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E-Zigarette – Ein guter Ansatz zur Tabakentwöhnung?

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Die E-Zigarette hat in den letzten Jahren als Maßnahme, die bei der Raucherentwöhnung unterstützend wirken könnte, wirtschaftlich und medial an Bedeutung gewonnen. Aber ist die Umstellung auf eine E-Zigarette tatsächlich weniger schädliche Alternative, wie so häufig u.a. von Anbietern beworben? Kann sie bei der Entwöhnung helfen oder stellt sie eher eine Gefahr für einen Einstieg zum Tabakkonsum und für die Gesundheit dar? Im Februar 2020 kamen bei der European Conference on Tobacco or Health (ECToH) in Berlin internationale Experten zusammen, um unter anderem über diese Fragen zu diskutieren.

 

Die Auswirkungen des Rauchens sind seit langem bekannt: 13,5 Prozent aller Todesfälle können auf den Tabakkonsum zurückgeführt werden. Rauchen ist der Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs und bedingt vier von fünf Lungenkrebstodesfällen.

Eine Erhebung im Jahr 2013 ergab, dass in Deutschland etwa ein Viertel der Bevölkerung, genauer rund 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen im Alter von über 18 Jahren, Tabak raucht. Unter den 12- bis 17-Jährigen rauchen ca. 12 Prozent, wobei es in dieser Altersklasse kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der täglich Rauchenden, so dass starkes Rauchen am häufigsten unter den älteren Altersgruppen verbreitet ist.

Im europäischen Vergleich der Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums befindet sich Deutschland seit Jahren auf den hintersten Rängen. Auf einem Symposium im Rahmen der ECToH verdeutliche Dr. Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) dies anhand der aktuellen Zahlen für Deutschland. An den Folgen des Rauchens sterben jährlich rund 121.000 Menschen, obwohl der Zigarettenabsatz seit Jahren rückläufig ist. Die Lebenserwartung verringert sich durch das Rauchen von mehr als zehn Zigaretten am Tag im Schnitt um schätzungsweise zehn Jahre.

E-Zigaretten als beliebtes Lifestyle-Produkt?

Vielen Konsument*innen von Tabakprodukten ist das Gesundheitsrisiko des Tabakrauchens bewusst, so dass sie mit dem Rauchen aufhören möchten. Hier hat die E-Zigarette in den letzten Jahren viele Hoffnungen geschürt. Mit einem Umsatz von 400 Mio. € im Jahr 2018 in Deutschland ist die E-Zigarette wirtschaftlich für viele Anbieter verlockend. Schätzungen zufolge wird sie bereits von 1,7 bis 2 Prozent der deutschen Bevölkerung genutzt und die Tendenz ist steigend. Dies fördern die Hersteller, indem sie die E-Zigarette zunehmend als Lifestyle-Produkt bewerben. So hat sich die Optik beispielsweise mit der Zeit verändert: vom nachgeahmten Glimmstängel hin zum modischen High-Tech-Gerät.

Prinzip und Inhaltsstoffe

Bei den E-Zigaretten wird über eine elektrisch betriebene Heizspirale ein Liquid, d.h. eine Lösung bestehend aus Glycerin, Propylenglykol, Wasser und häufig Aromen und Nikotin, verdampft. Die Vielfalt der aromatischen Inhaltsstoffe der Liquids ist groß. Durch das Verdampfen entsteht ein Aerosol, welches inhaliert wird. Anders als beim Rauchen findet beim sogenannten Dampfen also keine Verbrennung statt. Genau durch diese Verbrennung bei hohen Temperaturen entstehen beim Tabakrauchen viele Giftstoffe. Die Verwendung einer E-Zigarette kann mit oder ohne den Zusatz von Nikotin erfolgen. Viele der erhältlichen Liquids sind nikotinfrei und Konsument*innen können diese dann mit separat erworbenem Nikotin kombinieren. Dadurch ist die Nikotinmenge in selbsthergestellten Gemischen variabel. Während der gesetzliche Nikotingrenzwert in den Liquids in der EU bei 20 mg/ml liegt, sind in den USA 50 mg/ml erlaubt.

