote zu machen ist ein wichtiger Bestandteil einer psychoonkologischen Beratung. Der Patient entscheidet, welche dieser Angebote ihn bei der Krankheitsbewältigung tatsächlich voranbringen können. Manchen hilft zum Beispiel das Singen: Unter professioneller Anleitung lassen sich mit Musik ganz unterschiedliche Emotionen freisetzen und durchleben – Trauer, Wut und Angst, aber auch Freude und Zuversicht. Andere Patienten profitieren vielleicht eher von einer meditativen Technik wie Yoga oder Qigong, und wieder andere möchten einfach nur reden. Das gilt es, bei jedem einzelnen Patienten herauszufinden. 

Psychoonkologie im Blickpunkt

Weg in grüner Landschaft
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Dass Körper und Seele zusammengehören, wurde von bedeutenden Medizinern aller Jahrhunderte nachdrücklich betont. Jetzt rückt dieser Aspekt auch in der modernen Medizin wieder stärker in den Blickwinkel. Davon zeugt auch die Tatsache, dass die psychoonkologische Begleitung beim diesjährigen Deutschen Krebskongress 2014 ein Schwerpunktthema war. (1) In der Fachwelt herrscht Einigkeit darüber, dass die psychoonkologischen Versorgungsstrukturen vor allem im ambulanten Bereich dringend verbessert werden müssen .

In den Kliniken hingegen hat sich bei der psychoonkologischen Versorgung in den vergangenen Jahren schon viel getan: Eine psychoonkologische Beratung und Begleitung durch professionelle Helfer wird heute in vielen onkologischen Akut- und Nachsorgekliniken angeboten. Nach den Zertifizierungskriterien der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft für Onkologische Spitzenzentren, Onkologische Zentren und Organkrebszentren muss in diesen Zentren eine psychoonkologische Versorgung gewährleistet sein. Diese Beratung ist in der Regel für alle Patienten und Angehörige kostenfrei. Auch im Rahmen von Reha-Maßnahmen können Patienten psychosoziale Hilfe bekommen.

Wenn Sie darüber hinaus Unterstützung durch eine psychoonkologische Beratung oder Therapie wünschen, dann sprechen Sie Ihren Arzt gezielt darauf an und erkundigen Sie sich, welche Möglichkeiten es gibt und wo Sie sich hinwenden können. Um Betroffenen die Suche nach einem Therapeuten zu erleichtern, hat der Krebsinformationsdienst ein Adressverzeichnis zusammengestellt. Hier finden Sie niedergelassene Therapeuten und Mitarbeiter in Klinikambulanzen, deren Ausbildung den Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) entspricht.

Die Kosten, die bei einer ambulanten Psychotherapie entstehen, können unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse übernommen werden. Eine kostenlose psycho-soziale Beratung wird von vielen Landeskrebsgesellschaften angeboten. Die Adressen der Beratungsstellen finden Sie hier mit einem Klick auf das jeweilige Bundesland.

Entspannungstechniken lernen

Aufgrund der medizinischen Fortschritte wandelt sich Krebs zunehmend zu einer chronischen Erkrankung: Immer mehr Menschen leben immer länger mit dieser Diagnose und stehen vor der großen Herausforderung, eine Lebensperspektive zu entwickeln, die nicht von Angst, sondern im besten Fall von Hoffnung getragen ist. Manche Menschen kommen aus eigener Kraft mit der Herausforderung einer chronischen Erkrankung zurecht. Andere wiederum brauchen hier Unterstützung. Auch hier können psychoonkologische Angebote gute Dienste leisten.

Viele Patienten profitieren von Entspannungstechniken, die sie unter professioneller Anleitung erlernen. Sie werden oft begleitend zu einer Chemotherapie durchgeführt und helfen nachweislich, Nebenwirkungen wie Angst und Übelkeit zu reduzieren und die Lebensqualität allgemein zu verbessern (3). Zum Einsatz kommen vor allem Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelrelaxion (PMR) nach Jacobsen, Autogenes Training, Yoga oder Meditation. Aber auch andere Verfahren können sinnvoll sein. Die Grundlagen dieser Techniken lassen sich auch alleine erlernen – beispielsweise anhand eines Buches oder einer CD.

Hilfe gegen Angst und Depression

Frau in Yogasitz
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Angst ist ein zentrales Thema der Psychoonkologie. (3) Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung, vor Schmerzen und vor dem Tod. Angst, nur noch als Kranker wahrgenommen zu werden, nicht mehr geliebt und begehrt zu werden. Aber auch Angst vor dem Alltag, dem sich Krebskranke oft nicht gewachsen fühlen. Starke Ängste haben laut Erhebungen rund die Hälfte aller Krebspatienten (3, 5, 6). Bis zu 60 Prozent der in Studien befragten Patienten galten als depressiv und niedergeschlagen, wobei oft gleichzeitig eine starke Ängstlichkeit bestand. (3, 7, 8). Angst und Depression können ein solches Ausmaß annehmen, dass sie die Diagnosekriterien einer psychischen Erkrankung erfüllen. Solche manifesten Angststörungen liegen bei rund 10 Prozent aller Krebspatienten vor. In derselben Größenordnung bewegen sich so genannte „affektive“ Störungen wie Depressionen (3, 4).In diesen Fällen ist eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt. Auch das zu erkennen, ist eine Aufgabe der Psychoonkologie.

Im besten Fall greift die Psychoonkologie allerdings bereits früher und verhindert durch differenzierte Angebote, dass Krebskranke in Angst und Depression verfallen. Entspannungstechniken können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Auch eine Musiktherapie kann dazu beitragen, die Angst in den Griff zu bekommen und die Lebensqualität zu erhöhen – zumindest kurzfristig. Gleiches gilt für eine Kunsttherapie (3). 

