Verhältnisprävention für ein gesünderes Deutschland
Verhältnisprävention zielt darauf ab, Lebensbedingungen und Strukturen so zu verändern, dass gesundheitsförderliches Verhalten erleichtert und gesundheitliche Risiken reduziert werden. Dazu gehören regulatorische Maßnahmen wie Nichtraucherschutzgesetze, Infrastrukturmaßnahmen wie der Ausbau von Fußwegen sowie ökonomische Instrumente wie die Besteuerung von Tabak. Der große Vorteil: „Solche Maßnahmen erreichen ganze Bevölkerungsgruppen gleichzeitig und wirken nachhaltig. Damit haben sie einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit auf Bevölkerungsebene“, sagt Michael Laxy, Professor für Public Health und Prävention.
Wie unterscheidet sich Verhältnisprävention von anderen klassischen Präventionsansätzen?
Laxy: Ein zentrales Merkmal der Verhältnisprävention besteht darin, dass durch die Schaffung gesünderer Lebensumwelten idealerweise positive Gesundheitseffekte eintreten, ohne dass Einzelpersonen Gesundheitswissen oder bewusste Verhaltensanstrengungen aufbringen müssen. Damit steht sie im Gegensatz zur Verhaltensprävention, die direkt beim Individuum ansetzt und aktives Mitwirken erfordert. Ein Beispiel: Soll die Rauchprävalenz gesenkt werden, können Aufklärungskampagnen gestartet werden – das ist Verhaltensprävention. Werbeverbote, Rauchverbote und Tabaksteuern verändern hingegen die Rahmenbedingungen – das ist Verhältnisprävention. Eine erfolgreiche Präventionsstrategie verknüpft idealerweise beide Ansätze miteinander – wichtig ist jedoch, dass ohne eine Anpassung der Verhältnisse aufklärende Appelle meist verpuffen.
Welche politischen Maßnahmen wirken nachweislich am stärksten? Gibt es hierzu Daten?
Laxy: Wenn wir auf die Prävention nichtübertragbarer Erkrankungen schauen, gehören ökonomische Instrumente und regulatorische Maßnahmen nachweislich zu den wirksamsten Ansätzen. Besonders gut belegt ist die Wirksamkeit von Tabaksteuern – sie zählen zu den effektivsten Einzelmaßnahmen, um den Tabakkonsum in der Bevölkerung zu senken. Ähnlich robuste Evidenz gibt es für Alkoholsteuern, Abgaben auf zuckergesüßte Getränke, Rauchverbote in öffentlichen Räumen, Werbeeinschränkungen für ungesunde Produkte sowie für Maßnahmen, die den Salz-, Zucker- oder Fettgehalt reduzieren. Viele dieser Maßnahmen sind kostengünstig umsetzbar und werden deshalb von der Weltgesundheitsorganisation als Interventionen mit besonders vorteilhaften Kosten-Nutzen-Verhältnis empfohlen.
Welche Länder sind Vorreiter in der Verhältnisprävention und was lässt sich aus deren Erfahrungen ableiten?
Laxy: Vorreiter der Verhältnisprävention im Bereich Tabakkontrolle sind Länder wie Irland und Großbritannien. Dort werden Tabakprodukte hoch besteuert, Werbung streng reguliert und Rauchverbote in öffentlichen Räumen umfassend umgesetzt. Skandinavische Länder verfügen über die restriktivsten Alkoholgesetze. Weltweit erheben inzwischen auch mehr als 100 Staaten Abgaben auf zuckergesüßte Getränke. Studien zeigen, dass solche Abgaben die Nachfrage und den Konsum wirksam senken und die Gesundheit der Bevölkerung verbessern. In Großbritannien ging eine nach Zuckergehalt gestaffelte Herstellerabgabe mit deutlichen Reformulierungen, einem geringeren Zuckerkonsum sowie einem Rückgang kariesbedingter Krankenhausbehandlungen bei Kindern einher. Ungarn oder Mexiko gehen in diesem Bereich zum Beispiel noch weiter und besteuern Produkte mit hohem Energie-, Salz-, Fett- und Zuckergehalt.
Wie wirken diese Maßnahmen auf soziale Ungleichheit?
Laxy: Verhältnispräventive Maßnahmen verringern in den meisten Fällen gesundheitliche und soziale Ungleichheit. Sie wirken unabhängig vom individuellen Gesundheitswissen und erreichen auch Bevölkerungsgruppen mit den größten gesundheitlichen Risiken – häufig Menschen mit eingeschränkten finanziellen und sozialen Ressourcen. Entscheidend ist jedoch die Wahl der Maßnahme und deren Ausgestaltung. Ein Beispiel: Bei einer pauschalen Abgabe auf zuckergesüßte Getränke fallen die gesundheitlichen Effekte bei Haushalten mit niedrigem Einkommen am größten aus, da diese am meisten diese Getränke konsumieren und besonders preissensitiv reagieren – gleichzeitig ist ihre finanzielle Belastung zunächst aber auch am höchsten. Wird die Abgabe hingegen nach Zuckergehalt gestaffelt und senken Hersteller infolgedessen den Zuckergehalt, entstehen auch gesundheitliche Vorteile, ohne dass Personen mit hohem Konsum übermäßig belastet werden.
Was hindert Deutschland aktuell an einer konsequenteren Verhältnisprävention?
Laxy: Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen spielen kommerzielle Interessen eine wichtige Rolle: Aus vielen Ländern ist gut dokumentiert, dass die Lebensmittel-, Tabak- und Alkoholindustrie versucht durch politische Einflussnahme regulatorische Maßnahmen zu verhindern. Zum anderen sind die erheblichen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen nichtübertragbarer Krankheiten – und die Bedeutung einer konsequenten Verhältnisprävention – in der öffentlichen und politischen Debatte bislang möglicherweise nicht ausreichend präsent. Darüber hinaus hat Verhältnisprävention eine normative Dimension: Denn es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, wie weit staatliche Eingriffe gehen sollten – eine Debatte, die offen und sachlich geführt werden muss. Letztlich braucht es für die Umsetzung solcher Maßnahmen politische Mehrheiten.
Prof. Michael Laxy
Technical University of Munich, TUM School of Medicine and Health/ Munich Center for Health Economics and Policy
michael.laxy@tum.de
Ein Beitrag aus 360° Onkologie #19. Redaktionsschluss: 12/2025.