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Mangelernährung
Mangelernährung in Zeiten des Überflusses?
Der Begriff „Mangelernährung“ dient als Sammelbegriff für eine falsch oder ungenügend zusammengestellte Ernährung, wobei zwischen der quantitativen und der qualitativen Mangelernährung unterschieden wird. Ernährungswissenschaftler sprechen, vereinfacht dargestellt, im einen Fall von der Unterernährung, im anderen von der Mangelernährung oder Malnutrition. Die Unterernährung gehört zu den quantitativen, d. h. auf die Menge der Nahrung bezogenen, Ernährungsdefiziten. Sie liegt dann vor, wenn ein Mensch pro Tag weniger Kalorien über die Nahrung aufnimmt, als er tatsächlich verbraucht. Die Gesamtenergiebilanz rutscht in ein Minus und es kommt zum Abbau von Energiereserven im Fett- und Muskelgewebe. Bei der qualitativen Mangelernährung unterscheiden die Fachleute dreierlei Möglichkeiten (1):
- krankheitsbedingter und ungewollter Gewichtsverlust mit den Anzeichen einer Krankheit, z.B. bei Tumorerkrankungen
- Eiweißmangel (lat.: Proteinmangel)
- Mangel an bestimmten Nährstoffen, z. B. Vitaminen
Mangelernährung ist häufiger als gedacht
Dr. Gudrun Zürcher, Leiterin der Sektion Ernährungsmedizin und Diätetik an der Medizinischen Klinik der Universität Freiburg, geht davon aus, dass 30 bis 90 % aller Tumorpatienten Anzeichen von Mangelernährung aufweisen (2). Das Ausmaß der Mangelernährung ist abhängig von der Art des Tumors, dessen Lokalisation und Ausdehnung im Körper, Art und Umfang der Behandlung und der persönlichen Anfälligkeit (s. Tab.). Oftmals ist ein ungewollter Gewichtsverlust der erste Hinweis auf eine ernste Erkrankung, wobei das Ausmaß des Gewichtsverlusts nicht unbedingt mit der Tumorgröße einhergehen muss.
Tumorarten und Häufigkeit von Mangelernährung nach Zürcher (2)
| Magentumore |
65 – 85 % |
| Bauchspeicheldrüsentumore |
80 – 85 % |
| Speiseröhrentumore |
60 – 80 % |
| Tumore im Hals-Nasen-Ohren-Bereich |
65 – 75 % |
| Lungentumore |
45 – 60 % |
| Darmtumore |
30 – 60 % |
Körper und Geist leiden unter dem Mangel
Mangelernährung führt, unabhängig von ihrer eigentlichen Ursache, zu Veränderungen in der Körperzusammensetzung (z. B. Verlust an Körpereiweiß, Verlust an Körpermasse in Muskeln und Organen), zu Veränderungen im menschlichen Stoffwechsel und in Körperfunktionen wie z. B. der Atmung. Zudem wird das Immunsystem geschwächt, so dass weitere Erkrankungen (z. B. Lungenentzündung) folgen können. Dadurch wird eine notwendige Krebsbehandlung möglicherweise schlechter vertragen oder es kommt zu Wundheilungsstörungen nach einer Operation. Durch die insgesamt erhöhte Komplikationsrate bei mangelernährten Patienten kann sich die Dauer eines stationären Klinikaufenthalts verlängern.
Nicht zuletzt leidet auch die Seele durch die Mangelernährung und damit ganz erheblich Ihre Lebensqualität. Die schlimmste Form der Mangelernährung bei Krebs, die Tumorkachexie, ist etwa bei jedem fünften Patienten die eigentliche Todesursache (3).
