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Angst und Depression
Angst, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung sind Gefühle, die viele Kranke und deren Angehörige nach einer Krebsdiagnose bewegen. Angesichts des unsicheren Verlaufs und der tiefgreifenden Lebensveränderungen, die mit Krankheit und Behandlung verbunden sein können, sind solche seelische Erschütterungen als Krisenreaktionen zu verstehen und sollten nicht übergangen werden, zumal wirksame psychotherapeutische Unterstützung möglich ist. Es besteht kein Anlass, wegen dieser Gefühlszustände zusätzlich besorgt zu sein; ungünstige Einflüsse von Angst oder Depression auf den Verlauf der Erkrankung sind nicht nachgewiesen.
Angst
Fast alle Krebspatienten reagieren im Verlauf ihrer Erkrankung mit Ängsten. Die Ängste sind sehr vielschichtig und können sich auf ganz unterschiedliche Bereiche beziehen: vor allem Angst, an der Erkrankung sterben zu müssen, aber auch Angst vor dem „Ausgeliefertsein“, vor entstellenden (verstümmelnden) Eingriffen, vor „Verlassenwerden“ und sozialer Isolation, Angst vor einer nüchternen Apparatemedizin, vor Schmerzen und Leiden, vor einem seelischen und körperlichen „Absturz“. Das Auftreten eines Rezidivs, die Mitteilung eines fortschreitenden Krankheitsverlaufes oder auch „nur“ das Warten auf Untersuchungsergebnisse kann die Angst in quälende Höhen treiben. Ängste und Sorgen können sich in vielen verschiedenen körperlichen und seelischen Symptomen ausdrücken: z.B. Herzrasen, Schweißausbrüche, Atemnot, Schwindelgefühle, Magen- und Darmprobleme, Schlafstörungen. Sie können sich äußern durch Nervosität, Zittern, das Gefühl starker Anspannung, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen oder z.B. das Gefühl tiefer Erschöpfung. Angst zu haben ist eine ganz natürliche Reaktion auf etwas, das als bedrohlich empfunden wird. Wenn Angstzustände und ihre Begleitsymptome jedoch länger anhalten (mehrere Wochen), wenn sie übermächtig werden und der Patient sich in ihnen gefangen fühlt, sollte psychotherapeutische Unterstützung eingeholt werden(siehe auch „professionelle Unterstützung“ in nebenstehender Linkleiste). Fachkundigen Rat einzuholen ist auch dann sinnvoll, wenn Angehörige miterleben, dass der Patient eine massive Abwehrhaltung nicht mehr aufgibt. Wie können Sie mit Angst umgehen?
- Sich die Angst eingestehen. Sie ist eine normale Reaktion. Es ist keine Schwäche, Angst zu haben.
- Die Angst konkretisieren. Wovor genau habe ich Angst?
- Die Befürchtungen zu Ende denken und nicht vorzeitig abblocken. Angstinhalte, die gedanklich durchgespielt werden, lassen sich besser angehen.
- Ängste offen aussprechen, mitteilen, auf sonstige Weise ausdrücken (z.B. durch Malen).
- Sich entsprechend der eigenen Bedürfnisse informieren. Fragen Sie nach, wenn Sie verunsichert sind. Oft ist fehlende oder zu geringe Information ein Auslöser für Unsicherheit und Angst.
- Sich verständnisvolle Unterstützung suchen (nahestehende Menschen, Hausarzt, Beratungsstelle, Selbsthilfegruppen, Psychotherapeuten usw.).
- Entspannungsübungen durchführen (z.B. regelmäßiges autogenes Training).
- Für körperliche Bewegung sorgen: Joggen, Rad fahren, Schwimmen, trägt oft deutlich zur Reduzierung von Angst, zu mehr Selbstbewusstsein und zur Veränderung „festgefahrener Bahnen“ bei.
Langandauernde oder schwere Angstzustände bedürfen immer der (fach-)ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung. Wichtig ist hier die genaue Diagnose und das Einleiten einer entsprechenden Therapie. Der Arzt entscheidet je nach Art der Angst und nach Grad der Beeinträchtigung, ob eine psychotherapeutische, ggf. kombiniert mit medikamentöser Behandlung sinnvoll ist. Eine psychotherapeutische Behandlung soll helfen, den Hintergrund der Angst besser zu verstehen und die seelischen Probleme, die möglicherweise Angst auslösen oder verstärken, aufzugreifen und zu bearbeiten.
