Angaben zu Autoren und Sponsoren finden Sie am Ende des Beitrags.
Kongressbericht vom Deutschen Krebskongress 2006
Der zweite Atem – Leben mit Lungenkrebs
Hilfe im Kampf gegen Lungenkrebs Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen - Die Kampagne „Der zweite Atem – Leben mit Lungenkrebs“ unterstützt Lungenkrebspatienten
Die Diagnose „Lungenkrebs“ trifft Patienten und Angehörige oft aus heiterem Himmel und löst einen großen Schock aus. Für die Beteiligten tut sich plötzlich eine Vielzahl von existentiellen Fragen und Problemen auf. Bei vielen Krebsarten können sich die Erkrankten in ihrer schwierigen Situation an gut funktionierende Informations- und Selbsthilfenetzwerke wenden. Für Lungenkrebspatienten fehlt ein solches Angebot dagegen weitgehend. Auf dem Krebsaktionstag des 27. Deutschen Krebskongresses in Berlin stellte sich die Kampagne „Der 2. Atem – Leben mit Lungenkrebs“ vor, die diese Lücke schließen will.
„Jetzt handeln – gemeinsam!“ lautete das Motto des Krebsaktionstages, der im Rahmen des 27. Deutschen Krebskongresses in Berlin stattfand. Der Aktionstag richtete sich gleichermaßen an Betroffene wie Nichtbetroffene, denn Krebs ist kein Einzelschicksal: Über 425.000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr an Krebs. Nahezu jeder wird oder wurde mit dieser Krankheit schon konfrontiert - ob im Familien- oder Freundeskreis, der Nachbarschaft oder dem Arbeitsumfeld.
In Podiumsveranstaltungen, Seminaren, Gesprächen mit Experten, Ausstellungen sowie an Informationsständen wurde über Krebs, seine Vermeidung und Früherkennung informiert, sowie mögliche Beratungsangebote aufgezeigt.
Ein Schwerpunktthema des onkologischen Forums war der Lungenkrebs, der neben Brust-, Darm- und Prostatakrebs zu den häufigsten Tumorerkrankungen der westlichen Indrustrienationen gehört. In Deutschland erkranken jährlich etwa 40.000 Menschen an Lungenkrebs, der in über 85 % der Fälle auf das Rauchen zurückzuführen ist. Männer erkranken dreimal so oft wie Frauen. Die Erkrankung tritt überwiegend zwischen dem 55. und 70. Lebensjahr auf. Da Lungenkrebs im Frühstadium selten Beschwerden verursacht, wird er meist erst in fortgeschrittenem Stadium entdeckt, in dem die Heilungschancen ungünstig sind. Den Betroffenen bleibt nach dem Befund in vielen Fällen nur eine kurze Lebensspanne, so dass es kaum krankheitsspezifische Netzwerke für diese Patienten gibt.
Lungenkrebs öffentlich bekannt machen
Die von Hoffmann-La Roche unterstützte Kampagne „Der 2. Atem – Leben mit Lungenkrebs“ will diesen Misstand beheben. Lungenkrebspatienten und ihren Angehörigen soll nach der Diagnose Hilfestellung gegeben und über umfangreiche Information Ängste genommen werden. Zusätzlich wird auf mögliche Hilfsangebote hingewiesen, die den Umgang mit der Erkrankung erleichtern sollen. Der Leitspruch der Aktion „Der zweite Atem“ steht für den Atem, den Sportler bei Höchstleistungen aufbringen müssen. Dieses Bild soll die Betroffenen ermutigen, es mit ihrer Erkrankung aufzunehmen und ihr Leben wieder aktiv zu gestalten. Die Kampagne „Der zweite Atem“ besteht aus mehreren Bausteinen: Die Internetseite www.lungenkrebszentrale.de bietet detailliertes Wissen über Ursachen bis zur Therapie des Lungenkrebses. Darüber hinaus können sich Interessierte hier Broschüren und einen Film zum Thema bestellen. Ein weiteres Element der Kampagne sind bundesweite Informationsveranstaltungen, in denen Lungenkrebs in all seinen Facetten näher gebracht werden soll. Eine solche Veranstaltung fand auf dem Krebsaktionstag statt.
