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Sexualität nach einer Krebserkrankung

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Sexualität ist einer der intimsten Lebensaspekte überhaupt. Obwohl heutzutage im öffentlichen Umgang mit diesem Thema eine große Freizügigkeit herrscht, sieht die Lebenswirklichkeit doch manchmal anders aus: Viele Menschen empfinden eine mehr oder weniger ausgeprägte Scheu und tun sich schwer, offen ihre sexuellen Wünsche oder eventuelle Probleme anzusprechen.

Sich selbst - auch mit den ganz normalen Unzulänglichkeiten - anzunehmen und im eigenen Körper wohl zu fühlen, das ist die Basis für erfüllten Sex. Und genau das fällt vielen Menschen schwer. Vor allem Frauen sind oft hyperkritisch, wenn es um ihren Körper geht. Selbstzweifel und die Angst, nicht zu genügen, sind keine Seltenheit.

Vor diesem Hintergrund kann die Wahrnehmung der eigenen Attraktivität durch eine Krebserkrankung zutiefst erschüttert werden. Das ist besonders bei einer Brustamputation im Rahmen einer Brustkrebsbehandlung der Fall. Aber auch Krebserkrankungen, welche das Aussehen nicht so einschneidend verändern, bringen Selbstbild und Selbstwertgefühl aus der Balance. Und das kann die Sexualität stark beeinträchtigen.

Nicht er, sondern ich

„Ich dachte, mein Mann will mich so nicht sehen und entzog mich seinen Blicken und Berührungen, dabei hat er sich immer sehr liebevoll verhalten“, erzählt eine Krebspatientin ein Jahr, nachdem ihr die rechte Brust abgenommen werden musste. Heute weiß sie, dass sie ihre eigene Unfähigkeit, sich anzunehmen, auf ihren Mann projiziert hat. „Ich konnte mich selbst nicht ansehen - die Operationsnarbe, die fehlende Brust - und habe das irgendwie auf meinen Mann geschoben. Erst lange Zeit später habe ich begriffen, dass mein Mann mich immer noch liebt.“ (1)

Eine Vielzahl körperlicher Aspekte kann dazu beitragen, dass Menschen nach einer Krebserkrankung ihre Sexualität als problematisch erleben. Sehr belastende Veränderungen der körperlichen Integrität sind - neben einer Brustamputation - der Verlust einer Extremität oder ein künstlicher Darmausgang. Solche Eingriffe können heftige Gefühlsreaktionen wie Scham oder sogar Ekel auslösen, und es ist oft ein langer Weg, bis sich die Betroffenen mit ihrer Versehrtheit aussöhnen können.

Verletzungen an Körper und Seele

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Krebsschmerzen können die Sexualität ebenfalls stark beeinträchtigen. Wenn das so ist, sollte überprüft werden, ob die schmerztherapeutischen Möglichkeiten voll ausgeschöpft worden sind. Manchmal ist auch der Sex selbst mit Schmerzen verbunden. Vernarbungen nach operativen Eingriffen im Beckenbereich können dafür verantwortlich sein oder auch eine trockene Vagina infolge Chemo- oder antihormoneller Therapie. Für das sexuelle Erleben bedeutsame Hormone und Nerven können sowohl durch die Tumorerkrankung als auch durch die Behandlung in Mitleidenschaft gezogen werden. Allgemeine körperliche Schwäche sowie das Fatigue-Syndrom - ein komplexes Müdigkeitssyndrom, unter dem viele Krebspatienten leiden - sind weitere Aspekte, welche die Lust auf Sex mindern und zu Partnerschaftsproblemen führen können.

In jedem Fall stellt die Krebserkrankung eine tiefe seelische Verletzung dar. Selbstzweifel, die Angst, nicht zu genügen bzw. zu versagen, aber auch sonstige Ängste sowie depressive Verstimmungen können bei sexuellen Problemen eine Rolle spielen.

Hinzu kommt, dass nicht nur der Krebskranke selbst, sondern auch der Partner bzw. die Partnerin lernen muss, mit der neuen Situation umzugehen. Wie das Beispiel der brustamputierten Patientin zeigt, haben viele Menschen das Glück, einen verständnisvollen, einfühlsamen Partner an ihrer Seite zu haben. Dann besteht die Chance, gemeinsam zu einer vielleicht neuen Form der Sexualität zu finden, die für beide erfüllend ist.

