Herpesviren: Bei unterdrücktem Immunsystem eine Gefahr

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Wenn das Immunsystem nur eingeschränkt arbeitet, wie etwa nach einer Stammzelltransplantation bei Krebs, kann es bei Herpesinfektionen zu schweren Verläufen kommen.

Wenn das Immunsystem angegriffen ist oder unterdrückt wird wie etwa bei einer Antikörpertherapie, zielgerichteten Therapie mit Tyrosinkinasehemmern oder nach einer Stammzelltransplantation bei Leukämien oder Lymphomen, besteht ein erhöhtes Risiko für eine Infektion mit Herpesviren. Doch nicht nur das Infektionsrisiko an sich, auch der Verlauf von Herpesinfektionen ist dann oft verstärkt, weil sich der Körper durch das eingeschränkte Immunsystem nicht mehr richtig wehren kann. Darüber berichteten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift InFo Hämatologie + Onkologie.

Weit verbreitet in der Bevölkerung sind die Herpesviren Typ HSV-1 und HSV-2. Schätzungsweise neun von zehn Personen stecken sich im Laufe ihres Lebens mit HSV-1 an. Die Infektion erfolgt über die Schleimhaut, bei HSV-1 in der Regel die Lippenschleimhaut, bei HSV-2 die Genitalschleimhaut. Die Viren „sitzen“ in Nervenzellknoten, sogenannten Ganglien, und werden von Zeit zu Zeit reaktiviert. Wenn das Immunsystem gut arbeitet, äußert sich das bei HSV-1 in Form von Lippenbläschen, bei HSV-2 als Bläschen im Genitalbereich, die in beiden Fällen nach einigen Tagen abheilen. Bei Personen mit eingeschränktem Immunsystem jedoch kann eine solche Reaktivierung einen ganz anderen Verlauf nehmen, schwere Komplikationen sind möglich. So können im ganzen Körper Geschwüre entstehen, eine Entzündung der Speiseröhre ist ebenso möglich wie eine Entzündung des Dickdarms, das Absterben der Netzhaut oder schwere Lungenentzündungen. Ein weiterer Herpesvirentyp, HSV-3, ist auch als Erreger der Windpocken bekannt (Herpes Zoster). Bei der Erstinfektion kommt es zur Entstehung von Windpocken, dies geschieht meist im Kindesalter. Später, bei der Reaktivierung verursachen die Viren die sogenannte Gürtelrose, die sehr schmerzhaft sein kann. Bei Personen mit eingeschränktem Immunsystem ist darüber hinaus eine Beteiligung innerer Organe möglich, mit der Entstehung von Leberentzündung, Lungenentzündung und Hirnentzündung (Enzephalitis).

Vor allem im ersten Jahr nach der allogenen Stammzelltransplantation, bei der gesunde blutbildende Stammzellen eines Spenders übertragen werden, besteht ein erhöhtes Risiko für Komplikationen infolge einer Infektion mit Herpesviren. Auch moderne Antikörpertherapien und Therapien mit Tyrosinkinasehemmern vermindern die Immunantwort auf virale Infekte, sodass Komplikationen auftreten können.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation empfehlen deshalb für Patienten, die sich einer allogenen hämatologischen Stammzelltransplantation unterziehen müssen, eine Anti-Herpesvirus-Prophylaxe. Zudem kann bei allen Patienten, die bei Immunsuppression unter wiederkehrenden Herpesproblemen leiden, eine niedrig dosierte dauerhafte antivirale Therapie in Erwägung gezogen werden. Und auch eine Impfung gegen Herpes Zoster ist mittlerweile möglich und wird allen Personen über 60 Jahren und Personen ab 50 Jahren, die etwa infolge einer Immunsuppression besonders gefährdet sind, empfohlen. Zwei Impfdosen müssen dabei im Abstand von mindestens zwei bis maximal sechs Monaten verabreicht werden. Die Impfung ersetzt nicht die Impfung gegen Windpocken, die noch immer für Kinder ab 11–14 Monaten empfohlen wird.

 

Quelle:

Floß N & Dolff S. Risiko bei HIV, Immunsuppression und Transplantationen. Opportunistische Infektionen durch humane Herpesviren. InFo Hämatologie + Onkologie 2020,23(5):36-44

 

(KvK)

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Zuletzt aufgerufen am: 22.10.2020 16:24