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Die Seele kommt bei Krebs zu kurz

FOCUS-Befragung: Patienten brauchen mehr Information und psychologische Unterstützung

Krebspatienten in Deutschland wünschen sich mehr Informationen über ihre Krankheit und eine bessere psychologische Betreuung. Während die meisten mit der medizinischen Behandlung relativ zufrieden sind, vermissen sie in allen Therapiephasen eine psychoonkologische Unterstützung. Zu diesem Ergebnis kommt eine groß angelegte Patientenbefragung des Nachrichtenmagazins FOCUS, die im Rahmen einer mehrteiligen Serie zum Thema Krebs durchgeführt wurde. Vertreter von Patientenorganisationen fordern eine bessere Umsetzung bestehender Vorgaben in den medizinischen Alltag.

Zeitpunkt der Diagnose besonders kritisch

„Sie haben Krebs.“ Jedes Jahr werden etwa 430.000 Frauen und Männer in Deutschland mit dieser Diagnose konfrontiert. Gerade in dieser kritischen Situation fühlen sich die Betroffenen jedoch mit ihren Fragen und Ängsten allein gelassen. So geben 47% der Befragten an, dass sie zum Zeitpunkt der Diagnosestellung dringend eine psychologische Unterstützung benötigt hätten. Während der Behandlung waren dies 20%, zum Zeitpunkt der Rehabilitation und Nachsorge noch 15%. Etwa ein Fünftel (18%) der Patienten hätte eine solche Begleitung während der gesamten Therapie gebraucht. Tatsächlich wurden im Verlauf der Therapie aber nur 27% der Brustkrebs-Patientinnen von einem Spezialisten psychoonkologisch bzw. psychosozial betreut. Dies bleibt ein Manko, obwohl sich die Patienten überwiegend positiv über Verständnis und Mitgefühl ihres Arztes äußern: mehr als drei Viertel beurteilen diesen Aspekt mit „gut“ bzw. „sehr gut.“




Nur jeder Dritte holt ärztliche Zweitmeinung ein

Zugleich wird deutlich, dass die Betroffenen ein großes Bedürfnis nach Informationen rund um ihre Erkrankung haben, das häufig nur teilweise befriedigt wird. So fühlten sich 59% der befragten Teilnehmer vollständig oder gut über die Risiken und Nebenwirkungen der geplanten Therapie aufgeklärt, bei immerhin 40% blieben Fragen offen. Nur etwa ein Drittel (36%) von ihnen nutzte die Möglichkeit, vor Therapiebeginn eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.





Die Patienten konnten rückblickend die größten Defizite innerhalb ihrer Behandlung benennen. Hier ergab sich ein differenziertes Bild mit Optimierungsbedarf in allen abgefragten Bereichen. Am häufigsten (32%) wurde die schlechte psychische Betreuung kritisiert. 27% sahen Mängel bei der Nachsorge und jeweils ein Fünftel wünscht sich Verbesserungen in der Klinik bzw. Praxis (21%) und bei den Kassenleistungen (20%).

‚Sprechende Medizin’ ebenso wichtig wie Apparate

„Uns überrascht nicht, dass die Psychoonkologie als Stiefkind in der Versorgung wahrgenommen wird“, kommentiert Hilde Schulte, Bundesvorsitzende der Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V., die Ergebnisse der FOCUS-Befragung. Dem hohen Bedarf an psychoonkologischer Unterstützung schon bei der Diagnosestellung stehe derzeit in der Praxis kein Angebot gegenüber. Ausdrücklich spricht sie sich zudem für eine stärkere Einbindung der Patiente in die Entscheidungsfindung aus. Dazu gehört auch das Einholen einer Zweitmeinung, die, so Schulte „ein Patientenrecht ist“, das bei Brustkrebs sogar in den Leitlinien verankert sei. Zwar gebe es gute Ansätze zur Verbesserung der Routineversorgung, es mangele jedoch an der praktischen Umsetzung. Die FOCUS-Daten bestätigen den Selbsthilfe-Verband in seiner Forderung nach mehr Information und Unterstützung für Patienten. „Labor- und Apparatemedizin darf nicht Vorrang vor ‚sprechender Medizin’ haben“, sagt die Patientenvertreterin.





Dies sieht Hanns-Jörg Fiebrandt, Vorstandsmitglied des Bundesvorstandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V., ähnlich. „Im Durchschnitt hat ein Arzt nur 7,5 Minuten Zeit für seinen Patienten“, erklärt er. Einen Grund dafür sei die schlechte Honorierung des persönlichen Gesprächs. Zum anderen würden Patienten zu wenig auf die Möglichkeit einer psychologischen Unterstützung hingewiesen. Hier versuchen die Selbsthilfegruppen den Bedarf durch entsprechende Angebote zumindest teilweise aufzufangen.

Psychoonkologie: Kriterium für Zertifizierung von Organzentren

Nach Einschätzung von Prof. Dr. Joachim Weis von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) spiegelt die Umfrage eine aus vielen Studien bekannte Diskrepanz zwischen den fachlichen Erfordernissen und der Versorgungsrealität wider. Insbesondere unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung einer frühzeitigen psychoonkologischen Beratung und Behandlung noch im Akutkrankenhaus, die seit vielen Jahren von den Fachgesellschaften gefordert wird. Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) in der DKG sieht einen wichtigen Ansatzpunkt zur Verbesserung der psychoonkologischen Betreuung bei der Zertifizierung der Organzentren. Hier müsse kritischer geprüft werden, ob die festgelegten Kriterien tatsächlich - und nicht nur auf dem Papier - erfüllt werden. Zugleich müsse auch die ambulante psychoonkologische Versorgung durch den Ausbau der psychosozialen Krebsberatungsstellen verbessert werden. Aufgabe der Fachgesellschaften sei es jedoch auch, die Frage der Finanzierung dieser Leistungen in verschiedenen Gremien wie im Gemeinsamen Bundesausschuss noch stärker zu thematisieren.





Insgesamt beteiligten sich mehr als 2.000 Patientengruppen an den Erhebungen des FOCUS. Sechs Monate lang recherchierte das Team bei den größten Selbsthilfegruppen, um aus Patientensicht darzustellen, was einen guten Seelen-Mediziner ausmacht. Fragebögen für sämtliche Tumorarten wurden auf Fachkongressen und Selbsthilfe-Tagungen verteilt und im Internet zum Downloaden auf die Homepages der größten Selbsthilfeverbände gestellt. Zusätzlich wurden Patientenmeinungen im Rahmen einer aufwändigen Telefon-Befragung eingeholt.

Anne Krampe-Scheidler


(as)



Quelle:
Brähler Elmar, Koch Uwe, Weis Joachim: Psychoonkologie. Jahrbuch der Medizinischen Psychologie Band 22, hogrefe Verlag 2008


Aktualisiert am: 24.05.11 - 21:29



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