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DKK 2010 - Interview mit dem Kongresspräsidenten
Sehr geehrter Herr Prof. Schmiegel, Sie laden unter dem Motto „Strukturen verändern – Heilung verbessern“ zum 29. Deutschen Krebskongress im kommenden Jahr. Welchen Schwerpunkt haben Sie mit dem Motto gesetzt?
Prof. Schmiegel:
Die stetig steigende Zahl an Krebsneuerkrankungen stellt unser Gesundheitssystem bereits jetzt vor große Herausforderungen. Bei gleich bleibender demographischer Entwicklung werden diese weiter zunehmen – was wir aufgrund begrenzter Mittel nur strukturell lösen können. Vor diesem Hintergrund wollen wir im kommenden Februar strukturelle als auch wissenschaftliche Neuerungen erörtern, um eine schnellstmögliche Verbesserung unserer Patientenversorgung zu erreichen. Der 29. Deutsche Krebskongress wird hier ein Forum bieten, die begonnenen Diskussionen im Rahmen des Nationalen Krebsplanes mit der Bundesregierung und der Öffentlichkeit fortzusetzen und erste Ergebnisse vorzustellen. Dabei werden wir unsere Forderungen als Mediziner neu formulieren und bündeln. Ebenso wollen wir den Dialog mit unseren Patienten und den Hausärzten – unter anderem in gesonderten Symposien – fortsetzen.
Damit ist und bleibt der Deutsche Krebskongress die wichtigste onkologische Plattform im deutschsprachigen Raum zur Diskussion klinisch relevanter aktueller Forschungsergebnisse und deren Umsetzung in die Praxis.
Zu den Anliegen, für die Sie sich besonders einsetzen, zählt die Etablierung der Organkrebszentren. Wo sind die Hürden, was muss als erstes angepackt werden?
Prof. Schmiegel:
Wir sind hier bereits auf einem sehr guten Weg. Inzwischen sind über 300 der Organkrebszentren und die ersten Onkologischen Zentren zertifiziert. Wir haben hier in den letzten Jahren unsere Konzepte zur Zentrumsbildung umsetzen können, die von allen Beteiligten im Rahmen des Nationalen Krebsplanes bestätigt wurden. Der Krebskongress wird dazu dienen, unsere Erfahrungen in der Etablierung und Arbeit von Zentren praxisnah zu diskutieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Ein besonderer Schwerpunkt der Diskussion liegt auf der Interdisziplinarität der Zentren, den S3- Leitlinien des Leitlinienprogramms „Onkologie als Basis der Qualitätsindikatoren“ sowie ganz besonders auch auf der Ergebniskontrolle. Dabei werden wir auch die Frage stellen, was die Bildung von Zentren –nicht nur der Organkrebszentren, sondern auch der onkologischen Zentren und onkologischen Spitzenzentren – in den letzten Jahren an messbarem Vorteil für unsere Patienten erbracht hat.
Qualitätskontrolle und Vergleichbarkeit mit anderen Zentren ist nur durch eine umfassende Dokumentation möglich. Diese müsste schon jetzt flächendeckend sein. Die Hürden liegen in der Bürokratie, aber auch beim Datenschutz, den es sorgfältig zu beachten gilt. Hier arbeiten wir gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren Hand in Hand und hoffen zeitnah klinische Krebsregister etablieren zu können.
Welche Neuerungen im Programm werden die Teilnehmer im Vergleich zu den Vorjahren erwarten?
Prof. Schmiegel:
Neu ist 2010 ein Programmstrang speziell für unsere jungen Kollegen: Es wird erstmals eine „Juniorakademie“ und ein „Forum Junge Wissenschaft“ geben. Mit der „Juniorakademie“ wollen wir Fach spezifische Weiterbildung und Zukunftsperspektiven gerade für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen gewährleisten und ihnen konkrete Karriereoptionen aufzeigen. Wir wagen hierzu schon im kommenden Jahr einen Ausblick auf die kommenden zehn Jahre. Im „Forum Junge Wissenschaft“ bieten wir dem Nachwuchs die Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Arbeiten in attraktiver Form vorzustellen. Dafür werden Posterbeiträge im kommenden Jahr deutlich aufgewertet: neben einer online submission wird es im nächsten Jahr erstmals eine virtuelle Posterpräsentation mit Postern in elektronischer Form geben, ein so genanntes e-Poster.
Ein weitere Premiere in 2010 ist das Studierendenforum: Die Deutsche Krebsgesellschaft lädt im kommenden Jahr erstmals Studierende der Klinischen Semester zum Deutschen Krebskongress nach Berlin. Sie erhalten einen kostenfreien Zugang zum Kongress, und eigene Tutoren werden Sie durch das wissenschaftliche Programm begleiten. Wir hoffen so, die Krebsheilkunde an den medizinischen Fakultäten populärer zu machen und die Herausforderungen der interdisziplinären Arbeit in der Hochleistungsmedizin Onkologie vermitteln zu können. Tutoren aus den Kliniken der Vorstandsmitglieder werden die Studierenden während des Kongresses durch den Kongress begleiten und ihnen bei der individuellen Kongressplanung als Lotsen Hilfestellung geben.
Ferner vergibt die Deutsche Krebshilfe Reisestipendien. Posterpreise und Präsidentenposter runden das Forum Junge Wissenschaft ab. Gerade für die jungen Kollegen wird sich der Weg nach Berlin also rundum lohnen.
