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Patienten fragen – Experten antworten
ErbB2(HER2)-positive Tumoren sind eine besonders aggressive Form des Brustkrebses. Sie wachsen schneller, was für die betroffenen Frauen früher mit einer schlechteren Prognose verbunden war. Heute gibt es zwei zielgerichtete Therapien gegen diesen speziellen Typ des Brustkrebses. Prof. Nadia Harbeck, Leiterin des Brustzentrums der Unifrauenklinik Köln, erläutert die derzeitigen Therapiemöglichkeiten bei ErbB2(HER2)-positiven Tumoren.
Welche Therapiemöglichkeiten gegen ErB2(HER2)-positiven Brustkrebs gibt es?
Es gibt zwei derzeit von den Arzneimittelbehörden zugelassene Therapien, zum einen den Antikörper Trastuzumab, zum anderen das kleine Molekül Lapatinib. Beide Wirkstoffe dürfen in der fortgeschrittenen Situation eingesetzt werden, der Antikörper darüber hinaus auch bei frühem Brustkrebs.
Der Antikörper erkennt den ErbB2(HER2)-Rezeptor an der Zelloberfläche, bindet daran und sorgt so dafür, dass keine Signale zur Zellteilung mehr an den Zellkern weitergeleitet werden. Darüber hinaus macht er die Tumorzelle für das körpereigene Immunsystem kenntlich.
Das kleine Molekül wirkt dagegen im Inneren der Zelle, blockiert hier den ErB2(HER2)-Rezeptor und unterbindet so die Signalweiterleitung und damit auch die Zellteilung. Es ist unabhängig von Veränderungen des Rezeptors an der Zelloberfläche, die bei einem Teil der Patientinnen zur Resistenz gegen Trastuzumab beitragen können. Außerdem wirkt Lapatinib auch gegen der EGFR(HER1)-Rezeptor, der ebenfalls eine Rolle beim Wachstum von Tumorzellen spielt.
Welche Nebenwirkungen haben die zielgerichteten Therapien gegen ErbB2(HER2)?
Aufgrund der unterschiedlichen Wirkweise der beiden gegen ErB2(HER2) gerichteten Therapien entwickeln sich auch unterschiedliche Nebenwirkungen.
Trastuzumab wird in der Regel gut vertragen; mitunter kommt es bei den ersten Infusionen zu akuten Nebenwirkungen, z. B. zu grippeähnlichen Symptomen oder einer Unverträglichkeitsreaktion. Man muss bei länger andauernder Therapie beachten, dass sich unter Trastuzumab eine Herzmuskelschwäche entwickeln kann, insbesondere wenn die Patientinnen schon einmal mit einer bestimmten (anthrazyklinhaltigen) Chemotherapie behandelt wurden. Bei einer Patientin, die schon vor der Therapie an starker Herzmuskelschwäche (Kardiomyopathie) leidet, muss der Nutzen gegenüber dem Risiko gut abgewogen und eine Chemotherapie gewählt werden, die den Herzmuskel möglichst wenig schädigt.
Lapatinib wirkt weniger auf den Herzmuskel. Typisch für das kleine Molekül sind Hautprobleme unterschiedlicher Art, beispielsweise akneähnliche Reaktionen. Dazu kommen Durchfälle, insbesondere weil Lapatinib in Kombination mit einer Capecitabin-Chemotherapie gegeben wird, die ebenfalls als Nebenwirkung Durchfälle hervorrufen kann. Patientinnen sollten ihre Haut gut pflegen und für möglicherweise auftretende Nebenwirkungen sicherheitshalber Durchfallmedikamente zu Hause haben. Wichtig ist, die Nebenwirkungen nicht einfach hinzunehmen, sondern mit dem behandelnden Arzt darüber zu sprechen. Er kann Begleitmedikamente verschreiben und entscheiden, ob die Dosierung verringert werden sollte.
In welchen Situationen kann Lapatinib eingesetzt werden?
Lapatinib ist von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA seit zwei Jahren in Kombination mit einer Capecitabin-Chemotherapie für die Behandlung von fortgeschrittenem Brustkrebs nach Vortherapie mit Trastuzumab und verschiedenen Chemotherapeutika zugelassen worden. Vor kurzem hat es auch bei fortgeschrittenem Brustkrebs – wie auch der Antikörper Trastuzumab - die Zulassung in Kombination mit einem Aromatasehemmer, also einer antihormonellen Therapie erhalten. Diese Kombination kommt zum Einsatz, wenn der Tumor sowohl ErB2(HER2)-positiv als auch hormonabhängig ist und der Tumor nur langsam wächst. Bei aggressiveren Tumoren oder akut lebensbedrohlichen Situationen würde man einer Chemotherapie den Vorzug geben. Welche Therapie man wählt, muss individuell für jede Patientin entschieden werden und hängt von den bisher eingesetzten Therapien, eventuellen Begleiterkrankungen und davon ab, welche Nebenwirkungen vermieden werden sollen.
Wir Therapeuten schätzen an Lapatinib seine gute Wirksamkeit nach Versagen von Trastuzumab. Wird die Therapie mit Lapatinib gut vertragen, kann sie über lange Zeit gegeben werden – so lange, wie es der Patientin hilft und den Brustkrebs aufhält.
Hilft Lapatinib auch bei Hirnmetastasen?
Etwa 30% aller ErbB2(HER2)-positiven Patientinnen entwickeln im Laufe ihrer Erkrankung Hirnmetastasen. Dies ist eine sehr schwierige Situation, weil diese Metastasen aufgrund der Blut-Hirn-Schranke von den meisten Medikamenten nicht erreicht werden können. Man vermutet aufgrund von Studienergebnissen, dass Lapatinib wegen seiner geringen Größe in der Lage ist, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und damit auch im Gehirn seine Wirkung zu entfalten. Das hieße, dass auf diese Weise Metastasen im Gehirn möglicherweise sogar vorbeugt werden könnte. Zweifelsfrei bewiesen ist dies jedoch noch nicht.
Wie werden die zielgerichteten Therapien weiterentwickelt?
Im Moment wird bei der fortgeschrittenen Erkrankung untersucht, welchen Erfolg es bringt, wenn man die zielgerichteten Therapien nacheinander einsetzt. Bei frühem Brustkrebs laufen auch schon Studien zur Kombination von Trastuzumab und Lapatinib. Bei der fortgeschrittenen Erkrankung ist die Wirksamkeit dieser Kombination auch ohne zusätzliche Chemotherapie bereits in einer Studie gezeigt worden. Darüber hinaus befindet sich eine ganze Reihe weiterer zielgerichteter Substanzen in der Entwicklung und werden teilweise bereits in größeren Studien untersucht. Hier ist in den nächsten Jahren mit weiteren Fortschritten und möglicherweise weiteren Arzneimittel-Zulassungen zu rechnen.
(pp)
Die dkg-web bedankt sich bei Frau Prof. Harbeck für die inhaltliche Zusammenarbeit.
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Aktualisiert am: 22.07.11 - 12:25