Angaben zu Autoren und Sponsoren finden Sie am Ende des Beitrags.

Vom Labor in den Versorgungsalltag

Forschungsbedarf und Forschungsförderung in der Onkologie

5,79 Euro – so viel investierten die EU-Mitgliedstaaten in der Vergangenheit pro Person und Jahr in die Krebsforschung. Zum Vergleich: In den USA standen pro Kopf knapp 18 Euro zur Verfügung, also mehr als dreimal so viel. Diese Zahlen veröffentlichte das „European Cancer Research Managers Forum" (ECRMF) 2008 in einer Studie zur Forschungsförderung in Europa.1 Doch es waren weniger die Unterschiede in den Forschungsbudgets, um die sich die ECRMF-Wissenschaftler in ihrer Untersuchung sorgten – immerhin stammten 46 Prozent des weltweiten wissenschaftlichen Outputs in der Krebsforschung aus Europa. Sie bemängelten vielmehr, dass in Europa wesentliche Bereiche der öffentlichen Krebsforschung vernachlässigt werden; dazu zählen zum Beispiel die präventive Vorsorgemedizin, die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Anwendung und die Forschung im nicht-kommerziellen klinischen Bereich. Auch in Deutschland gibt es einen großen Bedarf an nichtkommerzieller klinischer Forschung; zu diesem Schluss kommt der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung (TAB) des Deutschen Bundestages in einem Bericht vom 25.11.2010.2 „Wir brauchen vor allem eine starke unabhängige Forschung, die für eine rasche Übertragung neuer Erkenntnisse in die Klinik sorgt und eine hohe Qualität in der Versorgung von Krebspatienten sicherstellt“, bestätigt auch Professor Peter Albers, Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Düsseldorf und Präsident des Deutschen Krebskongresses 2012.


 
Mehr zum Thema

Pressemitteilung der Deutschen Krebsgesellschaft:
Gezielt forschen für eine gerechte Gesundheit. Von der translationalen Medizin bis zur Versorgungsforschung behandelt der Deutsche Krebskongress 2012 ein breites Themenspektrum. 
zur Pressemitteilung
   


Translationale Forschung - an der Schnittstelle vom Labor zum Krankenbett

Die Idee des Brückenschlages zwischen Labor und Klinik ist nicht wirklich neu, und viele Forschungsinstitute und Arbeitsgruppen in den medizinischen Fakultäten der Universitäten haben sich dieses Ziel gesetzt. Bei der translationalen Forschung geht es jedoch um einen raschen Transfer der Erkenntnisse aus der Laborforschung in die praktische Anwendung am Patienten - und ebenso wieder zurück ins Labor. Amerikanische Forscher haben dafür den Slogan „From bench to bedside to bench“ geprägt. Erkenntnisse der biomedizinischen Grundlagenforschung sollen auf diese Weise möglichst rasch in klinische Diagnoseverfahren und Therapien umgesetzt werden. Umgekehrt erhofft man sich von den Erfahrungen und dem Wissen der Ärzte am Krankenbett eine raschere und gezielte Rückkopplung auch für die Grundlagenforschung.

Um aktuelle Forschungsergebnisse schneller in die Versorgung krebskranker Patienten zu übertragen, nahm 2011 das nationale Konsortium für translationale Krebsforschung (DKTK) seine Arbeit auf – es geht auf eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zurück. Geplant ist die Einrichtung von insgesamt acht Translationszentren unter der Trägerschaft des DKFZ und ausgewählten deutschen Universitäten. Außerdem wird es mehrere Forschungsplattformen geben, die alle Partnerstandorte gemeinsam nutzen können.3



 

Mehr zum Thema

Interview mit Prof. Otmar Wiestler (DKFZ, Heidelberg)
zur translationalen Krebsforschung
zum Interview
  
   


Klinische Krebsforschung – Grundlage einer evidenzbasierten Medizin

Klinische Studien sind das zentrale Element für die Validierung medizinischer Forschung und damit unerlässlich, um Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in die Routineversorgung zu überführen. Laut einem Bericht des Büros für Technikfolgenbewertung beim Deutschen Bundestag sind 27 Prozent dieser Studien in Deutschland nicht-kommerziell; etwa ein Fünftel davon entfallen auf Projekte in der Hämatologie bzw. Onkologie.2