Bestimmte Zusatzstoffe wie Aromen mit toxischen, karzinogenen, mutagenen oder reproduktionstoxischen Eigenschaften sind allerdings in nikotinhaltigen Liquids verboten. Ebenfalls dürfen keine stimulierenden Substanzen wie Koffein und Taurin oder Stoffe wie Vitamine, die einen gesundheitlichen Nutzen vortäuschen, zugesetzt werden.

Todesfälle in der USA: Gefahr durch Zusatzstoffe?

Die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen, die der Zusatz von weiteren Stoffen haben könnte, wurde im Sommer 2019 deutlich: Hier kam es durch eine neuartige Lungenkrankheit zu Todesfällen von vor allem jungen Menschen in den USA. Die Betroffenen waren Konsumenten von E-Zigaretten und hatten ihren Liquids teilweise Tetrahydrocannabinol (THC) zugesetzt. Hier könnte, nach derzeitigem Erkenntnisstand, ein Zusammenhang bestehen. Andere Vermutungen gehen davon aus, dass das in Cannabis-Produkten als Verdicker enthaltene Vitamin-E-Acetat eine mögliche Ursache für die aufgetretenen Gesundheitsschäden und Todesfälle sein könnte.

Sind E-Zigaretten die gesündere Alternative?

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Die Menge der im Aerosol gebildeten Schadstoffe sind bei E-Zigaretten im Vergleich zu Tabakzigaretten in der Regel geringer, weshalb sie gemeinhin als weniger gesundheitsschädlich wahrgenommen werden. Unter bestimmten Bedingungen werden jedoch für einzelne Stoffe ähnlich hohe wie im Tabakrauch oder womöglich höhere Konzentrationen erreicht. Deshalb ist das geringere Risiko für die Gesundheit durch E-Zigaretten bisher umstritten. Das britische Gesundheitsministerium spricht von einer 95-prozentigen gesundheitlichen Risikoreduktion durch die Verwendung von E-Zigaretten im Vergleich zu Zigaretten. Charlotta Pisinger, Professorin für Tabakprävention an der Universität Kopenhagen, zweifelte den wissenschaftlichen Beweis dieser Zahl in ihrem Vortrag im Rahmen der ECToH allerdings an. Sie kritisierte die Einschätzung des britischen Gesundheitsministeriums und legte dar, dass selbst die Autoren der 2014 veröffentlichten Studie, auf der diese Einschätzung beruht, die Studienlage als nicht ausreichend beurteilten.

Mögliche Risiken der E-Zigaretten

Wie die Kritiker der E-Zigaretten anführen, kann das Aerosol, das in Abhängigkeit vom Modell, vom verwendeten Liquid und vom Nutzerverhalten entsteht, neben den genannten potentiellen Gefährdungen durch Zusatzstoffe auch krebserregende und giftige Stoffe wie bspw. Formaldehyd enthalten – wobei es hier starke Unterschiede geben kann. Wie beim Rauchen dringen die im Aerosol enthaltenen Partikel auch beim Dampfen von E-Zigaretten in die Lunge ein. Demnach können bei E-Zigaretten auch dann schädliche Substanzen entstehen, wenn auf die Verwendung von Nikotin verzichtet wird. Das ist vielen Konsument*innen nicht bewusst.

Prof. Friedrich Wiebel, Eching, vom Ärztlichen Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit e.V. fasste in seinem Vortrag bei der ECToH zusammen, dass der schädliche Effekt von E-Zigaretten auf das Herz-Kreislauf-, das respiratorische und das angeborene Immunsystem verglichen mit konventionellen Zigaretten etwa halb so groß ist. Sie sind also nach derzeitigem Wissensstand weniger schädlich, aber eben keinesfalls unschädlich.

Abgesehen davon gibt es Berichte über Unfälle durch Geräte minderer Qualität, deren Akkus sich bis zur Explosion erhitzen. Wenn billige Akkus eingebaut werden oder keine Schutzschaltung vorhanden ist, stellt nicht das eigentliche Dampfen, sondern das Gerät an sich eine Gefahr dar.

