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Diagnose Prostatakrebs – Die Tage nach dem Befund
Wer mit der Diagnose „Krebs“ konfrontiert ist, dessen Welt ändert sich von einer Sekunde auf die andere grundlegend. Wir haben einen betroffenen Arzt gebeten, uns seine Geschichte zu erzählen. Er war 78 Jahre alt, als die Diagnose vor fünf Jahren gestellt wurde. Die Prognosen darüber, wie lange er noch zu leben habe, hat er mittlerweile alle überlebt. Er wohnt immer noch in Stuttgart – und freut sich des Lebens. Weil er nicht nur mit seiner Krankheit in Verbindung gebracht werden will, möchte er seinen Namen nicht öffentlich nennen – seinen Leidensgenossen Mut machen will er trotzdem.
„Ein ganz typischer Patient bin ich nicht gerade. Als Mediziner kannte ich mich schon vor der Diagnose mit den Erkrankungen der Prostata ganz gut aus, und auch mit den aktuellen Therapiemöglichkeiten. An regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen habe ich eigentlich nie gedacht. Na, gedacht schon, aber eher mit dem Hintergedanken „Das ist was für die anderen, aber nicht für mich“. So bin ich dann auch nur deswegen zum Arzt gegangen, weil mein allgemeines Befinden nicht so gut wie sonst war. Abgeschlagenheit, Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, das waren die Anzeichen. Meine Frau hat es dann etwas beschleunigt, indem sie darauf bestanden hat, dass ich mir tatsächlich einen Arzttermin geben lasse.
Eigentlich nur eine Routineuntersuchung
Bei meinem Arzt, einem Internisten, lief dann der übliche Reigen einer allgemeinen körperlichen Untersuchung ab, einschließlich einer Laboruntersuchung der Blutwerte. Auffällig war zunächst der hohe Blutsenkungswert, ein deutliches Zeichen dafür, dass der Körper irgendwo mit einer Krankheit zu kämpfen hat. Die Idee, bei der Gelegenheit gleich den PSA-Wert mit überprüfen lassen, hatte sogar ich selbst – mein Arzt hatte gar nicht daran gedacht. PSA, das so genannte prostataspezifische Antigen, wird in der Prostata gebildet. Bei einigen Erkrankungen der Prostata erhöht sich der PSA-Spiegel im Blut. Das ist dann ein deutlicher Hinweis darauf, dass etwas nicht in Ordnung ist. Zwei Tage nach diesem Termin rief mich mein Arzt an, um mir die eben bei ihm eingegangenen Laborwerte durchzugeben: Der PSA-Wert läge bei 170! Der für mein Alter - ich war 78 Jahre alt - üblicherweise angesetzte obere Grenzwert liegt bei 6,5. Ich wusste sofort, was das bedeutet: Prostatakrebs in einem fortgeschrittenen Stadium.
Vormittags kam der Anruf
Natürlich waren meine Frau und ich über das Ergebnis sehr bestürzt, wenn auch mit etwas unterschiedlichen Empfindungen. Denn während für sie der Gedanke an den Verlust ihres Mannes und die Angst vor meinem zu erwartenden Leiden im Vordergrund standen, waren es bei mir zwei Dinge, die meine Sorge in Grenzen hielten: Zum einen war es der Ärger über mich selbst. Warum war ich nur so naiv gewesen und hatte angenommen, ich könne ungestraft auf die Vorsorgeuntersuchungen verzichten? Wo doch regelmäßige Blut- und Tastuntersuchungen so schnell erledigt sind, dass sie kaum der Rede wert sind. Schließlich hatte ich ja nicht nur für mein eigenes Wohl zu sorgen, sondern war auch für meine Frau verantwortlich, die ich nicht früher als nötig alleine lassen wollte. Zum anderen brauchte ich mir nicht erst mühsam anzueignen, was die Diagnose Prostatakrebs für mich bedeutete. Vor 25 Jahren hatte ich zu dem Thema geforscht. Wir untersuchten damals Substanzen, die gegen den Prostatakrebs eingesetzt werden sollten. Die Substanzen erwiesen sich zwar als unwirksam, aber dass der Prostatakrebs einen sehr langsamen Verlauf nimmt, das galt damals schon und das gilt auch heute noch. Der Tumor wächst langsam, so dass sich meine Sorgen um das eigene körperliche Wohl in Grenzen hielten. Schlimmer war für mich der Gedanke, dass ich meine Frau mit einer Situation belastet hatte, die vermeidbar gewesen wäre.
Dann kam der Tiefpunkt
Bevor die Weichen für die Therapie gestellt wurden, war eine weitere Untersuchung fällig, ein Knochen-Szintigramm. Das ist ein nuklearmedizinisches Verfahren, mit dem unter anderem Metastasen, also Tochtergeschwülste des Tumors, in den Knochen gefunden werden können. Die Szintigraphie fand zwei Wochen nach dem Anruf meines Arztes statt. Das Ergebnis war alles andere als erfreulich: An unterschiedlichen Knochen hatten sich bereits allerhand Metastasen gebildet. Als ich mit dem Befund nachhause kam, war das wohl der Tiefpunkt. Für meine Frau und für mich. Dass unser gemeinsamer Lebensweg nun wohl in überschaubarer Zeit zu Ende gehen sollte, hat uns beide sehr, sehr deprimiert.
