Wenn eine Frau an Brustkrebs erkrankt ist, können Tumorzellen sich schon vor der ersten Behandlung über die Blut- oder Lymphbahnen im Körper verteilt haben. Darum folgen auf die Operation sogenannte systemische Therapien, die im ganzen Körper wirken – z. B. Chemo-, Hormon- oder Antikörpertherapien. Ihr Ziel ist es, möglichst alle kranken Zellen zu erreichen und sie unschädlich zu machen.
Überleben jedoch einige Tumorzellen oder wird die Erkrankung erst spät erkannt, können Metastasen an verschiedenen Stellen im Körper entstehen. Um sie zu bekämpfen, wird meist eine (erneute) Chemotherapie erforderlich.
Wie Chemotherapien wirken, welche Nebenwirkungen sie haben und welche modernen Medikamente heute zur Behandlung des metastasierten Brustkrebses zur Verfügung stehen, erklärt der Brustkrebs-Experte Prof. Dr. Bernd Gerber, Direktor der Universitätsfrauenklinik am Klinikum Südstadt in Rostock.
Wie wirken Chemotherapien und wie werden sie verabreicht?Chemotherapeutika sind Zytostatika, also Zellgifte und wirken zerstörend auf schnell wachsende Zellen und damit auch auf die Tumorzellen. Sie werden überwiegend intravenös, d.h. als Infusion in eine Vene verabreicht. Es stehen seit einiger Zeit jedoch auch Tabletten zur Verfügung, die oral eingenommen werden können, wie z. B. Capecitabin.
Haben alle Chemotherapien dieselben Nebenwirkungen?Chemotherapien unterscheiden sich durchaus in ihren Nebenwirkungen. Während beispielsweise Zytostatika aus der Gruppe der Anthrazykline eher hämato- und kardiotoxische Nebenwirkungen haben, also die Blutzellen und das Herz beeinträchtigen, sind für Taxane und Platin-Derivate vor allem Neuropathien typisch, das heißt sie können das periphere Nervensystem schädigen.
Orale Chemotherapeutika sind im Allgemeinen besser verträglich als die intravenösen Zytostatika. Aber auch sie nicht nebenwirkungsfrei. Bei Capecitabin, das zur Gruppe der Antimetabolite gehört, sind vor allem Durchfälle und das Hand-Fuß-Syndrom zu nennen. Jedoch sind die Nebenwirkungen dieses Wirkstoffes in der Regel besser behandelbar und können durch eine Dosisreduktion und gegebenenfalls dauerhafte Dosisanpassung häufig behoben werden.
Warum haben orale Chemotherapeutika nicht so starke Nebenwirkungen wie intravenös verabreichte?
Dies möchte ich gerne am Beispiel von Capecitabin erläutern. Capecitabin wird erst in der Leber in die aktive Form umgewandelt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat es keine zerstörende Wirkung auf Zellen. In der Leber entsteht aus Capecitabin 5-Fluoruracil (5-FU), ein Zytostatikum, das sonst nur intravenös verabreicht werden kann. Das heißt erst nachdem Capecitabin aus dem Darm aufgenommen und in der Leber umgeformt wurde, wird es als 5-FU über die Blutbahn zu den Krebszellen transportiert und zerstört diese.
Gerade beim metastasierten Brustkrebs spielt nicht nur die gute Wirksamkeit von Therapien eine Rolle, sondern es geht auch darum, die Lebensqualität der betroffenen Frauen zu verbessern bzw. zu erhalten. Wie wichtig ist dabei für Ihre Patientinnen die Vermeidung von Haarausfall?
Beim metastasierten Brustkrebs sind die Chancen auf eine Heilung eher gering. Umso wichtiger ist die Bekämpfung von tumorbedingten Symptomen, also die Erhaltung oder Wiederherstellung der Lebensqualität. Deshalb setzt man in dieser Situation auch keine hochaggressiven Chemotherapien ein.
Capecitabin erfüllt idealerweise diese Ansprüche: Es ist eine wirksame Substanz mit wenig Nebenwirkungen, z. B. kommt es nicht zu Haarausfall, und es wird in der Regel sehr gut vertragen. Außerdem kann man bei Bedarf die Dosis reduzieren oder die Pause zwischenzeitlich um ein oder zwei Wochen verlängern. Darum ist eine Behandlung mit Capecitabin auch über längere Zeiträume möglich; aus meiner Praxis kenne ich Fälle, in denen Patientinnen zwei bis drei Jahre lang Capecitabin eingenommen haben.
Viele Patientinnen empfinden die Nebenwirkung Haarausfall, die viele als Infusion verabreichte Zytostatika aufweisen, als sehr belastend. Die radikale Veränderung des Aussehens ist psychisch – zusätzlich zur physischen Einschränkung durch den Krebs selbst - oftmals schwer zu verkraften.
Die orale Therapie mit Capecitabin, die diese Nebenwirkung nicht aufweist, kommt den Patientinnen daher sehr entgegen und wird aufgrund dessen auch durchaus von den Patientinnen eingefordert.
Abgesehen von den geringeren Nebenwirkungen: Welche anderen Vorteile hat eine orale Chemotherapie gegenüber den Infusionen?
Die Patientinnen sind unabhängiger. Capecitabin wird jeweils über 2 Wochen täglich eingenommen, gefolgt von einer 7-tägigen Pause. Nicht alle Patientinnen wohnen in Großstädten und können für eine Infusion in die Klinik kommen. In ländlicheren Regionen ist eine intravenöse, meist in der Klinik durchgeführte Chemotherapie häufig verbunden mit längeren Anreisewegen und entsprechend viel Zeitaufwand. Durch die selbstständige Einnahme oraler Chemotherapeutika gewinnen die Patientinnen also Zeit und Bewegungsfreiheit. Außerdem kann Capecitabin problemlos mit zielgerichteten Therapien, wie z.B. Trastuzumab oder Bevacizumab kombiniert werden.
Nicht für alle Brustkrebspatientinnen sind die oralen Chemotherapeutika geeignet. Wer sollte damit behandelt werden?Der Wirkstoff Capecitabin ist in mehreren Studien nach dem Versagen vorangegangener Therapien mit Taxanen oder Anthrazyklinen getestet worden – also in der palliativen Situation – und hat dafür die Zulassung erhalten. Brustkrebspatientinnen, die einer Chemotherapie bedürfen, erhalten zunächst eine Therapie mit Anthrazyklinen und Taxanen. Wenn die Krankheit trotz dieser Chemotherapie weiter fortschreitet, kommt das Capecitabin zum Einsatz und hat dafür den höchsten Empfehlungsgrad in den Leitlinien der AGO*.
*AGO = Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft. Die AGO bewertet regelmäßig die aktuellen Forschungsentwicklungen und Studienergebnisse unter anderem beim Brustkrebs und veröffentlicht auf Basis dessen Leitlinien für die optimale Therapie von Krebserkrankten mit gynäkologischen Tumoren, nachzulesen auch unter
www.ago-online.com