Die Produktvielfalt erschwert die Einschätzung

Die Bandbreite der Geräte und Liquids macht eine allgemeine Beurteilung des gesundheitlichen Risikos von E-Zigaretten schwierig. Die stattfindenden chemischen Reaktionen sind auch von der Temperatur des Verdampfers abhängig. Ebenso variiert der Übergang von Metallen in das Aerosol je nach Gerät. Bisher ist es unklar, wieviel Nikotin in einem Zug enthalten ist, da es an Normen fehlt. Messungen sind kaum umsetzbar, da viele Nutzer*innen ihre Liquids selbst zusammenmischen.

Aktuelle Studienlage: Langzeitdaten fehlen

Prof. Pisinger fasste die bisherige Studienlage wie folgt zusammen: Die Ergebnisse zum Gesundheitsrisiko von E-Zigaretten sind widersprüchlich und Langzeitdaten fehlen weiterhin. Tierexperimente deuten auf ein erhöhtes Risiko für Lungen- und Blasenkrebs durch E-Zigaretten hin. Eine großangelegte wissenschaftliche Untersuchung verschiedener Einzelstudien kam zu dem Ergebnis, dass es durch den Konsum von E-Zigaretten eher zu einem potentiellen Schaden für das Herz-Kreislauf-System kommen kann. Ein weiteres Problem sind bestehende Interessenskonflikte durch bspw. finanzielle Unterstützung durchgeführter Studien seitens der Tabakindustrie.

Ungefähr ein Drittel der Studien zum potentiellen Schaden durch E-Zigaretten weist laut Prof. Pisinger einen Interessenkonflikt mit der Tabakindustrie auf. Von diesen Studien wiederum zeigen 85 Prozent, dass kein erhöhtes gesundheitliches Risiko durch E-Zigaretten besteht. Bei Studien, die keinen Interessenskonflikt mit der Tabakindustrie aufgeführt haben, fällt das Urteil über E-Zigaretten anders aus: Die Einschätzung des gesundheitlichen Schadens liegt dann bei 95 Prozent.

Tabakentwöhnung durch E-Zigaretten sinnvoll?

zerbrochene Zigarette, Quelle: © rangizzz - fotolia.com
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In Leitlinien, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und Ärzt*innen Behandlungsempfehlungen geben sollen, werden E-Zigaretten bisher nicht zur Tabakentwöhnung empfohlen. Als leitliniengerechte Hilfsmittel gelten eine Verhaltenstherapie oder Nikotinersatzprodukte.

Wenn allerdings Raucher*innen mit diesem Mitteln nicht erfolgreich waren, können E-Zigaretten, laut einer Stellungnahme des DKFZ, „eine weniger schädliche Alternative zum Rauchen sein“. Wichtig dabei ist, dass der Umstieg vollständig erfolgen sollte. Ein häufiges Problem bleibt nämlich der duale Konsum, d.h. die Raucher*innen nutzen die E-Zigarette eher als Ergänzung und nicht als Ersatzprodukt.

Prof. Wiebel schließt sich der Stellungnahme der DKFZ an: Wer mit dem Rauchen aufhören will, sollte leitliniengestützte Maßnahmen anwenden und erst bei Versagen der konventionellen Methoden ggf. auf eine E-Zigarette umsteigen.

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP) schlussfolgerte demgegenüber in einer Pressemitteilung 2019, dass E-Zigaretten kein geeignetes Hilfsmittel zur Raucherentwöhnung sind. Der langfristige Nutzen bei der Entwöhnung ist nach Meinung der Experten noch nicht belegt. Die europäische Gesellschaft der Pneumologen mahnte ebenfalls: Die Gefahren der E-Zigarette dürften nicht verharmlost werden.

Welche Rolle spielt das Passivrauchen?

