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Chancen und Risiken bei der Neuordnung der ambulanten Onkologie


Die Neuordnung der ambulanten Onkologie im Rahmen des Versorgungsstrukturgesetzes stand im Mittelpunkt eines Schwerpunktsymposiums auf dem Deutschen Krebskongress 2012 in Berlin. Unter Vorsitz von Prof. Gerd Glaeske, Bremen, und Dr. Johannes Bruns, Berlin, diskutierten die Teilnehmer über verschiedene Aspekte der Novellierung. Dabei wurde deutlich, dass noch viele Fragen bei der konkreten Ausgestaltung offen sind.

Mit dem Versorgungsstrukturgesetz wird die ambulante onkologische Versorgung in Form eines spezialfachärztlichen Sektors eingeführt. Dr. Rebecca Jahn vom Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen stellte in einem Überblicksvortrag die wichtigsten Eckdaten der Novellierung des § 116b im Sozialgesetzbuch V anhand des „Wasem-Gutachtens“ vor. Die Vorgaben des Gesetzes müssen bis Ende des Jahres vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) umgesetzt werden. Dr. Jahn skizzierte einige der offenen Fragen und Probleme, die dabei von besonderer Bedeutung sind.

Die Neuordnung biete viele Chancen, aber auch Risiken, so die Einschätzung der Expertin. So sieht das Gesetz für den so genannten „dritten Sektor“ bezüglich der Onkologie eine Einschränkung auf „schwere Verlaufsformen“ vor. Wie Dr. Jahn erläuterte, sei jedoch fraglich, ob die ICD-Codierung für diese eher vage Definition ausreicht. Möglicherweise müssten weitere Parameter wie etwa Laborwerte oder spezifische Patientencharakteristika berücksichtigt werden. Diskutiert wird auch, ob letztlich nicht jede onkologische Erkrankung dahingehend interpretiert werden kann.

Ein weiterer „Knackpunkt“, so die Referentin, sei die Teilnahme an der ambulanten Versorgung. Eine Voraussetzug sind Kooperationsvereinbarungen. Hier gibt es jedoch auch Ausnahmen, die relativ großzügig ausgelegt werden können. Jeder teilnahmewillige Leistungserbringer muss seine Tätigkeit gegenüber einem erweiterten Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen anzeigen. Offen ist jedoch die Frage, ob die neu zu schaffenden Ausschüsse ausreichende personelle und fachliche Qualifikationen haben, um die Voraussetzungen innerhalb der vorgegebenen zwei Monate zu prüfen. Ebenfalls nicht geklärt ist die Frage, welche Qualifikation die Ärzte vorweisen müssen. Zur Disposition stehen hier Facharztstandard oder Facharztstatus. In der Praxis könnte ein Facharztstatus bedeuten, dass die Behandlung in einer entsprechend qualifizierten Abteilung auch durch einen Assistenzarzt durchgeführt werden kann.

Patienten benötigen entweder eine Überweisung durch den Vertragsarzt oder aus dem stationären Bereich, um den neuen Sektor nutzen zu können. Wie Dr. Jahn betonte, sollten sie besonders gut über das ambulante spezialfachärztliche Angebot aufgeklärt werden. Je besser die Information über den traditionellen und den neuen Versorgungssektor ist, desto geringer sei die Gefahr, dass neue Schnittstellen entstehen.

Als große Chance sieht Dr. Jahn die unbudgetierte Vergütung. Diese ist für alle Leistungserbringer einheitlich. Der neue Sektor wird direkt von den Krankenkassen finanziert, die auch die Wirtschaftlichkeit und Qualität der Leistungen prüfen. Der Vergütungsabschlag beträgt 5%.

Im Anschluss an den Einleitungsvortrag hatten ausgewählte Referenten die Möglichkeit, diesen aus unterschiedlichen Perspektiven zu kommentieren.

DGHO: Erwartungen haben sich nicht erfüllt
Prof. Gerhard Ehninger, Dresden, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), geht das Gesetz nicht weit genug. Die ursprüngliche Erwartung, dass Versorgungsgrenzen aufgelöst werden, habe sich nicht erfüllt. Nach wie vor würden Patienten zwischen den Versorgungsebenen hin- und herwechseln. Dies sei nicht nur aus ökonomischen Gründen ungünstig, sondern binde zusätzlich viele Ressourcen in der Kommunikation. Auch er sieht das Problem der Definition von „schweren Verläufen“, die sich oftmals nur retrospektiv beurteilen lassen. Er bedauerte, dass Leukämien und Lymphome nicht mit in die Versorgung aufgenommen wurden. Den Vergütungsabschlag von 5% bezeichnete er als nicht angemessen. Er verwies jedoch auch auf positive Aspekte des Versorgungsgesetzes. So habe der G-BA die Möglichkeit, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, deren Evidenz zum Zeitpunkt eines Bewertungsverfahrens noch nicht ausreichend belegt ist, kontrolliert erproben zu lassen. „Im Medizinbereich gibt es keine revolutionären Veränderungen, sondern langsame evolutionäre Prozesse“, so das Fazit von Prof. Ehninger. Er sei jedoch optimistisch, dass gute Lösungen gefunden würden.