Über die Erfolgschancen einer Therapie waren zu dem Zeitpunkt gar keine Aussagen möglich. Ich ging mit meinen Untersuchungsergebnissen zu einem im Krankenhaus arbeitenden Urologen, den ich aus früheren Zeiten kannte, um mit ihm zu besprechen, welche Behandlung machbar und sinnvoll sei. Er bestätigte die Einschätzung der anderen Ärzte und schlug vor, unverzüglich mit einer Hormontherapie zu beginnen. Unverzüglich ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen: Ich musste gar nicht erst in die Apotheke gehen, sondern wurde für den Anfang gleich aus seinem Medikamentenschrank versorgt. Eine Hormontablette täglich, dazu ein kleines Implantatstäbchen, das einmal im Monat unter die Haut injiziert wird. Dort setzt es langsam und kontinuierlich den Wirkstoff frei. Eine komfortable Methode.
Das alles war vor fünf Jahren. Die Hormontherapie hatte sich noch nicht allzu lange vorher etabliert, war mir aber bereits bekannt, weil ein ehemaliger Kollege von mir bereits sehr erfolgreich damit behandelt wurde. Vor Entwicklung der Hormontherapie war das Operieren, also die Entfernung der Prostata, die Standardbehandlung. Das wäre aber bei mir wegen des weit fortgeschrittenen Krankheitsverlaufs gar nicht möglich gewesen.
Mein Wissen hat es mir leichter gemacht
Zum Glück ist der Wachstumsmechanismus des Prostatatumors bekannt, so dass der Tumor auch gut behandelbar ist: Seine Zellen können nur bei Kontakt mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron wachsen. Da liegt es nahe, die körpereigene Testosteron- Produktion zu unterdrücken, und genau so funktioniert die Hormontherapie. Nachdem mir der Urologe die Einzelheiten der Therapie ausführlich erklärt hatte, war ich schon relativ optimistisch und sagte mir, deine Chancen sind nicht gering. Dass alle beteiligten Ärzte in den wesentlichen Fragen derselben Meinung waren, hat es mir zusätzlich erleichtert. Trotzdem trug ich natürlich alles an Informationen zusammen, was ich bekommen konnte. Unter anderem befragte ich auch, ganz nahe liegend, die in unserer Familie mehrfach vorhandenen Ärzte. Mit dem Ergebnis, dass die auch nicht wesentlich besser Bescheid wussten als ich. Aber auch wenn sie mir keine wirklich entscheidenden medizinischen Erkenntnisse verschaffen konnten, eines stellte sich im Gespräch mit ihnen als besonders vorteilhaft heraus: Sie waren schnell in der Lage, meine Situation aus fachlicher Sicht zu erfassen und gelegentlich nachzufragen, ohne dass von meiner Seite lange Erklärungen nötig wurden: „Alles im grünen Bereich?“ - „Ja, alles im grünen Bereich.“ Damit konnten wir in vielen Fällen meinen Gesundheitszustand abhaken und uns erfreulicheren Aspekten des Lebens zuwenden. Und der Rest der Familie wurde von meinen „ärztlichen Multiplikatoren“ gleich auf unaufgeregte und kompetente Weise auf dem Laufenden gehalten. Vielleicht hat das mit dazu beigetragen, dass sich eigentlich nie jemand mit übermäßig betroffenem Unterton nach meinem Befinden erkundigt, sondern der Prostatakrebs auf den Kontakt mit meiner Familie keinen großen Einfluss hat.
Man gewöhnt sich daran
Wie es weiter ging? Die Behandlung war so erfolgreich, dass mein PSA-Wert in zwei Jahren bis auf 1 zurückging. Ein erneutes Szintigramm drei Jahre nach der Diagnose brachte die frohe Botschaft, dass sich die Metastasen überraschend gut zurückgebildet hatten. Auch die Nebenwirkungen hielten sich in Grenzen. Die „künstlichen Wechseljahre“, die die Therapie erzeugt, führen zu vegetativen Störungen wie Schweißausbrüchen oder Kreislaufsproblemen. Aber die waren bei mir nie sehr schlimm, und ein bisschen gewöhnt man sich auch daran. Glück habe ich auch insofern, als mit dem Wasserlassen alles weiterhin völlig unproblematisch funktioniert. Und wie weit die nachlassende Ausdauer bei körperlicher Aktivität nicht doch einfach auf das Alter zurückzuführen ist, wer will das wissen?
Seit zwei Jahren ist der PSA-Wert wieder am Steigen, erst auf 3, dann auf 6. Einzelne Zellen sind gegen die Therapie resistent, und die können sich weiter ausbreiten. Heilbar ist die Erkrankung in diesem Stadium nicht mehr. Wenn ich nicht vorher von einem Motorrad überfahren werde, dann werde ich wohl daran sterben. Aber der Tod ist bei uns ein Thema, über das wir ohnehin häufiger sprechen. Ein Verdienst vor allem meiner Frau, die für offene Auseinandersetzungen ist. Die über fünfzig Jahre, die wir miteinander verbracht haben, haben wir so bewusst gelebt und genossen, dass ich nicht wirklich behaupten kann, dass ich nach der Diagnose noch bewusster lebe. Aber wir freuen uns über jeden gemeinsamen Tag.“
Aktualisiert am: 04.05.11 - 12:14
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Thema im Februar: Krebs durch Lifestyle?
U.a. mit einem Interview zu möglichen Gefahren fehlerhafter Brustimplantate.
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