Leitlinie schafft Standards

Frau und Mann umarmen sich
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Um die Basis für eine qualitätsgesicherte psychoonkologische Behandlung zu schaffen, ist kürzlich eine Leitlinie für medizinisches Fachpersonal erschienen. (3) Darin geben renommierte Experten Empfehlungen dazu ab, wie man die individuellen Bedürfnisse der Patienten erkennen und ihnen gerecht werden kann. Diese Leitlinie ist ein Meilensein und könnte auch dazu beitragen, die Krankenkassen von der Notwendigkeit zu überzeugen, Kosten für entsprechende psychoonkologische Leistungen zu übernehmen.

Aber nicht nur Krebskranke, auch ihre Angehörigen brauchen Unterstützung. (9) Erhöhte Angstwerte sind bei über 40 Prozent der Lebenspartner von Krebskranken zu finden. Manche Krebskranke neigen dazu, sich zu verschließen und möchten nicht über ihre Erkrankung sprechen - laut Aussage der Partner ist das bei jedem sechsten Paar der Fall. Diese mangelnde Kommunikation schürt Ängste – und zwar in der Regel mehr, als die Konfrontation mit den Realitäten zur Folge hätte (10).
Es kann also sinnvoll sein, bei der psychoonkologischen Beratung die Angehörigen mit einzubeziehen. Auch das muss individuell entschieden werden.

Verschließen und Verdrängen sind psychische Strategien, die Energie und Kraft kosten. Das spüren viele Menschen erst, wenn es ihnen gelingt sich zu öffnen. Ein offener Umgang mit der Erkrankung kann sich entlastend auswirken, wobei speziell auch der Austausch mit Menschen, denen es ähnlich geht, für Krebskranke und ihre Angehörigen sehr hilfreich sein kann.

(vieg)

Experteninterview zum Thema

Prof. Anja Mehnert © privat

Welche Belastungen machen der Psyche von Krebspatienten am meisten zu schaffen? Wie finden Patienten ein passendes psychoonkolisches Angebot oder einen Therapeuten? Und welche Rolle spielt das soziale Umfeld bei der Bewältigung einer Krebserkrankung?

Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. phil. Anja Mehnert, Leiterin der Sektion Psychosoziale Onkologie am Universitätsklinikum Leipzig. Sie ist auch im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft e. V.

Hilfreiche Links:

Literaturliste zum Thema Psychotherapie von INKAnet.de
http://www.inkanet.de/leben-mit-krebs/body-soul/kunsttherapie-buecher-broschueren

Adressverzeichnis Psychoonkologen des Krebsinformationsdienstes:
http://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/adressen/psychoonkologen.php

Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen – mehr dazu in unserem Schwerpunktthema
http://www.krebsgesellschaft.de/ip_pat_tdm_201311-selbsthilfe-artikel,237538.html

Onlineprogramm „Stress aktiv mindern“ – STREAM
http://www.stress-aktiv-mindern.ch/

STREAM ist ein achtwöchiges Onlineprogramm, das anhand von Informationen, Übungen und spezifischen Anleitungen Bewältigungsmöglichkeiten im Umgang mit einer Krebserkrankung aufzeigt.
Daran teilnehmen können Patienten aus dem gesamten deutschen Sprachraum, die erstmalig an einer Krebserkrankung leiden, minimale Internetkenntnisse haben und mindestens 18 Jahre alt sind. Zudem sollte der Beginn der Krebsbehandlung nicht länger als acht Wochen zurückliegen. Die Teilnehmer werden über E-Mail von Psychologen aus dem Studienteam begleitet. STREAM ist ein Angebot von Psychologinnen und Onkologinnen des Universitätsspitals Basel in Zusammenarbeit mit den Universitäten Basel und Bern.


Quellen:

(1) 31. Deutscher Krebskongress 2014. Hauptpressekonferenz: Belastungen erforschen, Abhilfe schaffen - Zum Stand der psychosozialen Onkologie in Deutschland

(2) Herbert Kappauf: Wunder sind möglich - Spontanheilung bei Krebs, Kreuz Verlag 2011

(3) S3-Leitlinie: Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten 2014, http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/032-051OL.html

(4) Vehling S et al.: Prävalenz affektiver und Angststörungen bei Krebs: Systematischer Literaturreview und Metaanalyse. PPmP 2012; 62(07): 249-258

(5) Burgess C et al: Depression and anxiety in women with early breast cancer: five year observational cohort study. BMJ 2005; 330(7493):702

(6) Roy-Byrne PP et al.:Anxiety disorders and comorbid medical illness. Gen Hosp Psychiatry 2008;30(3):208-225

(7) Massie MJ: Prevalence of depression in partients with cancer. JNatlCacerInstMongraphs 2004;(32): 57-71

(8) Pirl WF: Evidence report on the occurrence, assessment an treatment of pepression in cancer patients. J Natl Cancer Inst Monographs 2004; (32): 32-39

(9) Sklenarova H et al.: Dyadic communication and distress in cancer patients and their caregivers.
Symposium: PsychoonkologischeVersorgung – State ofthe Art

(10) Dyadische Kommunikation und Belastungen bei Patienten mit
Krebs und deren Angehörigen. Schriftliches Statement von Dipl. Psych. Mechthild Hartmann, Universitätsklinikum Heidelberg im Rahmen der Pressekonferenz „Belastungen erforschen, Abhilfe schaffen - Zum Stand der psychosozialen Onkologie in Deutschland“beim Deutschen Krebskongress am 20.02.2014.

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 10.09.2014

Weitere Informationen zum Thema:

Aktualisiert am: 25.08.2016 09:52