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Der moderate Alkoholkonsum
Bietet ein Glas Wein nicht nur Genuß, sondern auch Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall? Wissenschaftler bewerten die Ergebnisse von Studien, die dem Alkohol diese positive Wirkung zuschreiben, zurückhaltend: Was möglicherweise schützt, kann gleichzeitig das Risiko einer Krebserkrankung erhöhen.
Das französische Paradox
"Rotwein verhindert Herzinfarkte", so oder ähnlich lesen wir es gelegentlich in der Presse. Tatsächlich kann Alkohol positive Wirkungen auf die Gesundheit haben: Regelmäßig geringe Mengen Alkohol zu trinken, kann das Risiko für Herzinfarkte um etwa 20 Prozent senken, zumindest bei ansonsten gesunden Menschen über 50 Jahre. Die Betonung liegt dabei auf "geringe" Mengen. Tatsächlich reicht bereits ein Glas Wein pro Woche aus, um den erwünschten Effekt zu erzielen.
Sollten wir also allen Menschen empfehlen, mindestens einmal pro Woche Alkohol zu trinken? Lieber nicht. Das Problem in unserer Gesellschaft ist nicht, dass zuwenig, sondern dass zuviel getrunken wird.
Bei der Bewertung des Herzinfarktrisikos müssen wir immer alle Risikofaktoren gleichzeitig betrachten. Diese sind wohlbekannt: Rauchen, hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte, Übergewicht, Bewegungsmangel, Zuckerkrankheit, Stress. Alkoholabstinenz kann nicht als Risikofaktor angesehen werden.
Der Traum des übergewichtigen Rauchers: Täglich ein paar Bier vor dem Fernseher und dadurch das Herzinfarktrisiko senken – so einfach ist es leider nicht. Immerhin hat Alkohol auch eine Menge "leere" Kalorien zu bieten, was das Übergewicht eher verstärkt. Aufhören zu rauchen, mehr Bewegung, Gewicht abnehmen und Krankheiten wie Zuckerkrankheit und hohen Blutdruck behandeln (falls sie sich nicht schon durch Bewegung und Gewichtsabnahme von selbst gebessert haben) – das ist zwar mühsamer, aber es wirkt.
Gesunde, schlanke Nichtraucher, die sich regelmäßig bewegen, haben ohnehin ein so geringes Herzinfarktrisiko, dass Alkohol es nicht mehr signifikant senken kann. Also kann man auch ihnen nicht ernsthaft empfehlen, aus "Gesundheitsgründen" Alkohol zu trinken.
Mäßiges Trinken wird nicht uneingeschränkt empfohlen
Die "Ernährungsempfehlungen für Amerikaner", herausgegeben vom US-Landwirtschaftsministerium und gern zitiert von der Weinindustrie, empfehlen auch keineswegs den Alkoholkonsum. Wörtlich heißt es: "Mäßiges Trinken senkt möglicherweise das Risiko für koronare Herzkrankheit, besonders bei Männern über 45 und Frauen über 55. Allerdings gibt es andere Faktoren, die ebenfalls das Risiko für Herzkrankheiten vermindern, unter anderem eine gesunde Ernährung, körperliche Aktivität, Nichtrauchen und ein gesundes Körpergewicht."
Für jüngere Menschen bringt mäßiges (Alkohol-)Trinken nur wenige gesundheitliche Vorteile, falls überhaupt welche. Das Risiko für Alkoholmissbrauch steigt an, wenn mit dem Trinken in frühem Alter begonnen wird. "... Wenn Sie sich dafür entscheiden, Alkohol zu trinken, tun Sie es vernünftig und in Maßen. Beschränken Sie Ihren Konsum auf ein Glas pro Tag für Frauen und zwei für Männer, und trinken Sie zu den Mahlzeiten, um die Aufnahme zu verlangsamen. Trinken Sie nicht bevor oder während Sie Auto fahren, oder dann, wenn es Sie oder andere in Gefahr bringen könnte."
Studien haben gezeigt, dass die angegebenen Mengen von täglich einem Glas alkoholhaltiger Getränke für Frauen und zwei für Männer – wenn sie regelmäßig konsumiert werden - bereits das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen ansteigen lassen. Im Sinne einer ganzheitlichen Gesundheitsvorsorge ist es also besser, sein Herzinfarktrisiko durch weniger riskante Methoden in den Griff zu bekommen.
Schlaganfall
Auch das Risiko von Schlaganfällen sinkt mit dem regelmäßigen Konsum kleiner Mengen Alkohol (maximal 14 Gramm reiner Alkohol pro Tag). Allerdings betrifft dies nur eine Untergruppe von Schlaganfällen, den sogenannten "ischämischen" Schlaganfall. Es handelt sich um eine Durchblutungsstörung ähnlich dem Herzinfarkt, daher bezeichnen ihn manche auch als Hirninfarkt. Es gibt aber noch eine andere Art von Schlaganfällen: Den "hämorrhagischen" Schlaganfall, eine Hirnblutung. Hier kann Alkohol das Risiko nicht vermindern. Und schon 40 Gramm reiner Alkohol am Tag – die gern als bei Männern noch "unschädlich" propagierte Menge – erhöhen bereits das Schlaganfallrisiko wieder.
Fazit: Alkohol senkt nur dann das Risiko für Herzinfarkte und bestimmte Arten von Schlaganfällen, wenn er sehr mäßig genossen wird. Ein einziges Glas pro Woche genügt – und selbst das ist nicht unverzichtbar, denn es gibt viele andere Methoden zur Risikosenkung. Wer angeblich Alkohol "für die Gesundheit" trinkt, belügt sich selbst. Gelegentlich ein Glas Alkohol "für den Genuss" ist in Ordnung für Personen, die dies bewusst tun und nicht alkoholgefährdet sind. Risikoloses Alkoholtrinken gibt es nicht.
Aktualisiert am: 05.06.11 - 13:52