Auswirkungen
Mögliche Auswirkungen einer tumorbedingten Mangelernährung (4) auf bestimmte Körperfunktionen:
| Immunsystem |
erhöhte Infektanfälligkeit |
| Muskel- und Skelettsystem |
Müdigkeit, schnelle körperliche Erschöpfung, Schwäche, gestörte Wundheilung |
| Haut |
Haarausfall, trockene und schuppige Haut |
| Blut |
reduzierte Funktionstüchtigkeit der roten Blutkörperchen |
| Herz und Atmung |
Verschlechterung der Herzleistung, gestörter Herzrhythmus, Bluthochdruck, Schwäche der Atmungsmuskulatur |
| Körpergewicht |
Gewichtsverlust |
| Nervensystem |
Angst, Depression, Teilnahmslosigkeit, verminderte Konzentrationsfähigkeit |
Warum der Appetit zu wünschen übrig lässt
Essen und Trinken ist normalerweise Freude, Genuss und Geschmackserleben. Anders bei Tumorpatienten: Nicht selten tritt ein Appetitverlust oder ein Ekel vor bestimmten Speisen schon eine ganze Zeit vor der eigentlichen Diagnose der Erkrankung auf. Gründe dafür, warum Appetit und Nahrungsaufnahme bei Krebserkrankungen gestört sein können, gibt es viele (5). Magen-Darm-Tumore lösen bisweilen Durchfall und Erbrechen aus, wodurch die Lust an der Nahrungsaufnahme gemindert wird. Das Geschmacksempfinden kann z. B. durch eine Chemotherapie verändert sein (meist empfinden die Patienten verstärkt einen bit¬teren Geschmack, während süß weniger intensiv geschmeckt wird). Zudem sind Übelkeit und Erbrechen häufige Nebenwirkungen der Behandlung. Ebenso können Mundtrockenheit, Entzündungen im Mund und der Speise-röhre oder Schluckbeschwerden durch einen Tumor eine ausreichende Nahrungsaufnahme erschweren oder gar unmöglich machen.
So erkennen Sie die Mangelernährung
Die einfachste, aber auch wichtigste Maßnahme zur Gewichtskontrolle ist nach wie vor der regelmäßige Gang auf die Waage. Damit lässt sich auch zu Hause eine vernünftige Verlaufskontrolle der Gewichtsentwicklung durchführen, ein schleichender Gewichtsverlust kann damit frühzeitig erkannt werden. Verlieren Sie beispielsweise nach der Erstdiagnose Ihrer Erkrankung innerhalb von drei Monaten mehr als 5 % Ihres Gewichts, spricht das sehr für eine Mangelernährung mit einem klinisch bedeutsamen Gewichtsverlust.
Body-Mass-Index (BMI)
Zur weiteren Beurteilung Ihrer Ernährungssituation wird Ihre Ärztin/Ihr Arzt wahrscheinlich das Normalgewicht bestimmen. Dazu wird der so genannte Body-Mass-Index (BMI = Körpermassenindex) berechnet. Es handelt sich um eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen im Verhältnis zum Quadrat seiner Größe. Obwohl hauptsächlich für die Ermittlung von Übergewicht eingesetzt, ist der BMI auch für die Berechnung von Untergewicht ein Richtwert. Zu berücksichtigen sind bei genauerer Betrachtung die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und das Alter der Person sowie der Fett- oder Muskelanteil am Gesamtgewicht.
(red)
Quellen: K.S. Zänker, N. Becker: Primäre Prävention, in: H.-J. Schmoll. K. Höffken, K. Possinger (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie, Springer Verlag 2006, S. 279-306 M.E. Heim, J. Arends: Kachexie, Anorexie und Ernährung, in: H.-J. Schmoll. K. Höffken, K. Possinger (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie, Springer Verlag 2006, S. 2180-2191 H.K. Biesalski, G. Zürcher, K.-W. Jauch, V. Beck (Redaktion): Ernährung und Krebs, in: Der Onkologe, Band 14, Heft 1, Januar 2008, S. 7-64 Müller, M. J.: Definition der Mangelernährung - klinisch-praktische Einteilung; In: Ernährungs- und Infusionstherapie, Hrsg.: Hartig, W. et al. 8. Auflage, Thieme Verlag Stuttgart (2004); S. 86 ff. Zürcher, G.: Ausreichende Energie- und Nährstoffzufuhr – Ernährungsstrategien beim Tumorpatienten; www.thieme-connect.com (2004) Jordan, S. et al.: Pathophysiologie der Tumorkachexie; Ern. Umschau (1997); 44: S. 250 – 254. Hartig, W., Weimann, A.: Mangelernährung und Körperzusammensetzung sowie physiologische Funktionen; In: Ernährungs- und Infusionstherapie, Hrsg.: Hartig, W. et al. 8. Auflage, Thieme Verlag Stuttgart (2004); S. 89 ff. Krumwiede, K.-H.: Damit Ihre Patienten wieder besser essen; MMW-Fortschr. Med. 145 (2003); S. 157 – 160.
Aktualisiert am: 17.10.11 - 13:01
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