Ein weiterer, viel diskutierter Punkt ist die Gefährdung durch das Passivdampfen, da das Ausmaß der Belastung derzeit unbekannt ist. Expert*innen gehen davon aus, dass die Emission von Schadstoffen geringer ist als bei Tabakzigaretten. Dennoch können auch die E-Zigaretten die Gesundheit Dritter gefährden, da bei ihnen durch das Aerosol ebenfalls Atemwegsbeschwerden verursacht werden können.

Gefährden E-Zigaretten Jugendliche?

Eine häufig geäußerte Befürchtung ist, dass junge Menschen aufgrund der Bewerbung als Lifestyle-Produkt mit der E-Zigarette einsteigen und dann auf Tabakzigaretten umsteigen. Als problematisch gelten vor allem die Werbemaßnahmen für E-Zigaretten, die häufig junge Menschen zeigen, sowie das moderne Design vieler Geräte. Ebenso haben die Liquids teils sehr trendige Namen und enthalten süß schmeckende Aromazusätze, die bei jüngeren Menschen gut ankommen.

In den USA war ein entsprechender Anstieg an jugendlichen Dampfern zu beobachten, die zuvor nicht geraucht hatten. Daten aus Großbritannien bestätigen diesen Zuwachs nicht. Aktuelle Zahlen für Deutschland liegen derzeit nicht vor.

Fazit

Durch die Verwendung vieler unterschiedlicher Systeme (Geräte, Temperaturen, Liquids etc.) lassen sich E-Zigaretten kaum vergleichen und einheitlich beurteilen. Gegenwärtig sind sie bei vielen Verbänden und medizinischen Fachgesellschaften kein empfohlenes Mittel zur Rauchentwöhnung. Auch die medizinischen Leitlinien empfehlen zur Tabakentwöhnung Verhaltenstherapie oder Nikotinersatzprodukte. Die langfristigen Folgen und Gefahren der E-Zigaretten sind weiterhin nicht bekannt und der Vorteil ihres Konsums ist vermutlich weniger groß als von verschiedenen Seiten behauptet.

(akm)

 

Literatur:

  1. Vortragsreihe: status of tobacco control in Europe. European Conference on Tobacco or Health (ECToH), Berlin. 02.2020
  2. Vortragsreihe: New tobacco products and their consequences on health. European Conference on Tobacco or Health (ECToH), Berlin. 21.02.2020
  3. Osterath B. Dampfen statt rauchen; Nachrichten aus der Chemie, 68, Februar 2020
  4. https://www.abnr.de/tabakpraevention/daten-fuer-deutschland/rauchen-bei-erwachsenen/
  5. https://www.abnr.de/tabakpraevention/daten-fuer-deutschland/durch-rauchen-bedingte-todesfaelle-in-folge-von-lungenkrebs/
  6. Positionspapier des Aktionsbündnis Nichrrauchen e.V. zu E-Zigaretten (https://www.abnr.de/publikationen/positionspapiere-des-abnr/)
  7. Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.) E-Zigaretten. Fakten zum Rauchen, Heidelberg, 2018 (https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/Fakten_zum_Rauchen.html)
  8. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. Pressemitteilung. Deutsche und europäische Pneumologen warnen vor E-Zigaretten. 2019
  9. Tobacco Control Scale. Pressemitteilung. United Kingdom, France and Ireland top new European ranking on tobacco control, while Germany, Switzerland and Luxembourg are at the bottom. Top score (UK) is twice as high as lowest one (Germany). 2020 (https://www.tobaccocontrolscale.org/wp-content/uploads/2020/02/tobacco-control-scale-2019-PR.pdf)
  10. Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.) Rauchen und Lungenerkrankungen. Fakten zum Rauchen, Heidelberg, 2019 (https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/FzR/FzR_2019_Rauchen-und-Lungenerkrankungen.pdf)
  11. Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.) E-Zigaretten: Konsumverhalten in Deutschland 2014–2016. Aus der Wissenschaft – für die Politik, Heidelberg, 2016 (https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/AdWfP/AdWfdP_2016_E-Zigaretten-Konsumverhalten-in-Deutschland.pdf)

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 26.03.2020

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