Ehemaliger Sportstudio-Moderator Dieter Kürten setzt sich gegen Lungenkrebs ein
Dieter Kürten
Moderiert wurde die Informationsveranstaltung „Der zweite Atem – Leben mit Lungenkrebs“ von Dieter Kürten, dem Schirmherr der Kampagne. Kürten ist den überwiegend männlichen Lungenkrebspatienten als Sport-Journalist und ehemaliger Moderator des ZDF-Sportstudios wohlbekannt. Er führte in der Veranstaltung durch Gespräche mit Experten, Betroffenen und Angehörigen. Kürten betonte, dass neben all der Schulmedizin vor allem der Mensch im Visier behalten werden solle.
Zur Einführung wurden Ausschnitte aus dem Patienteninformationsfilm „Der zweite Atem“ gezeigt. „Die Idee des Films ist, allen Patienten Informationen zum Lungenkrebs zugänglich zu machen“, erläuterte der an der Veranstaltung teilnehmende Initiator des Films, PD Dr. med. Jens Ulrich Rüffer, Psychoonkologe im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie der deutschen Krebsgesellschaft in Köln. Der Film ermögliche es den Patienten, sich in häuslicher Atmosphäre mit der Krankheit vertraut zu machen. „Zusammen mit Verwandten den Film zu sehen klärt Vieles“, sagte Rüffer.
Mit einem Lungenkrebsbefund erfahrene Fachleute aufsuchen
Im Anschluss an den Film befragte Kürten die Experten zu den medizinischen Aspekten von Lungenkrebs. Dr. med. Karl-Matthias Deppermann, Chefarzt der Klinik für Pneumologie in Neuruppin berichtete von den Schwierigkeiten der Diagnosestellung. Da die Symptome von Lungenkrebs wenig spezifisch seien und schleichend verliefen, würden sie lange Zeit übergangen, erklärte Deppermann. Folglich kommen die meisten Patienten erst in fortgeschrittenem Stadium zum Arzt, in denen es schlechte Heilungsaussichten gibt. „Eine effektive Früherkennungsuntersuchung für Lungenkrebs gibt es noch nicht“, merkte Deppermann an, „es wird aber an solchen Verfahren gearbeitet.“ Mögliche Symptome einer Lungekrebserkrankung - wie eine Veränderung eines bestehenden Hustens, eine neu auftretende Heiserkeit, ein sich nicht bessernder Husten - sollten daher ernst genommen und vom Hausarzt abgeklärt werden,“ riet Prof. Dr. med. Frank Griesinger, Oberarzt der Abteilung für Hämatologie/Onkologe der Georg-August-Universität in Göttingen. Alle Experten waren sich einig, dass es wichtig ist, sich mit der Erkrankung an erfahrene, interdisziplinär arbeitende Fachleute oder spezialisierte Zentren zu wenden. Nur so könne gewährleistet sein, dass eine optimale, auf die speziellen Bedürfnisse des Patienten zugeschnittene Therapie erfolgt. Idealerweise sollte das ganze zur Verfügung stehende Therapiespektrum - Chirurgie, medikamentöse Chemotherapie und Strahlenbehandlung - angeboten werden. Wichtig für eine gute Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt ist zudem, dass der Patient seinem Arzt vertraut. Krankheitsstadien beim Lungenkrebs
Zu den aktuellen Therapiemöglichkeiten befragt, sagten die Experten aus, dass diese insgesamt schonender geworden sind. So seien die modernen Chemotherapeutika deutlich besser verträglich und könnten in der Regel ambulant verabreicht werden, bemerkte Griesinger. Die Nebenwirkungen seien weniger stark ausgeprägt und ließen sich mit zusätzlichen Medikamenten, etwa Präparaten gegen Übelkeit oder Blutarmut, gut in den Griff bekommen.