BDU: In der Urologie Kooperation schon tägliche Praxis
Für den Berufsverband der Urologen (BDU) sprach Dr. Axel Schroeder, Neumünster. Er begrüßte die Neugestaltung der ambulanten Versorgung als überfällig. „Was wir brauchen, sind regionale Netzwerke“, so der Urologe. Hier biete das Gesetz neue Chancen. Viele der Anforderungen gehörten im urologischen Bereich zur täglichen Praxis. So sei die Aufgabenverteilung klar umrissen und Patienten würden nicht von einer Ebene in die andere geschoben. „Im Sinne unserer Patienten sind wir zur Kooperation verdammt“, betonte der BDU-Präsident. Wichtiger als die Etablierung eines dritten Sektors sei die Verbindung der unterschiedlichen Ebenen. Die fachärztliche Spezialversorgung sieht er vor allem als Chance, die integrierte Versorgung wieder zu stärken. Über die Hälfte der urologischen Praxen in Deutschland arbeite im Onkologievertrag und biete damit bereits eine breite Grundversorgung. Wichtig sei nun die Definition des darüber hinausgehenden Leistungskatalogs für die spezialfachärztliche Versorgung. Auch Qualifikation und Qualitätskriterienkriterien seien wichtige Diskussionspunkte. Dr. Schroeder schlug außerdem vor, einen Abschlag nicht als Honorarrabatt an die Krankenkassen zu zahlen, sondern in die Patientenversorgung einfließen zu lassen, um zum Beispiel eine finanzielle Grundlage für neue Leistungen zu schaffen.

AGO: Akteure besser miteinander vernetzen
Prof. Ingo B. Runnebaum, Jena, vom Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) äußerte sich ebenfalls skeptisch gegenüber einem dritten Sektor. Er formulierte die Position der AGO und des Berufsverbandes der niedergelassenen Gynäkologen (BNGO). Ähnlich wie sein Vorredner bescheinigte er auch dem gynäkologischen Bereich, bereits spezialfachärztliche Leistungen zu erbringen. Darüber hinaus verwies er auf die Bildung erster regionaler Netzwerke. Offene Fragen aus Sicht der gynäkologischen Onkologie betreffen die Weiterbildung sowie mögliche Konflikte zwischen den Akteuren innerhalb der fachlichen Ordnung. Hier ist angedacht, eventuell ein Ombudsgremium ins Leben zu rufen. Auch dürfe das eigentliche Ziel der ambulanten Neuordnung nicht aus dem Blickfeld geraten, so Prof. Runnebaum. Daher müsse erfasst werden, ob beim Patienten tatsächlich eine bessere Leistung ankommt.

AOK: Qualität der Behandlung wichtiger als Status des Arztes
Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, stellte den Patienten in den Vordergrund seiner Anmerkungen. „Je näher wir an den Patienten herankommen, desto mehr Vorschriften müssen wir beachten und desto weniger Zeit haben wir für ihn.“ Jacobs forderte daher wieder mehr ökonomische und gestalterische Spielräume und weniger Bürokratie auf der unteren Ebene.
Zur Diskussion der Qualifikation sagte er, entscheidend sei nicht der Status des Arztes, sondern die Qualität der Behandlung. Dies berühre auch das „Dilemma“ der Vergütungssysteme: Für gute Qualität stehe zu wenig Geld zur Verfügung, weil es an anderer Stelle für weniger Qualität ausgegeben werde. Und ein niedergelassener Arzt, der sich intensiv mit dem Patienten beschäftige, bringe sich ökonomisch um, so Jacobs. „Gerade bei Schwerstkranken tun uns die Budgets am meisten weh“, betonte er. Die Idee des Versorgungsstrukturgesetzes bestehe darin, Qualität zu fördern und den Patienten an Experten für seine Erkrankung heranzuführen. Eine Gefahr bestehe möglicherweise darin, dass „jeder, der anbietet, auch darf“. Abschließend unterbreitete er unter viel Beifall den Vorschlag, das im Rahmen der AMNOG-Nutzenbewertung eingesparte Geld für die Finanzierung von Studien bereitzustellen.

Diskussion
Im Mittelpunkt der abschließenden Diskussion standen nochmals die Definition schwerer Krankheitsverläufe sowie die Forderung nach fachübergreifenden Vorschlägen für den Leistungskatalog der ambulanten onkologischen Versorgung. Auch das Thema Versorgungsforschung wurde von unterschiedlichen Rednern aufgegriffen. Dies sei ein wichtiger Parameter, um den Nutzen der leitlinien-orientierten onkologischen Versorgung evaluieren zu können. Kritisch merkten die Teilnehmer an, dass genügend Daten zur Verfügung stehen, die aber zu wenig genutzt werden. Die Novellierung des § 166b könne hier möglicherweise eine unterstützende Funktion haben.

(as)

 

 


Aktualisiert am: 05.07.13 - 17:32


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