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Aktuelle Entwicklungen in der Prostatakrebs-Therapie aus Patientensicht

Interview mit Udo Ehrmann, Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe (BPS)

Udo Ehrmann, Vorstandsmitglied des BPS, Leiter einer Bremer Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe und Patientenvertreter im G-BA, nahm sich die Zeit, mit uns über aktuelle Entwicklungen in der Therapie des Prostatakrebs‘ zu sprechen. Der Prostatakrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, wurde jahrzehntelang zunächst nur traditionell antihormonell behandelt. Ziel ist es hierbei, die Produktion der männlichen Hormone zu unterdrücken, weil diese das Krebswachstums fördern. Typische Medikamente sind so genannte LHRH-Agonisten oder –Antagonisten.

Empfehlungen zur antihormonellen Therapie plus Chemotherapie

Seit 2015 gibt es für Patienten mit gutem Allgemeinzustand jedoch die Empfehlung, ihnen von Anfang an zusätzlich zur antihormonellen Therapie eine Chemotherapie zu verabreichen, wenn der Prostatakrebs bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung metastasiert und somit noch nicht vorbehandelt ist (auch hormonsensitiv genannt). „Es war ein großer Fortschritt, den wir sehr begrüßt haben, vor allem weil es das einzige Medikament ist, das die Lebenserwartung im Vergleich zur alleinigen antihormonellen Therapie um 15-17 Monate verlängern kann“, erläutert Ehrmann. Der Anteil der Patienten mit metastasiertem Prostatakrebs, der diese Kombination tatsächlich gleich von Beginn an erhält, beläuft sich in den meisten Ländern jedoch auf lediglich 10%. Zum Teil liegt das daran, dass einige Ärzte im frühen, hormonsensitiven Stadium des metastasierten Prostatakrebs‘ noch den Einsatz der antihormonellen Therapie zu Beginn präferieren und beispielsweise erst im Anschluss daran mit der Chemotherapie beginnen. Des Weiteren ist diese Kombinationstherapie nicht für alle Männer aufgrund ihrer individuellen Verfassung möglich. Ein weiteres Hindernis stellt die noch nicht erfolgte Zulassung der Chemotherapie Docetaxel für das hormonsensitive (auch hormonsensible) Stadium dar. Deshalb wurde auf Initiative der Patientenvertreter des BPS im G-BA das Zulassungsverfahren eröffnet, das 2018 abgeschlossen ist. Herr Ehrmann erläutert:

Chemotherapie trotz Aggressivität am erfolgversprechendsten?

Ein weiteres Thema sind mögliche Vorbehalte gegenüber der Chemotherapie von Seiten der Patienten. Aufgrund eigener Erfahrungen durch die Mitarbeit in der Selbsthilfegruppe bestätigt Ehrmann, dass weitgehende Rückbildungen der Lymphknoten- und Knochenmetastasen mithilfe der Chemotherapie möglich sind, was bis dahin mit keinem anderen Krebsmedikament gelang.

Abirateron als weitere Behandlungsoption

Auf dem Amerikanischen Krebskongress 2017 wurden aktuelle Studien präsentiert, die für Aufsehen sorgten. Demnach können Patienten mit hormonsensitivem metastasierten Prostatakrebs, die ein hohes Risiko haben, möglicherweise auch von der zusätzlichen Einnahme von Abirateron neben der traditionellen antihormonellen Therapie profitieren. Anders als Docetaxel ist Abirateron keine Chemotherapie, sondern ebenfalls eine antihormonelle Therapie, allerdings mit besserer Wirksamkeit als die traditionellen LHRH-Agonisten und -Antagonisten. „Es handelt sich um ein ergänzendes Mittel zur bisher verfügbaren Chemotherapie für dieses Einsatzgebiet, diese Auswahl zu haben ist positiv“, so Ehrmann.

Abirateron oder Chemotherapie?

Was es für die Zukunft bedeuten könnte, beim hormonsensitiven metastasierten Prostatakrebs mit hohem Risiko die Auswahl zwischen Abirateron und Docetaxel zu haben, kann laut Ehrmann erst durch fundierte Vergleichsstudien zwischen der Anwendung von Abirateron und der Anwendung der Chemotherapie entschieden werden: „Bislang gibt es keine direkten Vergleiche der unterschiedlichen Medikamente. Man weiß also nicht, was die optimale Sequenztherapie, d.h. Abfolge von verschiedenen Medikamenten, für den jeweiligen Patienten ist.“


Die Zulassung von Abirateron wird in Kürze erwartet. Ob das therapeutische Vorgehen beim metastasierten Prostatakrebs dadurch verändert wird und wie der therapeutische Alltag dann aussehen wird ist Ehrmann zufolge noch offen.

Fazit

Wie die neuen Therapievarianten de fakto den reellen Therapiealltag verändern werden, ist noch nicht geklärt. Für den Patienten ist es ohne Frage von großem Vorteil, zwei Optionen zu haben, zwischen denen ausgewählt werden kann. Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto besser kann die Therapie auch auf Basis der individuellen Nebenwirkungen und Begleiterkrankungen eines Patienten angepasst werden.

 

(jk/pe)

Letzte inhaltliche Aktualisierung am: 25.10.2017

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Aktualisiert am: 22.11.2017 17:14