Sie planen auch Tracks zu den häufigsten Tumorarten…
Prof. Schmiegel:
…ja, auch im kommenden Jahr haben wir die Schwerpunktthemen Organ bezogen gesetzt. Neben Tumoren der Lunge, Darm, Brust, Prostata und Haut wird das Programm von interdisziplinären Sitzungen zu multimodalen Therapieansätzen, Neuigkeiten auf dem Gebiet zielgerichtete Therapien und Biomarker sowie einer Reihe von Sitzungen zur supportiven und palliativen Therapie von Krebspatienten ergänzt.
Bereits im Vorprogramm sind Organ bezogenen Programmstränge, die so genannten Tracks, aufgeführt, in denen für jeden Teilnehmer je nach Spezialisierungswunsch über die vier Kongresstage ein attraktives Programm zur gezielten Fort- und Weiterbildung in seinem jeweiligen Tätigkeitsfeld zusammengestellt ist. Insgesamt haben wir 13 solcher Tracks vorbereitet und farblich hervorgehoben. Querschnittsthemen wie „Moderne Bildgebung in der Onkologie“, „Aktuelle Entwicklungen in der Radioonkologie“ oder „Theragnostiks“ sind im Programmstrang „Allgemeine Onkologie“ vertreten.
Was werden aus Ihrer Sicht Highlights des Kongresses sein?
Prof. Schmiegel:
Die vertieften Diskussionen im Rahmen des Nationalen Krebsplans werden sicher spannend sein, denn hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt, aber auch der Status quo für die Zuhörer zusammengefasst. Wir alle sind dabei, ein bislang einzigartiges gesundheitspolitisches Projekt aktiv mitzugestalten. Es ist ein völliges Novum, in diesem Gesundheitswesen über die gesamten Belange eines Krankheitsbildes oder einer Krankheitsart zu sprechen und Strategien zu überlegen.
Brennpunkt weiterer gesundheitspolitischer Foren wird die Überwindung der Sektoren sein, der Stellenwert der Versorgungsforschung hierzulande sowie der rasche Technologietransfer im Rahmen eines Symposiums des BMBF. Auch die Deutsche Krebshilfe ist wieder mit interessanten Beiträgen vertreten. Es ist uns ein besonderes Anliegen, Gespräche mit den wichtigsten Betroffenen in der Onkologie anzustoßen und zu intensivieren – nämlich dem Patienten und den ihn betreuenden Hausärzten. Deshalb ist ein zentrales Symposium der Selbsthilfegruppen und ein eigenes Symposium von und mit den Hausärzteverbänden im Programm vorgesehen. Hier hoffen wir, mehr über die Alltagsprobleme zu erfahren, die bei den Gesprächen „am grünen Tisch“ selten zur Sprache kommen.
Die sechs geplanten Key-Note-Lectures – ein bis zwei pro Kongresstag – werden ebenfalls ein Highlight sein. Wir konnten erfreulicherweise international renommierte Topexperten zu den Haupttumorarten sowie zu strukturellen Themen gewinnen. Mit Neugier erwarte ich auch die Pro-und-Contra-Sitzungen zu aktuellen Kontroversen in der Onkologie. Die Teilnehmer werden hier mit TED-System zu kritischen Fragen wie Krebsfrüherkennung, Ethik, Ökonomie und Therapie Stellung nehmen können.
Die Targeted Therapies, in die große Hoffnungen gesetzt wurden und in Ihrem Grußwort angesprochen werden, haben – zumindest bei soliden Tumoren – den ganz großen Durchbruch bisher nicht gebracht. Wo sehen Sie die größten Chancen?
Prof. Schmiegel:
Die gezielte Therapie ist ja nicht neu. Auch der Ansatz die ErbB-Rezeptoren zu blockieren, ist über ein Jahrzehnt alt. Das Problem vor dem wir heute stehen ist folgendes: Solide Tumoren sind heterogen. Viele Signalwege und ihre Interaktionen führen zur Tumorentstehung und schließlich zur Metastasierung. Hier ist die Grundlagenforschung und die translationale Forschung gefragt. Zum einen gilt es, durch bessere Charakterisierung von Tumoren neue Therapietargets zu identifizieren. Zum anderen müssen auf Patientenseite Faktoren gefunden werden, die ein besonders gutes Ansprechen (oder aber schlechtes Ansprechen) auf eine zielgerichtete Therapie anzeigen, die so genannten prädiktiven Biomarker.
Wir werden auf dem Kongress zu klären haben, welche Patientengruppen wirklich von bestimmten Medikamenten profitieren. Denn wir müssen auch und gerade aus Kostengründen weg vom Prinzip der Gießkanne: Nicht allen Alles, sondern die Therapien müssen individualisiert werden. Das erspart dem Patienten unnötige Nebenwirkungen (denn auch zielgerichtete Therapien sind nicht nebenwirkungsfrei) und der Allgemeinheit hohe Kosten für ineffektive Therapien.
Auf welchen Gebieten sehen Sie in nächster Zeit den größten Handlungsbedarf?
Prof. Schmiegel:
Unser Hauptanliegen gilt der Etablierung Klinischer Krebsregister. Hier werden wir Behandlungsergebnisse dokumentieren, um in Zukunft nach weiteren Verbesserungen für die Patienten suchen zu können – von der effektiven Früherkennung bis zur Therapie nach neuestem Wissensstand.
Darüber hinaus muss es uns gelingen, die Menschen zu erreichen. Krebs ist eine Volkskrankheit, die in den kommenden Jahren weiter zunehmen und unsere Gesellschaft noch stärker fordern wird. Wir müssen daher auch vermitteln, dass Krebs chronifizierbar und entsprechend auch immer öfter heilbar ist.
Sehr geehrter Herr Prof. Schmiegel, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Aktualisiert am: 15.01.10 - 12:19