Depression
Depressive Symptome treten im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung ebenfalls häufig auf: im Diagnosezeitraum, wenn der Patient erkennt, das er wirklich Krebs hat, nach dem Abschluss der Erstbehandlung und dem Bewusstwerden, was alles geschehen ist, nach Operationen, die das Bild vom eigenen Körper stark verändern, wenn Lebenspläne verlorengehen, Patienten erfahren, dass die Krebserkrankung trotz aller Bemühungen weiter fortgeschritten ist usw. Manchmal treten Merkmale einer Depression auch als Nebenwirkung einer Krebstherapie auf, z.B. nach Bestrahlungen im Kopfbereich oder bestimmten chemotherapeutischen Behandlungen. Aber: Nicht jede Niedergeschlagenheit oder Mutlosigkeit ist gleich ein Anzeichen für eine Depression.
Wenn sich ein Patient mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzt, können immer wieder Zeiten tiefer Traurigkeit, der Verzweiflung oder Mutlosigkeit auftreten. Das ist eine ganz normale Reaktion, dennoch können psychotherapeutische Methoden, u.U. kombiniert mit Medikamenten, hilfreich sein. Wann spricht man von einer Depression?
Von einer „depressiven Episode“ spricht man erst, wenn fünf oder mehr der nachfolgend aufgelisteten Symptome vorliegen, die über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen fast täglich auftreten und die meiste Zeit des Tages anhalten. Dabei muss mindestens eines der beiden zuerst genannten Symptome vorhanden sein. Die Symptome müssen so intensiv sein, dass sie das normale Leben des Betroffenen deutlich beeinträchtigen (z.B. seine Berufstätigkeit, seine soziale Aktivitäten). Sie müssen, im Gegensatz zum früheren Befinden eines Betroffenen, neu aufgetreten sein oder sich deutlich verschlechtert haben. Typische Symptome sind (nach den Kriterien der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA), Episode einer Major Depression)
- Depressive Verstimmung (gedrückte Stimmung, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit)
- Deutlich vermindertes Interesse oder Freude an allen oder fast allen Aktivitäten
- Deutliche Gewichtsveränderungen oder gesteigerter oder verminderter Appetit
- Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis
- Auffallende Ruhelosigkeit oder auffallend verlangsamte Bewegungen
- Müdigkeit oder Energieverlust
- Gefühle von Wertlosigkeit oder übermäßige, unangemessene Schuldgefühle
- Verminderte Denk- oder Konzentrationsfähigkeit oder verringerte Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen
- Wiederkehrende Todes- oder Selbstmordgedanken
Es ist sinnvoll, sich fachlicher Hilfe anzuvertrauen, wenn die obengenannten Kriterien erfüllt sind. Eine Depression ist immer eine ernst zu nehmende Beeinträchtigung, aus der ein Mensch alleine nur sehr schwer herausfindet. Um wirklich helfen zu können, ist eine richtigen Diagnose und das Herausfinden der genauen Ursachen wichtig. Insbesondere Psychiater und Psychotherapeuten sind Fachleute, die seelische Probleme einordnen und mit dem Betroffenen zusammen die erforderliche Hilfe einleiten können. Es gibt überhaupt keinen Grund sich zu schämen, wenn diese Hilfe in Anspruch genommen wird. Das hat nichts damit zu tun, „verrückt“ oder nicht „normal“ zu sein. Das Fertigwerden mit der Krankheitssituation und dem Gefühl großer Bedrohung verlangt seelische Höchstleistungen. Dabei brauchen Menschen einfach Unterstützung. Was hilft?Eine psychotherapeutische Behandlung konzentriert sich auf die seelischen Aspekte der Depression und hilft dem Betroffenen, möglicherweise zu Grunde liegende Konflikte zu erkennen und zu lösen. So unterstützt sie ihn dabei, mit Niedergeschlagenheit, Schmerz und Angst umgehen zu lernen und Trauer besser zu bewältigen.
Neben der psychotherapeutischen Begleitung ist oft auch eine medikamentöse Behandlung sinnvoll oder sogar notwendig. Ärztlich verordnete wirksame Medikamente (z.B. Antidepressiva) helfen, das bei einer Depression gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. Wichtig ist das Verständnis der nahestehenden Menschen in der Umgebung des Patienten. Sie sollten in Kontakt mit dem Betroffenen bleiben, ihm zuhören, wenn er sprechen mag und ihn darin unterstützen fachliche Hilfe anzunehmen. Eine Ermutigung zur Strukturierung des Tages (z.B. morgens aufzustehen, zu essen, Termine einzuhalten) und zu körperlichen Aktivitäten (Spazierengehen, Rad fahren, Gartenarbeit etc.) unterstützt die Behandlung.
(red)
Quellen: Hilke Stamatiadis-Smidt, Harald zur Hausen, Otmar D. Wiestler, Hans-Joachim Gebest (Hrsg.): Thema Krebs, Springer Verlag 2006
Aktualisiert am: 24.05.11 - 21:28
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