Aber auch das Scheitern kommt vor. Sex kann eine Rolle spielen, wenn Paarbeziehungen an einer Krebserkrankung zerbrechen. Auch wenn der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind durch die Krankheit zunichte gemacht wird, stellt das eine Beziehung auf eine harte Probe. Oder es hat vorher schon gekriselt, und die intensive Auseinandersetzung, die durch den Krebs ausgelöst wird, bringt die Probleme erst an die Oberfläche.

Was kann sich verändern? Mögliche Problemfälle – und Lösungsansätze

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Dass das Sexualleben während und nach einer Krebserkrankung anders abläuft und Irritationen auftreten, kann vielerlei Gründe haben. Probleme können auf körperliche, aber auch seelische Ursachen haben. Dass nach der Diagnose Krebs erst einmal andere Dinge viel präsenter sind als Sexualität, ist klar. Durch die Therapie hervorgerufene chronische Müdigkeit, Fatigue, Schmerzen und seelische Belastungen nehmen die volle Aufmerksamkeit und sämtliche Kraftreserven in Beschlag. Doch mit der Zeit stellt sich in den allermeisten Fällen die Lust auf Sex wieder ein. 

Veränderte Körperwahrnehmung
Die eigene Körperwahrnehmung verändert sich, wenn eine Krebserkrankung Spuren hinterlässt. Als Folge von Operationen im Beckenbereich kann beispielsweise ein künstlicher Darmausgang vonnöten sein. Aber auch Haarausfall, durch Hormoneinflüsse veränderte sekundäre Geschlechtsmerkmale sowie Körperbehaarung, Muskulatur und auch Fettverteilung haben Einfluss auf das Körperbild. Vermutlich wird es auch nicht gelingen, von heute auf morgen einen guten Umgang damit zu finden und mit neuer, gestärkter Wahrnehmung weiter zu machen. Am wichtigsten ist daher einfach Zeit und Geduld. Natürlich bedeutet das nicht, dass solange auf Sex verzichtet werden muss. Angefangen bei gedämpftem Licht bis hin zu Stellungen, die Unsicherheiten kaschieren, lassen sich Wege finden, um sich dennoch im intimen Rahmen wohl zu fühlen. Dass Anziehung außerdem nicht nur auf Äußerlichkeiten beruht, sollte man ebenfalls nicht aus den Augen verlieren. Und ganz wichtig: Tun Sie Ihrem Körper etwas Gutes! Indem sie sich mit Saunen, Bädern oder Massagen verwöhnen oder sich sportlich die Zeit vertreiben wird das eigene Körpergefühl wieder gestärkt und Sexualität lässt sich selbstbewusster ausleben.

Gerade in Beziehungen gibt es einige Möglichkeiten, die Lustlosigkeit gemeinsam anzugehen. In das Repertoire fällt zuallererst das Miteinanderreden, aber auch das Teilen von erotischen Phantasien, Partnermassagen, die Selbststimulierung oder auch Hormonbehandlungen können Abhilfe schaffen.

Auch erogene Zonen können beeinträchtigt werden. Ursache dafür sind häufig geschädigte Nerven infolge einer Operation oder Bestrahlungen im Beckenbereich. Die Haut ist dann vorübergehend gereizt oder es stellt sich ein Taubheitsgefühl an beliebigen Körperstellen ein. Der Körper muss dann langsam neu entdeckt werden. Das kann zusammen Spaß machen, denn es gibt kaum eine Körperstelle, die nicht auf Berührungen reagiert!

Harninkontinenz und Schmerzen
Als sehr unangenehm wird auch die vorübergehende Harninkontinenz wahrgenommen. Neben den angegriffenen Nervenbahnen liegt hierfür der Grund vor allem beim geschwächten Schließmuskel in Folge einer Katheterisierung. Auch die in Mitleidenschaft gezogene Beckenbodenmuskulatur muss erst wieder neu trainiert werden. Es lohnt sich jedoch, etwas geduldig zu sein, denn unfreiwilliger Harnabgang ist meistens nur vorrübergehend ein Problem. Ein gutes Beckenbodentraining inklusive Schließmuskeltraining ist sehr hilfreich und der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Auch die Blase regelmäßig zu entleeren, vor allem unmittelbar vor dem Geschlechtsverkehr, ist ratsam, auch wenn kein Harndrang wahrgenommen wird.

Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs können natürlich zuallererst das Interesse daran mindern. Niemand macht etwas gern, das weh tut. Warten Sie nach einer Operation so lange mit dem Sex, bis alle Wunden verheilt sind. Das kann zwischen sechs und acht Wochen dauern. Narben sollten außerdem nicht überdehnt werden, also am besten keine impulsiven Verrenkungen! Sie können durch entsprechende Pflegecremes behandelt und sanft ausgestrichen werden. Auch Gynmnastik, Entspannungstraining und Massagen können helfen, das Allgemeinbefinden zu verbessern und die medikamentöse Schmerztherapie ergänzen.

Neues ausprobieren

Reden kann helfen. Nicht selten existiert beim Thema Sexualität eine gewisse Sprachlosigkeit. Die Krebserkrankung kann eine Chance sein, dass Paare sich mehr austauschen. Andererseits birgt zu viel Reden vielleicht die Gefahr, dass sich der Kopf beim Sex nicht mehr „ausschalten“ lässt. Die Partner sollten versuchen, sich nicht unter Druck zu setzen. Krebs ist ein tiefgreifender Einschnitt mit Auswirkungen in viele Lebensbereiche, und es braucht viel Geduld und Sensibilität, um sich neu zu orientieren - auch in der Sexualität.

Zärtlichkeit und Geborgenheit sind jetzt wichtiger sind denn je und rücken vielleicht stärker in den Vordergrund. Für andere wiederum wird es vielleicht gerade jetzt wichtig sein, sich in der Sexualität zu beweisen. Das muss jeder für sich ganz persönlich herausfinden. Patentrezepte gibt es ebenso wenig wie sonst im Leben, und schon gar nicht gibt es beim Sex ein „richtig“ oder „falsch“. Auch keine Lust und keinen Sex zu haben - vielleicht sogar für eine längere Zeit - kann richtig sein.

Sensibler Umgang mit Angst und Scheu

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Es gibt Psychotherapeuten bzw. Sexualtherapeuten, die bei sexuellen Problemen professionelle Hilfe anbieten. Wer sich grundsätzlich vorstellen kann, über intime Probleme offen mit einem Dritten zu reden, der kann sich nach qualifizierten Angeboten in Wohnortnähe erkundigen.

Ein guter Therapeut wird immer die Scheu und Ängste der Ratsuchenden respektieren. Oft muss überhaupt erst einmal eine Sprache gefunden werden, mit der sich alle wohlfühlen und ausdrücken können. Bei dieser speziellen psychoonkologischen Beratung werden praktische Aspekte der Sexualität ebenso wie psychische Aspekte besprochen. Wenn es gelingt, den Prozess einer konstruktiven Krankheitsbewältigung anzustoßen und das Selbstwertgefühl zu stärken, dann kann sich das auch auf das sexuelle Empfinden und Erleben positiv auswirken.

Dipl.-Psych. Stefan Zettl im Interview

Stefan Zettl © privat

Stefan Zettl ist Psychotherapeut und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Krebs und Sexualität. Im Interview gibt er Auskunft zu den häufigsten Problemen, mit denen Krebspatienten hinsichtlich ihres Sexuallebens konfrontiert werden und gibt Tipps, wie Patienten und ihre Partner damit besser zurechtkommen können.

 

(vieg)

Quellen: 
[1] Prof. Dr. Dr. Mechthild Neises: Sexualität und Partnerschaft bei Krebs (1)
http://www.frauenselbsthilfe.de/upload/vortraege/Prof_Mechthild_Neises_BT2009.pdf
[2] Krebsinformationsdienst Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.): Ein Ratgeber für Patientinnen und ihre Partner: Weibliche Sexualität und Krebs, 2. teilaktualisierte Auflage 2014
http://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/iblatt/krebspatientin-sexualitaet.pdf 
[3] Krebsinformationsdienst Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.): Ein Ratgeber für Patienten und ihre Partnerinnen: Männliche Sexualität und Krebs, 2. teilaktualisierte Auflage 2014
http://www.krebsinformationsdienst.de/wegweiser/iblatt/krebspatient-sexualitaet.pdf

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 01.06.2018

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Aktualisiert am: 21.06.2018 16:39