„Nicht-kommerzielle klinische Studien spielen eine wichtig Rolle bei Fragestellungen, die keine kommerziell attraktiven Märkte für neue Produkte bieten“, sagt Peter Albers. In der Onkologie zählen dazu vor allem:
  • die Entwicklung von Behandlungsverfahren für Kinder, ältere Menschen, für seltene Erkrankungen (»orphan diseases«), für chirurgische Methoden und für Präventionsprogramme,
  • die Therapieoptimierung unter Routinebedingungen einschließlich dem Vergleich bereits zugelassener Therapiemethoden untereinander,
  • Fragen zur Arzneimittelsicherheit,
  • die Entwicklung und Erprobung von Methoden der klinischen Forschung.
Dass nichtkommerzielle Studien zumindest zum Teil auch aus Industriegeldern finanziert werden, gilt mittlerweile als notwendig. Viele Forscher halten jedoch die öffentlichen Mittel zur Durchführung klinischer Studien für zu gering, so der TAB-Bericht vom November 2010.2 Die Autoren sprechen sich deshalb dafür aus, dass neben den klassischen Fördereinrichtungen zukünftig auch andere, z. B. die Krankenversicherer, stärker in die Pflicht genommen werden. Peter Albers plädiert in diesem Bereich außerdem für eine stärkere Bündelung knapper öffentlicher Ressourcen. „Wir brauchen eine gezielte Förderung nach versorgungspolitischen Kriterien. Nur so können wir eine qualitativ hochwertige und bezahlbare Versorgung Krebskranker sicherstellen.“

Versorgungsforschung – Wie praxistauglich ist unsere Krebsmedizin?

Bei der Festlegung der von Albers geforderten gezielten Förderung könnte die Versorgungsforschung einen entscheidenden Beitrag leisten. Anders als die klinische Forschung der Phasen I-III beschäftigt sich diese noch junge Disziplin mit dem Versorgungsgeschehen im Praxisalltag und befasst sich besonders mit folgenden Fragen:
  • Welche Versorgungsabläufe bestehen derzeit, wie ist die aktuelle Versorgungssituation und welcher Bedarf besteht zukünftig?
  • Gibt es innovative Versorgungsansätze?
  • Wie erreichen wir eine hohe Qualität der Versorgung und der Patientensicherheit und wie lassen sich Fehler vermeiden?
  • Wie können Patienten optimal über Gesundheitsthemen informiert und aufgeklärt werden?
  • Was muss getan werden, um die Ausgaben im Gesundheitswesen optimal zu steuern?
  • Welche Folgen haben gesundheitspolitische Gesetze und Entscheidungen?
Versorgungsforschung schließt unterschiedliche Disziplinen ein, wie beispielsweise die Rehabilitationswissenschaften, die Pflegeforschung, die Forschung zur allgemeinmedizinischen Versorgung, und die Palliativmedizin.

In den letzten Jahren wurden in Deutschland wichtige Anstrengungen unternommen, um die Versorgungsforschung als eigenständiges Forschungsfeld zu etablieren. Dennoch besteht ein großer Bedarf an Erkenntnissen aus der Versorgungsforschung in der Onkologie verbunden mit der Notwendigkeit zur Verbesserung der Patientenversorgung bei gleichzeitigem Kostendruck im Gesundheitswesen. „Trotz knapper Kassen sind wir Ärzte der Meinung, dass die Gesundheitsversorgung sich nicht ausschließlich an marktwirtschaftlichen Strukturen orientieren darf. Wir sind überzeugt, dass es durch ein intelligentes Verteilen der Ressourcen möglich ist, eine extrem hohe Versorgung in der Onkologie aufrechtzuerhalten. Gezielte Forschung kann uns dabei helfen“, sagt Peter Albers.



 

Mehr zum Thema

Interview mit Prof. Nils Wilking (Karolinska Institut in Stockholm) zur Priorisierung von Gesundheitsleistungen in Schweden.
zum Interview
 
   



Referenzen
[1] Eckhouse S, Lewison G, Sullivan R. Trends in global funding and activity of cancer research, Molecular Oncology 2 (2008): p 20-32.
[2] Bührlen B, Georgieff P, Vollmar HP. Büro für Technikabfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag. Stand und Bedingungen klinischer Studien in Deutschland und im Vergleich zu anderen Ländern unter besonderer Berücksichtigung nichtkommerzieller Studien. Januar 2010.
[3] Das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung. 09.06.2011.


Aktualisiert am: 16.11.11 - 12:11



Onkologie App
BMS: Melanom Wissen 2013
Zweiter Atem
Suche
Suchbegriff


Wo wollen Sie suchen?


Suchen ->