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Prävention zwischen Eigenverantwortung und staatlichem Eingriff

Gemeinsam am Seil ziehen

Die gesündere Wahl zur einfacheren Wahl machen – dieser Slogan beschreibt in knapper Form einen Ansatz, der in der Prävention und Gesundheitsförderung vieldiskutiert und als aussichtsreich angesehen wird. Er steht in gewisser Nähe zum Konzept des Nudgings, bei dem es darum geht, Verhaltensänderungen durch sanfte Anreize oder Umweltveränderungen anzustoßen, ohne direkt auf die Auswahl Einfluss zu nehmen.

Neben dem Nudging-Konzept des sogenannten libertären Paternalismus hat auch der harte Paternalismus in der Präventionspraxis vieler Länder einen – wenn auch oft umstrittenen – Platz. Diese Art des Paternalismus spielt in der Prävention chronischer Erkrankungen durchaus eine wichtige Rolle: man denke nur an Werbe- und andere Verbote für Tabak und Alkohol. Allerdings steht zur Rechtfertigung dieser regulatorischen Maßnahmen oft das Wohlergehen Dritter, beispielsweise von Kindern, im Vordergrund. Die Einschränkung der individuellen freien Wahl, die eben auch für ein gesundheitsgefährdendes Verhalten wie Rauchen ausfallen kann, wird weniger diskutiert. Dies hat mit dem hohen Stellenwert der individuellen Freiheit zu tun, den viele Regulierungsbehörden in Demokratien zumindest nicht offen infrage stellen wollen. Die Eigenverantwortung steht dann auch im Mittelpunkt des libertären Models, bei dem die freie Entscheidung über das eigene Gesundheitsverhalten über allem steht, und staatliche Eingriffe in das Gesundheitsverhalten als unzulässig abgelehnt werden.

Keine einheitliche Linie bei der Prävention

In der Realität der Prävention treffen wir alle diese Linien in unterschiedlichem Maße an, wobei die Wahrnehmung, wann es sich um Bevormundung handelt, je nach Maßnahme sehr unterschiedlich ist. Beispiele sind zielgerichtete kommunale Maßnahmen zur Bewegungsförderung durch städtische Parks und Sportanlagen oder die Verringerung von Luft- und sonstigen Umweltschadstoffen. Diese könnten als Bevormundung interpretiert werden, da sie die Gesundheit unhinterfragt über andere Güter stellen – zugegebenermaßen findet sich eine solche Argumentation extrem selten. Anders sieht es aus, wenn es um konkrete Verbote oder höhere Steuern beispielsweise auf Tabak oder Alkohol geht. Die gesellschaftliche Stimmung und der Stellenwert der individuellen Entscheidungsfreiheit gegenüber der Förderung gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen prägen die politische Entscheidung für mehr oder weniger Regulation. Allerdings wird die vielbeschworene freie Entscheidung vielfach stark von kommerziellen Interessen beeinflusst, den sogenannten kommerziellen Determinanten der Gesundheit. Ernährungs-, Alkohol- und Tabakmarketing zielen darauf ab, dass sich entsprechende Produkte besser verkaufen, die „freie“ Entscheidung also konkret auf den Produkterwerb und -konsum hinausläuft. Dies ebenso wie der niedrigschwellige Zugangsweg zum Rauchen dank Hunderttausender von Zigarettenautomaten im Land können auch als Nudging hin zu gesundheitsschädlichem Verhalten gesehen werden. Diesen Kräften kann die Einzelperson in gewissem Maße entgegenwirken, etwa indem sie sich bestmöglich informiert und sich mit viel Gesundheitskompetenz für präventives Verhalten entscheidet. Die Befähigung hierfür variiert jedoch in der Gesellschaft, sodass aus dem vordergründig libertären Ansatz gesundheitliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit resultieren.

Konzept „rauchfreie Generation“

Radikal neu unter den Präventionsmaßnahmen ist das Konzept der „rauchfreien Generation“, wie es etwa in Großbritannien vorbereitet wird. Nach aktuellem Planungsstand ist es für ab dem Jahr 2009 Geborene nicht mehr möglich, legal Tabak zu erwerben, auch nicht im Erwachsenenalter. Auf längere Sicht wird es damit ein Produkt geben, dass unverkäuflich ist und damit vom Markt verschwinden dürfte. Dann würde sich auch die Frage der freien Entscheidung für oder gegen das Rauchen nicht mehr stellen, da Rauchen keine umsetzbare Option mehr wäre. Könnte man dann noch von Bevormundung sprechen? Zumindest in Großbritannien flossen in die Gesamtabwägung zwischen Entscheidungsfreiheit und Regulierung auch ökonomische Aspekte ein: Pro Jahr geht es um 82.000 rauchbedingte Todesfälle, 3 Milliarden £ Kosten für den NHS und über 17 Milliarden £ Produktivitätseinbußen.

Deutschland hat im europäischen Vergleich in jedem Fall Bedarf für eine viel entschiedenere Prävention. Dabei gilt es, mit der Bevölkerung in den Diskurs zu gehen und das Spannungsfeld zwischen Freiwilligkeit und staatlicher Regulierung für die verschiedenen Präventionsansätze jeweils neu zu reflektieren und zu verhandeln.

Prof. Hajo Zeeb
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie-BIPS, Bremen
zeeb@leibniz-bips.de

Prof. Ulrike Haug
Health Sciences Bremen, Universität Bremen

Ein Beitrag aus 360° Onkologie #19. Redaktionsschluss: 12/2025.