Zielgerichtete Medikamente versprechen Hoffnung in der Lungenkrebstherapie
Dr. med. Ulrich Gatzemeier, Chefarzt des Onkologischen Schwerpunktes im Krankenhaus in Großhansdorf, machte auch jenen Patienten Mut, deren Erkrankung sich in einem fortgeschrittenen Stadium befindet: „Auch bei einem später erkannten Lungenkrebs sollte man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Denn auch hier gibt es Möglichkeiten, den Verlauf der Erkrankung hinauszuzögern.“
Neue Hoffnungen in der Lungenkrebstherapie versprechen laut Gatzemeier die zielgerichteten Therapeutika, die nur Krebszellen und keine gesunden Zellstrukturen angreifen. Hierbei docken kleine Moleküle an Zelleiweiße von entarteten Zellen an, die an der Entstehung und dem Wachstum von Tumorzellen beteiligt sind. Zu diesen Medikamenten gehört Erlotinib, das den innerhalb der Zelle gelegenen Bereich des Wachstumsfaktor-Rezeptors HER1/EGFR blockiert. In klinischen Studien brachte Erlotinib auch bei fortgeschrittenem Lungenkrebs die Erkrankung zum Stillstand und linderte Symptome, wie Husten und Atemnot. Eine Vielzahl weiterer zielgerichteter Tumortherapeutika befinden sich derzeit in klinischer Erprobung. Gatzemeier berichtete, dass derartige Medikamente zunehmend in bestehende Therapiestandards eingebaut würden. Sie seien keine Wunderpille, stellten aber eine deutliche Bereicherung der Möglichkeiten dar.
Betroffene berichten: Krebs offensiv angehen
Der persönliche Umgang mit der Krebserkrankung aus Sicht Betroffener und Angehöriger war Thema der emotional bewegenden sich anschließenden Gesprächsrunde. Vom anfänglichen Schock bis zu der Erkenntnis, dass er statt sich in sein Schicksal zu ergeben etwas gegen die Erkrankung tun wolle, schilderte Udo Söffing seine Erfahrungen mit dem Lungenkrebs. Für ihn sei jetzt wichtig, vorwärts zu denken und sich eine gewisse Selbstständigkeit und Mobilität zu erhalten. Auch Barbara Baysal wurde nach ihrem Lungenkrebsbefund aktiv. Sie gründete die Selbsthilfe Lungenkrebs, Mitglied der Bundesorganisation Selbsthilfe e.V., Universitätsklinikum Charite in Berlin. „Ich wollte nicht einfach jemand in der Statistik sein, die bald stirbt“, sagte Baysal. Sie erzählte von der Stigmatisierung der Lungenkrebspatienten: Raucher seien in den Augen vieler Menschen selbst an ihrer Erkrankung schuld. Baysal berichtete, dass häufig zuerst die Angehörigen die Selbsthilfegruppe aufsuchten und Betroffene dann folgten. Aus der Perspektive eines Angehörigen beschrieb Fußball-Ikone Uwe Seeler die Krankheit. Er verlor seine 38-jährige Cousine durch Lungenkrebs. Seeler riet jedem, sich nicht aufzugeben, sondern zu kämpfen und die Erkrankung offensiv anzugehen: „Sich selbst zu bedauern ist schlechte Medizin.“ „Zum Umgang mit Krebs gibt es keine Patentrezepte“, so die Meinung des Psychoonkologen Rüffer. Doch die Kommunikation zwischen dem Patient und seiner Umgebung sei wichtig und ein offener Dialog für beide Seiten hilfreich. Auch Sport, beziehungsweise eine angemessene Form von körperlicher Bewegung, könne bei der Bewältigung der Erkrankung gut tun, fügte Rüffer an. Bewegung helfe gegen Depressionen, Schmerzen und Erschöpfung. Abschließend empfahl Rüffer, dass man auch bei einem offensiven Umgang mit dem Krebs in schwachen Stunden Gefühle wie Trauer und Tränen zulassen solle. Zum Ende der Veranstaltung beantworteten Experten allgemeine Publikumsfragen. Spezielle Fragen konnten nach der Veranstaltung im persönlichen Gespräch mit den Experten geklärt werden, wovon rege Gebrauch gemacht wurde. Weitere Informationsveranstaltungen der Aktion „Der zweite Atem - Leben mit Lungenkrebs“ finden in den nächsten Monaten in Essen und Leipzig statt.
Der Bericht zum DKK 2006 wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von
Aktualisiert am: 24.04.12 - 10:20
|
|